Spielen

von Christoph

Im dunklen Saal räusperte sich die Menge als Türen die Welt aussperrten. Wie als hätte man ein dickes Tuch über das Theater gelegt, so war das leise Geräusch der vorbeifahrenden Autos plötzlich verschluckt. Es wurde still. Vereinzelt scharrten noch Füße über den Parkettboden, wurden hastig Programmblätter getauscht und irgendwo kicherte jemand. Da öffnete sich der Vorhang.

Ein Scheinwerfer erhellte die Dunkelheit auf der Bühne, ein Mann fiel mehr aus dem Seitenvorhang als das er ging. Er torkelte auf die Mitte zu, hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Unterleib. Das Publikum applaudierte. Der dunkle Anzug des Unterhalters schien schwer an seinen Schultern zu ziehen. Er griff nach dem Mikrofon. „Hilfe.“ Er schien sich am Mikrofonständer festzuhalten, zu klammern, sich daran aufzurichten. „Hilfe.“. Im Saal wurde es ruhiger. Feierliche Stille breitete sich aus, Ruhe griff um sich. Der Beleuchter reduzierte das Licht, angenehm warm pinselte es die Bühne an und das Gesicht des geblendeten Akteurs wurde weicher. „Ich bin… verletzt. Hilfe.“ Des Darstellers Augen suchten den Raum ab, warteten, warteten genau auf den richtigen Moment, den perfekten Augenblick. Künstler. Perfektionist. Wie gewohnt, das war es, was seine Aufführungen so gut machte.

„Duncan wars“. Ein Raunen durchquerte den Raum, vereinzelt griff so mancher zum Programmheft und besserte rasch sein Wissen über Shakespeares Stück wieder auf. Moderne Kunst. Duncan hat Macbeth umgebracht. Die anwesende Kulturredakteurin entwarf im Kopf schon ihre Schlagzeile. Alles Anders. Alles anders als gut. Da ließe sich auch ein Verriss draus machen. Doch auf der Bühne war Macbeth inzwischen in sich zusammengesunken, das Mikrophon schwanke bedenklich. Die Kulturredakteurin sah es schon wieder als Zeichen.

Der Schauspieler lag da, atmete schwer und rief der ersten Reihe zu: „Haltet Duncan. Haltet den Mörder.“ Szenenapplaus der Honoratioren. Die Kulturredakteurin vergaß ihren Verriss und klatschte mit. „Haltet Duncan.“ Eine politische Anspielung?

Noch einmal ein leises Wort: „Versteht ihr nicht? Duncan…“. Der Rest ging unter, die Stimme versagte. Wie ein Schlag verließ den liegenden, ausgestreckten Körper alle Kraft. Das Publikum war außer sich. Was für ein Einstieg. Wie genial gespielt. Frenetischer Applaus, der Beleuchter lässt langsam den hellen Strahl versiegen, es wird dunkel. Applaus. Der Vorhang schließt sich.

Ein wenig später wird Duncan wegen Mordes festgenommen. Er leugnet alles. Es war nur ein Spiel.

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