Schwedische Gardinen: Minessweeper

von Christoph

Andersson sah sich behutsam den Zettel an, den Rinnthanens latexfreie Naturgummihandschuhe ihm zugeschoben hatten.

[ +sj s ]

stand dort geschrieben, und wenn man genauer hinsah, etwas abgefärbte Druckerschwärze. “bald…” … achso, na klar, rückwärts. “ijksblad”, die Zeichen in die oberste Ecke rechts hineingedrängt so das man gerade noch am unteren Rand des Papiers ein spiegelverkehrtes Datum erkennen konnte. Die heutige Zeitung also. Hmm. Wie abgepaust auf dieses ungewöhnlich offensichtliches Stück Papier. Hmm. In einem Haus wo heute niemand, die akribisch klinisch-reinen Beamten der polizeilichen Spurensicherung ausgenommen, gewesen sein hätte können. Hmm. Er ließ das Blatt zu Boden gleiten, und gab sich wieder den Freuden der Getränkekarte hin. Jetzt bloß nicht das Denken anfangen. Er war dem schon gefährlich zu nahe gekommen.

Vor Ort sein war doch nochmal was anderes. Ein detaillierter Bericht kann zwar einiges vermitteln, aber… Rinnthanen sah sich genauer um. Eine dünne Blutspur schlängelte sich am unteren Rand der Hausbartheke entlang, das hatten sie wohl übersehen. Rinnthanens kriminologischer Feinschmeckersinn war entzückt. Blutspuren waren immer gut. Besonders wenn man sie selbst entdeckte. Sonst war im ersten Bericht der Spurensicherung alles drin gestanden, die Glasscherben, die anderen Blutspuren, natürlich die Leiche selbst und – nun, der Zettel war selbstverständlich nicht erwähnt worden. Konnte jemand wirklich das polizeiliche Siegel umgehen, ohne irgendwelche Anzeichen dafür zu hinterlassen? Oder war es eine heimtückische Verschwörung unzufriedener Spurensicherungsspezialisten in Stockholms Län? Wer war daran interessiert einen völlig aussagelosen Zettel absichtlich so zu hinterlassen? Das Blatt schrie so dermaßen “Finte! Täuschung! Billiger Trick!”, dass man die Bedeutung fast gleich ignorieren und sich stattdessen ausschließlich auf den Urheber konzentrieren könnte – aber man würde natürlich jemanden zur Nachforschung abstellen. Man musste für alles offen sein, alle Gedanken hineinlassen, alles war möglich. Außer Andersson natürlich, der war stets einfach unmöglich. Aber davon durfte man sich jetzt nicht stören lassen! Es war eine waschechter Krimi! Nicht immer diese Eifersuchtsmorde oder Alkoholleichen. Ein richtiger Fall! Mit Rinnthanens Aufregung wuchs auch seine Maske der Empörung. Hier war schließlich jemand gestorben, und es war eindeutig einiges ziemlich faul auf der Insel Utö. Man wollte ja nicht den falschen Eindruck vermitteln. Er sah hinüber zu Andersson, der neben einigen ernsten aber eifrig photographierenden Beamten stand, weiterhin in der Welt von Unicum versus klassischen Himbeergeist vertieft.

“Hej!” Andersson schloss die Augen. Gleich würde der da wieder anfangen zu schreien. So wie dieses eingemachte Würstchen auf dem Schiff. Dieser braune Käfer. Sie schicken immer die Käferlinge. Kriechen, schleichen umher, klappern mit ihrem Mundwerkzeug herum.
“Kamrat! Hier ist ein Mord geschehen!”
“Hmm. Ja.”
“Meinst du nicht nicht wir sollten was tun?”
“Ja.”
“Würde der Herr sich herablassen, sich tatsächlich diesbezüglich in Bewegung zu setzen!?”
“Jaja.”
Andersson blieb weiterhin stehen, aber es war bereits um ihn geschehen. Die kleinen Zahnräder in seinem Kopf setzten sich allm�hlich in Bewegung, schnitten durch die nebelig-wollige Decke des Alkohols, und irgendwo machte es “Klick”. Nicht schon wieder.
“DANN TU DOCH ENDLICH WAS DU VERSIFFTER, MIEFENDER FETT-”
“Das reicht! Ihr da,” er deutete auf die zwei umherstehenden Beamten. “Bringt mir sämtlichen Müll innerhalb von 50 Metern. Flaschen, Papierfetzen, Eierschalen, alles. Sämtlichen unnützen Unflat schleift ihr hierher, verstanden!?” Sie nickten, von den urplötzlichen Bewegungen dieser wandelnden Statue sichtlich alarmiert. Andersson zeigte auf Rinnthanen. “Den könnt ihr stehenlassen. Der soll ersteinmal weiterarbeiten.” Und fügte knurrend hinzu, “manchmal muss man schon selber dem Müll eine Abfuhr erteilen.”

Nach monatelangem Minesweeper-Spiel fühlte sich der Praktikant hier restlos überfordert. Er kratzte sich nervös am Bein, während die Runde der Chefredakteure ihn entnervt musterte. “Sie… sie wollen uns also sagen… das vor wenigen Momenten ein Schreiben im Zusammenhang mit dem Fall Staffan Hagtorp eingegangen ist,” sprach nun einer, in der langsamen, glucksend fröhlichen Stimme die von Führungskräften verwendet wird, um ihre Irritation in Zaum zu halten wenn sie mit unterbemittelten Unterlingen redeten. “Ein Bekennerschreiben. Zum Mord. An Staffan Hagtorp?”
Es wäre wirklich nicht so schlimm wenn er in ihren kollektiven Augen nicht sein Spiegelbild sehen würde, dass von allen Seiten aufgespiesst über eine lodernde Flamme hing. Weniger Ausgaben für Fleisch beim nächsten Firmengrillfest. “Nein… wie ich schon sagte, das, äh, das Schreiben ist… von Herrn Hagtorp?”

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