Das Spiel ist aus.

von Flo

Die Fakten liegen klar: Der Wahl-o-mat, das clevere Werkzeug der Bundeszentrale für politische Bildung, in das man im Wahlvorfeld Antworten auf vorformulierte Fragen eingibt und seine Übereinstimmungen mit den aktuellen Wahlprogrammen der Parteien serviert bekommt ist… ausgebremst. Zumindest für die bayerische Landtagswahl: Unnutzbar gemachter Datenmüll. Die Partei ÖDP hat sich kurzfristig in das Programm einklagen wollen, und damit eine rechtzeitige Fertigstellung unmöglich gemacht [pdf]. Vielleicht sogar eine zukünftige Verwendung: Jetzt könnte schließlich jede Partei Beachtung einklagen. Das bedeutet, dass ahnungslose Jung- genauso wie unentschlossene Wechselwähler wieder Wahlprogramme lesen müssten. Oder sich eben auf Blindflug oder in Verweigerungshaltung begeben. Ein demokratisches Fiasko: Dass Demokratie scheitert, weil alle: [mitmachen dürfen können müssen]. Kompliziert genug.

Ausgeschlossen zu sein, das ist nicht schön: Hängende Köpfe und teetassenklimpernde Löffel im Gemeindesaal: Das wichtigste ökologische Anliegen der Welt, aber das zu rettende Tier eindeutig nicht possierlich genug. Sagen wir, die… Fleischschleimmade. Nützlich, aber eklig. Sogar die Lokalzeitung lehnt brüsk jegliche Berichterstattung ab. Schließlich gäbe es schon ausreichend appetitlichere Mitleidsheischerei in der Vorweihnachtszeit. // Letzte Schritte auf deutschem Boden, eins, zwei, dann die Gangway, vier Polizistenfüße schlurfend hinterher: Im Nachbardorf waren die Bildzeitung und der Bürgermeister vor der Abschiebung, hier wird man einfach nicht mehr geduldet, niemanden interessierts, dumm gelaufen… // Oder eine Lesung mit Funzel, Buchladen und leeren Stühlen: Die schönsten Verse sind manchmal einfach nicht vermittelbar, wenn ihre Botschaft nicht zwischen die Werbung der großen Medien passt, und auf einmal keiner mehr von ihnen erfährt.

Eine seltsame emotionale Gemengelage geben diese Beispiele: So klar sich, falls ich einigermaßen anschaulich geschrieben habe, das Gefühl aufdrängt, es wäre erstrebenswerter, es gälte gleiches Recht, und gleiche gedankliche Aufmerksamkeit für alle [gleichwertigen Menschen und Wesen] – so klar ist auch die gerechtfertigte Entschuldigung im Hinterkopf. Es können eben nicht alle alles haben. Vor allem von endlichen Ressourcen, wie es Aufmerksamkeit, Platz, Geld sind. Und besser, es werden nur niedliche Tiere, spektakuläre Einzelfälle und immerhin einige wundervolle Künstler mit aller Aufmerksamkeit behandelt, als all das würde überfrachtet, bräche unter dieser Last zusammen und würde komplett vergessen. Als wäre jede Abschiebung Skandal, bis selbige nur noch in Listen wie Ergebnisse des Regionalfußballs abgedruckt werden, die keiner mehr liest?

Trotzdem ist es für jeden dieser Einzelnen verständlich zu zürnen; doch versuchen zu bekommen, was einem zusteht. Eine faire Chance auf Aufmerksamkeit, auf Verbesserung der Welt, oder Vortrag des eigenen Werks. Auf Ausgleich für die unreflektierten Oberflächlichkeiten, die Ungleiches hervorbringen. Auf ein Verfahren mit dem kontrollierenden Druck der aufmerksamen Öffentlichkeit. Für alle. Geht aber scheinbar nicht.

Für viele Verteilungen solch knapper Güter gibt es klare Maßstäbe. Oberflächlichkeiten, dann: Massenkompatibilität von Gesicht oder Kleidung vor dem Nobelschuppen oder in der Lokalzeitung, Höhe der Krankenkassenbeiträge im Wartezimmer. Bereits vorhandenes Interesse der breiten Masse bei Veröffentlichungen und Berichten jeder Art.

Genau so eine ist, prinzipiell betrachtet, auch der Grund, den der Bayerische Jugendring, Lizenznehmer des Wahlomats in Bayern vorgebracht hat: Aus Ressourcengründen könnten nicht alle Parteien aufgenommen werden, aber es gebe klare Richtlinien. Aktuelle Landtagspräsenz oder Minimum 3% in den aktuellen Umfragen. Das klingt klar, verständlich und sinnvoll – und ist trotzdem, aus Sicht der ÖDP, natürlich eine oberflächliche Abwertung ihres Zieles, das ja (potenziell) nicht weniger gut ist, weil es weniger populär ist. Man denke an die traurigen Tierschützer aus der Einleitung. Oder die geschmähten, konsumkritischen Lyriker. Mainstream, politisch oder kulturell, man denkt das oft genug, ist schließlich nicht besser als der Rest, und dass er sich auch noch so selbstgefällig reproduziert ein besonders ironischer Tiefschlag der soziologischen Mechanismen.

Das Resultat dieses ungemein verstehbaren Klagens gegen Mainstream-Wahlomaten ist nun aber ein seltsames: Niemand hat mehr etwas von der ganzen (für Jung und Alt) pädagogisch wertvollen Idee, und unter dem Strich leidet irgendwie die Demokratie. Man sollte sagen, ein wenig mehr Reflexion im Sinne der Gemeinschaft hätte der so christlichen Partei hier gut zu Gesicht gestanden. Und, es dräut im Hinterkopf, liefert dann mit diesem völlig richtigen Einwand irgendwie ein Argument für all die Großkapitalisten, die doch nur Wohlstand für die Mehrheit fabrizieren wollen, für die Unschärfen im sozialen System, die eben nicht behebbar seien, und die Fokussierung von Berichterstattung auf niedliche Tierchen und Mainstreammist. Wer jetzt für den Bayerischen Jugendring und ein bisschen Demokratieverständnishilfe für alle argumentiert, für gute Dinge – der fordert, eigentlich die, die nicht am Mainstream teilhaben auf, auch draußen zu bleiben. Die überzähligen, nichtbeachteten Härtefälle, die aus einem Aufschrei eine Inflation machen würden. Die guten Bücher, die wir nicht auch noch lesen können. Die Theorien, die wir auf die Schnelle nicht verstehen. Die, die keinen Termin beim Arzt bekommen.

Die Leisen als notwendiges Opfer der Demokratie. Die wir ja zurecht alle wollen. Verstehbar haben wollen. Was heißt, das nicht zuviele (und zwar nur die Lauten) gleichzeitig brüllen dürfen. Unser System ein Tummelplatz für die Starken… Die hatten doch schon einmal, ganz früher, immer Recht? Und solch ein Problem mitten im so revolutionär demokratischen Internet. Seltsam:

Verfluchtes. Dilemma.

Metadaten:

Ein Kommentar.


    Fatal error: Call to undefined function is_wpuser_comment() in /www/htdocs/w008468a/fallenlegen/_fl1/wp-content/themes/wearemagazine_2/comments.php on line 30