The Goode Shippe Friendship

von Matthew

Wie unsere eigenen Welten wachsen kommt der Punkt wo sich die Fäden zwischen einst vertrauten Menschen in die Länge ziehen. Für die, die versuchen sie wieder einzuholen. 

 Man denkt selten darüber nach wie selbstverständlich es ist. Diese engeren Beziehungen zu gewissen Menschen, die zwar nicht exklusiv sind, aber für sich doch beanspruchen etwas Besonderes zu sein, mehr als eine bloße Begegnung von Mensch und Menschen. Ist ja vermutlich auch gut so, dass man sich nicht immer wegen dieser Kleinigkeit noch zusätzlich den Kopf zerbricht, und wer dieses fragile Kartenhaus der Gedanken nicht stören möchte, der sollte vermutlich nicht weiterlesen, denn wer kann sagen ob es sich dieses heile Verständnis wieder herstellen lässt? Wie unsere eigenen Welten wachsen und größer werden, räumlich sowie zeitlich, kommt doch der Punkt wo sich einzelne dieser Fäden zwischen einst vertrauten Menschen in die Länge ziehen. Für die, die versuchen sie wieder einzuholen.

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Es beginnt plötzlich. Der freudige Brief, der überraschende Anruf. Und bald findet man sich am Flughafen, im Café, am alten Haus oder an sonstigen ominösen Orten wieder. Eine aufgeladenste Situation, denn mit der Zeit merkt man schnell – dass was man erwartet, wird nicht das sein, was einem tatsächlich begegnen wird. Hochgesteckte Vorausannahmen, denen allzu oft die Erkenntnis folgt – es ist anders als früher. Und bei aller Voraussicht und Verständnis für diesen Umstand bleibt es meistens doch immer eine kleine Enttäuschung. Das zähe Schlürfen durch die stockende Unterhaltung, die ungewohnte und manchmal verletzende Oberflächlichkeit, die das Seidennetz durchreißt, das einst Vertrautheit war. Manchmal ist man geneigt, einst liebgewonnene Eigenschaften neu zu interpretieren – die Freundlichkeit als Heuchelei, die scharfsinnigen Bemerkungen als Manipulation, die Unbeschwertheit als Leichtsinnigkeit. Und nicht unoft wünscht man sich vielleicht es wäre bei den alten Erinnerungen geblieben. Dieser Mensch ist fremd, irgendwie nicht mehr der gleiche, oder noch erschreckender: man selbst ist zu etwas Anderem geworden. Fremd. Etwas was hier nicht mehr hineinpasst. Das eigentliche Ich versiegte in der Zeit, und bleibt verloren.

Lohnt es sich überhaupt, dem zu stellen? So viel Zeit neu zu investieren, wenn es auch noch so viele andere lebendige Beziehungen gibt? Warum gerade sie, gerade er? Was gibt es denn hier überhaupt noch für Gemeinsamkeiten, das man die einsetzende Totenruhe stören müsste? Ist dieses Gegenüber, ist der Mensch am Ende nicht austauschbar? Denn ist er nur die Summe seiner Interessen und Manieren: die ließe sich auch aus anderen Personen zusammensetzen. Und auch eine gemeinsame Geschichte ist schnell hergestellt.

Doch auch wenn die Länge, Qualität, Intensität gerade dieser Freundschaft maßgeblich ist, ein Teil der eigenen Identität die es zu schützen gilt – was hat man denn als „ausgedienter“ Freund denn hier noch zu suchen? Kann man denn hier nicht nur zerstören, entzaubern? Oder auch: sollte man dann vorsichtiger mit der Auswahl seiner aktiven Freunde sein, die letztendlich zum eigenem Ich werden? Schon vorausahnend in Hinblick auf diese Problematik handeln, so unmöglich es auch sein mag? Wenn man aber dagegen hält, nicht das ‚wer’, sondern das ‚wie’ in der Beziehung zum Anderen ausschlaggebend ist… ist der Mensch dann nicht auch wieder austauschbar?

Ein Spießrutenkreislauf, der sich noch viel weiter fortsetzen kann und tiefgreifenden Spuk treibt, wenn man ihn lässt. Und es geht hier schließlich nicht nur um die eigene Nutzenmaximierung, denn bei den engsten Freundschaften (um eine ganz bestimmte Definition des Wortes vorauszugreifen) läuft hoffentlich ganz Naturgemäß eine ganz gewisse Vorstellung der Wechselseitigkeit, der Reziprozität mit im Fluss der Gedanken. Es geht um die einmalige Verbindung, die in sich selbst etwas Sublimes, Sakrales, unantastbar Heiliges in der eigenen Biografie wird. Und sei auch nur diese Hoffnung, die diese Verbindung ist, der einzige Grund für ihre Erneuerung – unter gegeben Möglichkeiten ist es meistens Grund genug.

Manche Menschen gibt es eben nur einmal auf der Welt. Sie sind für einen mehr, als ihre oberflächlichen Schnittstellen mit der oberflächlichen Realität. Jede Begegnung, egal wie Kurz, kann durch ihren Kontext und ihre Intensität wahrhaftig prägend sein. Aus diesen Gründen allein ist eine Auffrischung (trotz der Gefahr der Verklärung) empfehlenswert. Ob es aber bei bloßer Nostalgie bleibt oder mehr werden kann hängt wohl vom eigenen Willen ab, inwiefern man bereit und in der Lage ist den schorfigen Rost und das überwachsene Moos zu beseitigen, oder sich mit den alten Fotoalben begnügt – vielleicht auch mit Wehmut begnügen muss. Eine Wiederbegegnung ist in jedem Fall aber eine neue Chance – eine Chance, in sein Leben einzugreifen, eine Chance für Wiedergeburt unter vertrauten Prämissen, für jeden eine Chance, einen wichtigen Teil seiner selbst zu finden. Ein Risiko, wahr, dem man sich stellen kann, wenn man es schafft, sich selbst zu überwinden, oder besser gesagt, sich zu verstehen. Und dann zu handeln. So, wie man sich seine eigene Prioritäten setzt.

Das ist vielleicht ein schwaches Schlusswort, eins das, schnell gelesen, eventuell etwas nichtssagend wirkt. Aber um tiefer in die Konstruktion unserer Seelen hineinzubohren bleibt (zum Glück) keine Zeit. Ich muss jetzt wirklich los. Ich treffe mich mit einem alten Freund.

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