Sendung mit

von Christoph

Im vergangenen Jahr wurden weltweit so viele Patente angemeldet wie noch selten zuvor. Die Bandbreite der neuen Ideen reicht von genial bis verrückt, von Verbesserungen am Hybridmotor für den Umweltschutz bis hin zum erdbebensicheren Bett. Fraglichen Nutzen umfängt auch die Erfindung einer Waschstraße für Menschen. Bitte hinten anstellen.

Doch wenn man genauer hinsieht, kann man die Erfindungen in zwei Kategorien einteilen. In ersterer ist ein deutliches Übergewicht an ambitionierten Hobbyerfindern festzustellen, die neue Ideen mit direktem Bezug zum Alltagsleben anmelden. Die Patente sind leicht verständlich, auch wenn der Nutzen bisweilen sehr fragwürdig erscheint. Die zweite Kategorie wird von Firmen und ihren Entwicklungslaboren dominiert: Patente, die der durchschnittliche Student nicht einmal ansatzweise versteht und deren Sinn absolut im Unklaren bleibt. Die Forschung entfernt sich vom Horizont des Einzelnen und wird unverständlich. Da scheint es nur klar, dass kein Aufschrei durch die Lande geht, wenn Fördermittel gekürzt und Risikokapital für neue Ideen immer schwieriger zu bekommen ist – der Bürger versteht nicht mehr was an zweitvorderster Front passiert. Die vorderste Front ist nicht einmal eingeschlossen, denn Patente beziehen sich ja schon auf die gesicherte Anwendung von neuen Ideen.

War es bis in die frühe Neuzeit möglich, als Universalgelehrter auf vielen Bereichen der damals modernen Forschung aktiv zu sein, so scheint dies endgültig vorbei: Marie Curie war 1911 die letzte Forscherin, der in zwei verschiedenen Fachsparten ein Nobelpreis zugesprochen wurde. Dies scheint heute unmöglich. Doch muss man auch die Zeit und andere Faktoren mit in solche Überlegungen mit einbeziehen: Um 1900, also nur wenig früher, war es allgemeiner Forschungstenor, dass alles, was erforscht werden könnte, hinreichend erklärt wäre: Es wären allenfalls Detailverbesserungen an den bestehenden Theoremen nötig und die Welt wäre vollkommen erklärt.
Heute lacht man über Überlegungen zum Äther, die Albert Einstein, Nils Bohr und eben auch Marie Curie mit ihren revolutionären Gedanken ins Wanken brachten. Eine neue Epoche brach an: Die erklärbare Welt geriet ins Wanken, vieles von dem, was man bisher erklären konnte, wurde neu hinterfragt. Die Forschung ließ der Allgemeinheit und ihrem Weltverständnis die Basis weg brechen, man verstand die Welt nicht mehr. Diese Entfremdung von Wissen und Gesellschaft führte zu einer ungeahnten politischen Änderung: Adolf Hitlers einfache, klare Vorstellungen mit einer festen Ordnung trafen den Nerv der Zeit und verhalfen ihm zu einem unrühmlichen Aufstieg, der eines der schwärzesten Kapitel der Weltgeschichte einleitete. Dabei muss auch im Auge behalten werden, dass in ganz Europa das Gefühl des Verlorenseins und der Entfremdung von Wissenschaft und breiter Masse um sich griff. Die rein wissenschaftliche Fortentwicklung, die für die breite Masse nicht mehr nachvollziehbar war, führte zu unvorhergesehenen Veränderungen im politischen Leben.

Doch was kann man für Konsequenzen daraus ziehen? Den Forschern das Forschen zu verbieten ist Unsinn und nicht praktikabel. Die Wissenschaft bei der Moral zu packen und sie zu zwingen, nur noch “für den Menschen” zu entwickeln ebenso. Mein Vorschlag wäre eine Steigerung des Dialogs, des Erklärens: Das Wissenschaftsjahr 2005 war eine gute Idee, die aber – um in sich Erfolg zu haben – deutlich ausgebaut werden müsste. Die breite Masse muss dort abgeholt werden, wo sie mit ihrem Wissensstand ist, aktuelle Hochtechnologie frei von allem ideologischen Hintergrund und wirtschaftlichem Interesse erklärt werden. Eine Sendung mit der Maus für alle.

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