Die Flasche Wein am Wegesrand

von Mario

Der all samstäglich der Süddeutschen Zeitung beiliegenden Wochenendteil eröffnete vor ein oder zwei Wochen mit einem ganzseitigen Artikel zum Umgang der Gesellschaft mit Doping im (Rad-)Sport. Die grobe These des Artikels war, dass eben jene feine Gesellschaft die die überführten Doper brandmarkt und ausstößt, so dass er fortan einen Radshop im Keller seines Einfamilienhauses betreibe, sich selbst ständig dopt. Weil in ihr jeder Einzelne ständig lächelnd Höchstleistungen bringen soll, die er nicht bringen kann und deshalb dopt. Manager mit Aufputschmitteln und Schlaftabletten, Eltern ihre Kinder mit Ritalin, Radfahrer mit EPO, Testosteron und Eigenblut. Inkonsequent, nicht?

Konsequent wäre die Legalisierung, die totale Freigabe aller Maßnahmen. Vielleicht könnte man so auch das auf die Tour und ihre Teams zu kommende Sponsorenproblem lösen: Statt T-Mobile und Adidas prangten dann die Logos namhafter Pharmahersteller auf des Fahrers Stolz und – jetzt legal – auch Testosteron geschwellter Brust. Der nächste Konsequente Schritt wäre die Einführung einer Konstrukteurs- beziehungsweise Chefarztwertung. Der Fairness halber sollte, in Anlehnung an den Motorradrennsport, auch über die Einführung von Kubikmilliliterklassen nachgedacht werden. 100, 150, 300 Milliliter vor dem Start oder auf der Strecke, direkt in den Arm. Man muss sich das vorstellen, vier oder fünf Teamfahrzeuge preschen vor und bringen sich ein, zwei Kurven vor dem Führenden in Position, dann kommt das Feld. Wie auf Kommando löst sich eine magentafarbene – ein unwahrscheinliches aber vertrautes Bild – Kolonne aus dem Pulk und rollt in Schrittgeschwindigkeit in die improvisierte Boxengasse. Wie bei der Formel 1 hat jeder Fahrer seinen persönlichen Stopper der ihn in einem Fahrradständer fixiert, dann springen links und rechts die Ärzte vor. Die Geräuschkulisse erinnert an das hektische Kreischen der Luftdruckschrauber bei der Formel 1, von links und rechts werden den Fahrern die Nadeln in den Arm geschossen. Dann folgt, unter Hochdruck, es geht um Sekunden, ein exakt auf die Strecke angepasster Mix aus Eigenblut und putschenden Mittelchen. Ein kompletter Blutwechsel in unter 2 Minuten. In einer perfekt synchronisierten Choreographie springen die Techniker zurück, reißen als Zeichen der erledigten Arbeit frenetisch den Arm nach oben und der Pulk jagt aus der Boxengasse. Den blassen Gesichtern der Fahrer nach zu urteilen fährt das Team heute mit einer Drei- Stopp- Strategie, klug in den Bergen mit nur 2- 3 Litern Blut im Körper ganz leicht zu starten und erst auf dem Gipfel voll zu machen bis obenhin, bergab zählt jedes Gramm. Die Führenden erreichen die Zielgerade, jede Mannschaft will jetzt ihren Kapitän in eine gute Ausgangsposition bringen, jetzt sprinten sie los! Plötzlich fällt der Führende zurück, rollt langsam aus, das Feld jagt an ihm vorbei und ins Ziel. Die Zeitlupe zeigt es ganz klar, ein Motorenplatzer. Und das hat wenig zu tun mit dem Schmoren und Rauchen dem schon so mancher Formel 1 Bolide zum Opfer fiel. Hier zerreißt es unter dem gewaltigen Druck ganze Halsschlagadern. Ein feucht- schmatzender Knall, das Publikum leckt sich strahlend das Blut aus dem Gesicht und der Fahrer blutet im Kiesbett langsam aus.

Jedes Jahr erzählen die Kommentatoren während der Übertragung eine Anekdote aus den Anfängen der Tour de France. Sie handelt von einem Pedalero, der, mit sattem Vorsprung führend sich in einem Wirtshaus am Wegesrand eine Flasche Wein gönnte. War das eine andere Zeit?


Danke an Flo, Stefan, Max, Flo und die SZ für den Input.

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