Gelöste Aufgabe.

von Flo

Tocotronic bewegen sich in einem Jahrzehnt von außen nach innen. Und finden dabei das große Lösungskonzept.

So schön kann Indiemusik auf einem Majorlabel sein. In der Großstadt meiner Wahl grüßen seit Wochen von Maschendrahtzäunen und Plakatwänden, von betonernen Brücken und Bundesstraßenrändern Werbetafeln, die in neongrüner Schrift auf schwarzem Grund künden: „KAPITULATION“. Daneben wird verkauft und beworben, Leistung versprochen, und nach einem optischen Schwenk über all diese redundanten Mitteilungen diese trockene Empfehlung. Man könnte sich daneben legen, oder seine Taschenmesser abwerfen, sein Bargeld oder vielleicht ein paar Überwachungskameras opfern. Oder „ja!!“ rufen. So schön kann Indiemusik auf einem Majorlabel sein; und ihre Werbung.

Von weiterem Belang soll der Plattenvertrag der Band in diesem Text aber nicht sein. Tocotronic waren schon vor 2 ½ Jahren mit „Pure Vernunft darf niemals siegen“ in den Tagesthemen. Mehr, in diesen musikalischen Hörerkreisen oft gefürchteter, „Hype“ wird es eh nicht. Und: Medien- und Werbepräsenz ist keine Schmach, solange man denn etwas hat, das lohnt weitergegeben zu werden. Inhalte wiederum sind bei Lowtzow, Müller und Zank nicht knapp.

Gleichwohl kreuzt sich diese Präsenz mit einem anderen Faktum: Dass Tocotronic seit Jahren unterwegs sind, und immer weiter gehen. So besonders schön sichtbar ist das gerade in dieser Art Musik, die die Band macht. Man kann hörenswerte Musik machen als einen emotionalen musikalischen Angriff; rütteln und zupacken wie Sometree etwa. Man kann auch durch Virtuosität überzeugen, oder durch impressionistische Innerlichkeit. Oder man teilt mit. Ich fürchte, man muss, ohne respektlos gegenüber der musikalischen Leistung der Band zu sein sagen: Tocotronic waren schon immer im wesentlichen ihre textliche Botschaft, die Message. Die Beobachtung und der Gedanke.

Man kann die Veränderung wahrlich „mithören“: Von den scharfen Beobachtungen, die dem Alltag immer an der Maske herumzuziehen versuchten, von „Samstag ist Selbstmord“ über „Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“ – Selbstverständlichkeiten dekonstruieren. Daran arbeiten manche Soziologen Jahrzehnte. Der Blick ging allerdings vom Individuum nach draußen, der Fehler lag dort irgendwo in der Welt. Spätestens über „K.O.O.K.“, „Tocotronic“ (das selbstbetitelte „weiße“ Album) und „Pure Vernunft darf niemals siegen“ hat sich aber die Dialektik eingeschlichen, bewegen sich die „lyrischen Ichs“ stärker mit ihrer Umwelt, und vor allem: Wandert der Blick nach innen, werden stärker innere Zustände traumwandlerisch-kryptisch nach außen befördert, statt scharf beurteilt.

Die „Kapitulation“ stellt in der Hinsicht der Introspektive einen Gipfel dar. „Mein Ruin“beginnt schwungvoll- mit dem Aufgeben, dem Hingeben und mitziehen lassen. „Mein Ruin, das ist zunächst/ etwas das gewachsen ist/Wie eine Welle, die mich trägt/ und mich dann unter sich begräbt“. Eine subjektive Empfindung, einer Erzählung – aber unglaublich universell. Ein Rausch, ein Plan, ein Erfolg – ein ganzes Leben, könnte eine solche Welle sein, die trägt, und dann unter sich begräbt.

„Kapitulation“, der Titeltrack, bleibt im von-innen-nach-außen und formuliert das Konzept im fröhlich rumpelnden Wiegetritt unterlegt, so deutlich wie möglich: Wenn alles unerträglich ist – aufgeben, nicht länger kämpfen, hinnehmen können. Und die wundersame Synthese – auch all die anderen müssen dann kapitulieren – „alle die kontrollieren, alle die disziplinieren“. Danach fallen die Grenzen minütlich – das Bestehen auf der eigenen Unabhängigkeit in „Wehrlos“ mit seinen schrammelnden Gitarren, die Abgrenzung gegen alle in „Aus meiner Festung“, die Definierung über das eigene Schaffen in „Luft“… Soviel Konzept geht in ein Album.

Und das nicht nur als eine thematische Stringenz, sondern auch als eine Idee. Eine, die den Werbeaufwand rechtfertigt. Was würde passieren, wenn wir alle aufhören zu laufen, uns der eigenen Schwere hingeben, und dorthin gehen, wo es uns hinzieht? – Nicht am großartigsten musikalisch aber wichtig für das Album ist „Sag alles ab“. Während die Band diabolisch-maschinell rumpelt, und wie eine Dampfturbine alles zu übertönen droht, singt sich Dirk von Lowtzow in eine Hysterie: Schalt die Maschine ab, „die Karriere hat heut Pause“, fahr die Ellbogen ein und der Kampf hört auf. Ein Hinweis für all die in den Hamsterrädern, und alle Israelis und Palästinenser dieser Welt.

Um die Vision komplett zu machen schwirren düster-geheimnisvolle Sprengsel um Liebe und nächtliche Eindrücke durch das Album – seltsame Impressionen und rätselhafte Zeichen „die Laternen blinken heimlich eine Botschaft durch die Nacht“, heißt es im wunderbar kryptischen „Dein geheimer Name“, das wohl davon handelt Schwellen tatsächlich zu überschreiten.

Meilen entfernt von der beißenden Umfeldkritik sind Tocotronic jetzt, auch wenn ein eingeworfenes „ich bin ein Star, holt mich hier raus“ einmal anderes impliziert… Und stattdessen ganz tief in eigenen Welten, im Inneren, und an der subjektiven Lösung angekommen. Und befördern vielleicht gerade aus dieser Innerlichkeit die größte Idee, gesellschaftlich sprengstoffhaltigste Kritik zu Tage, die seit Jahren auf CD gebannt wurde. Keine arg simple Regierungskritik, sondern der ganz große Wurf grüßt hier von irgendwie tief innen.

Freilich wären Tocotronic nicht Tocotronic, wenn die Idee nicht auch gebrochen wäre, wenn der schlagerhafte Ton nicht die Einfachheit der Losung im Titeltrack ins Unglaubhafte übersteuern würde, und wenn in „Sag alles ab“ das vage Hitzefrei-Motiv, das Nichtkämpfen nicht auch als schülerhafte Naivität kennzeichnen würde. Aber keine Wahrheit ohne Dialektik. Keine Lösung die nicht von innen käme. Keine, wirklich keine Vision, die funktionieren wird. “Kein Wille triumphiert” sind die gesungenen letzten Worte der CD. Wir müssten nur aufhören zu wollen. Alles.

Metadaten:

3 Kommentare!


    Fatal error: Call to undefined function is_wpuser_comment() in /www/htdocs/w008468a/fallenlegen/_fl1/wp-content/themes/wearemagazine_2/comments.php on line 30