Zwischen den Stationen.

von Flo

Statisches Rauschen. Static. Das ist wo wir sind.

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Dieses Störgeräusch zwischen den Radiosendern, das ferne Stationen überlagert, und fremdsprachige Wortfetzen an die Ohren trägt, ist eines der schaurig-schönen Symbole der unperfekten Moderne: Alleine sein, verloren zwischen den Botschaften fremder Völker. Und ein wenig Erdstrahlung.

Fast driftet es schon in die orange tapezierte Erinnerungswelt der 70er Jahre – Digital übertragene Medien kennen nicht das statische Rauschen der Langwellen. Nur Lags und Pufferungsunterbrechungen. Dann ist einfach Ruhe. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass die technischen Errungenschaften des Menschen die Sozialen überholt haben: Musik und Worte werden in digitalen Schlüsseln um den Erdball geschickt, das Verständnis der gesellschaftlichen Umwelt sendet immer fort aus dem Funkloch der analogen Interferenz. Es rauscht.

Was ich meine? Stell dir vor, du fährst auf der Autobahn, den Finger am Radio, um die Verkehrsnachrichten zu hören, – aber der gute Ratschlag ist nicht klar hereinzubekommen. Es rauscht und fiept, überall reden sie durcheinander, du verstehst Fetzen sinnvoller Wörter, „Ausfahrt, A9“, ab und an ein alarmierendes „äußerst!“, und „Geisterfahrer“, dann eine „Entwarnung“, fremde Sprachen, hin und wieder wird alles von lauter, dumpfer Musik überlagert, jemand lacht diabolisch, ein Hörspiel?, und einige schalten die Warnblinkanlagen an, während andere ungerührt-selbstbewusst auf der Überholspur vorbeipreschen, dass die Druckwellen an den Fenstern rütteln. Verwirrend. Aber aus der Infobox Radio kein klares Signal zu bekommen, und von hier drinnen nicht zu ergründen, was dort vorne passieren wird. Vielleicht einfach ein Tape in den Schlitz drücken, etwas langsamer fahren, und passieren lassen, was passiert. Vorsichtig rechts fahren.

Was dieses Störgeräusch ausmacht ist die Abwesenheit eines klaren, starken Signals, das Rauschen der Umwelt, das an just diesem Standort alles zu verwaschen scheint, und die vielen gleichberechtigt redenden Stimmen, die durcheinander schwimmen, ohne dabei trennbare oder auch nur verständliche Botschaften zu übermitteln. Und während Radio eben digital geworden ist, sitzen wir, die das beste für die Zukunft wollen, hier, wollten eigentlich nur Teil einer Jugendbewegung sein, und fummeln nun verzweifelt an den Reglern – wir können sogar „Langwellenwissenschaften“ studieren, und trotzdem nur postmodernes Rauschen verstehen, kein Signal mehr ausblenden, keinem glauben…

…haben die letzten Jahrzehnte damit verbracht, völlig zu Recht, alles anzuzweifeln, uns in immer größeren Kontexten zu verstehen: Wir wissen, dass es aus unserem Blickwinkel anders rauscht als aus anderen, dass unsere gesamten Hörgewohnheiten ohnehin nur konstruiert sind, dass wir mit jedem Höreranruf, jeder Äußerung, ein wenig in das Spiel aus „prophecy“ und „fulfillment“ reinpfuschen, wir kennen all die Stellschrauben der Wirklichkeit, oder zumindest zu viele, wir haben mitbekommen dass der große Sender aus dem Osten die falschen Verkehrsinformationen hatte und in einem Unfallschaos unterging, aber mit dem aus dem Westen stehen wir auch nur noch im Stau, seit die Konkurrenz aufgab, und ständig warnen aus allen Kanälen die Stimmen und werden noch von unscharfem Rauschen überdeckt; bulgarische Heimwerkertipps aus der Kurzwelle, Fehlinformationen von mangelnder Relevanz aus der Werbung.

Und was wir jetzt tun ist: Nichts. Jedes Drehen an einer Stellschraube aus diesem Chaos heraus, jedes Konzertieren des Verkehrsflusses ist nur eine potenzielle Unfallursache, jeder verzweifelte Höreranruf nur Amüsement für die Redaktion. Nichtfairtradekaufen ruiniert die Dritte Welt, aber Fairtradekaufen auch, und Nichtskaufen überhaupt alle; Atommüll verstrahlt unseren Boden, aber die Alternative ist CO2-schwangere Luft; der Markt spielt verrückt, aber wir wissen, was passiert, wenn wir eingreifen… Es rauscht! So laut.

Verloren zwischen den Stationen. Das ist, wo wir sind. Genügend Sendungen haben wir jetzt, aber unseren Kanal müssen wir noch finden. Das ist so beängstigend wie beruhigend – niemand hört freiwillig dauerhaft solchen Kram. Auch nicht die zivilisierte Menschheit. Es ist ausreichend dekonstruiert, die Vorsicht bremst unsere Schritte, jetzt muss das Verstehen folgen.

Aufpassen müssen wir einzig, dass wir uns nicht auf die beruhigenden Tapes, ins Werberadio und auf den Standstreifen der Harmlosigkeit retten, der so sicher und zuverlässig am rechten Fahrbahnrand grüßt. Damit die mit den schnellen Autos in Ruhe überholen können. Dreht den Tuningknopf so geduldig ihr könnt. Wir drehen mit.

Andkeeponstretchingtheantenna,hopingthatitwillcomeclearWeneedsomereception,ahighermessage,justtelluswhat tofearBecauseIdon’tknowwhattomorrowbringsItisalivewithsuchpossibilitiesAllIknowisIfeelbetterwhenIsing

(Bright Eyes – Method Acting)

Foto: “Megahertz” von QXC. Gefunden bei flickr unter Common Creatives-Lizenz.

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