Nahrungsbunker.

von Christoph

Es ist ein Bunker. Stabil genug, einen Atomkrieg unbeschadet zu überleben, das Ansteigen des Meeresspiegels zu überdauern und vor allem eines: Kalt. In Spitzbergen hat unter Beteiligung der norwegischen Regierung ein Konsortium ein hochmodernes Bankverlies gebaut, um eines zu schützen: Samen. Weitab in höchst unwirtlicher Gegend liegt einer der größten Schätze der Welt, unverändertes Saatgut von diversen Pflanzen, zur Selbstreproduktion fähig.

Zeitgleich kommt da die Nachricht, dass der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zunehmend erleichtert wird und die großen Herstellerfirmen intensiv an „Einmalsaatgut“ arbeiten: Keimen, die reichhaltig Frucht tragen, immun gegen viele Schädlinge sind, aber die Fähigkeit zur Selbstreproduktion verloren haben und nach einem Landwirtschaftszyklus ihrem Ende entgegengehen. Das ist neu und kratzt an den Grundfesten der Natur. Das darwin’sche Prinzip des „survival of the fittest“ wird zu einer Sackgasse. Die Konsequenzen sind eklatant, kulturell, gesellschaftlich, wirtschaftlich: Jahrtausendealte Kreisläufe funktionieren nicht mehr. Die Kulturleistung, mit einer Ernte sowohl die Menschen zu ernähren, die den Boden urbar gemacht haben, also auch einen kleinen Teil zur Seite zur legen und wieder auszubringen, um unabhängig Jahr für Jahr das eigene Überleben zu sichern, gehört der Vergangenheit an. Zwar kann die komplette Ernte eines Jahres verkauft werden, allerdings fallen Jahr für Jahr, Landwirtschaftszyklus für Landwirtschaftszyklus Gebühren für den Kauf neuen, frischen Saatgutes an. Eine Missernte oder gar ein Unwetter sind tödlich. Ungeahnte Abhängigkeitsverhältnisse entstehen: Essen muss der Mensch ja schließlich. Ein Entzug aus dem System unmöglich.

Bill Gates, einer der reichsten Menschen der Welt, ist einer der Finanziers des Bunkers. Hinzu kommt eine der größten Chemiefirmen der Welt, die führend auf dem Markt des genmanipulierten Saatgutes ist. Alle sie wachen über den wertvollsten Schatz der Erde: Unverändertes Erbgut. Selbstreproduzierend.

Es ist ein Feldversuch, wie es ihn noch nie zuvor gegeben hat. Der Millionen von Menschenleben für den absoluten und ungebremsten Kapitalismus aufs Spiel setzt. Insbesondere die Länder der dritten Welt werden sich bald in einem Abhängigkeitsverhältnis gefangen sehen, aus dem sie aufgrund der ungehemmten Ausbreitung von genmanipulierten Nahrungsmitteln nicht ausbrechen können: Erst werden die klassischen Produzenten aufgrund der höheren Effizienz der neuen Bauern aus dem Markt gedrängt, dann steuert man einer ungewissen Zukunft entgegen. Wer die Nahrung hat, hat das Sagen.

In einem Bunker in Spitzbergen lagert die Geschichte dieses Planeten. Der Mensch greift so fundamental ein, wie noch nie. Und er vertraut seine einzige Rettung den Leuten an, die sie an diese Schwelle geführt haben. Als Rettung, falls das Experiment nicht klappt.

Bild: Svalbard Global Seed Vault

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