Demokratische Pilotenbrillen

von Mario

Das VICE Magazine war eigentlich ein kanadisch / amerikanisches Hippstermagazin. War und eigentlich, weil sich dieses Magazin vor einiger Zeit einen eigenen Fernsehsender zugelegt hat. Einen Internetfernsehsender: vbs.tv . Und dazu noch einen Buchverlag, ein eigenes Musiklabel und eine Eventagentur. Die hiermit erwähnt wurden und in diesem Artikel nicht mehr vorkommen. vbs.tv ist deshalb interessant, weil es weiterer Beweis dafür ist, dass das Konzept “Internetfernsehen” – Fernsehen auf Abruf und in leicht konsumierbaren Häppchen gerade der, von den Privatsender abgeschriebenen und durch pseudowissenschaftliche Seichtformate ala Galileo ersetzten, Kunstform der Dokumentation zu einem Revival verhelfen könnte.


Bild: Screenshot vbs.tv Website .

Natürlich ist vbs.tv hip. Das Design der Homepage orientiert sich an der Zimmerwand eines amerikanischen Durchschnittsmittelschichtjugendlichen: Holzboard mit Ventilator und Flachbildschirm – da laufen die Filme – daneben ein Gipskopf und das Logo in Gips, ein grünes Bäumchen, darunter DVDs und Bücher – die stellen die einzelnen Clips dar – ein bisschen optischen Füllmaterial, CDs, Sonnenbrillen, Werbung und das obligatorische Skateboard. Die Cover der Clips sind durchdesigntes Chaos, die Clips selbst in bester Guerillafilmmanier geschoßen und MTValike vertont und geschnitten. Es glitzert und glänzt also an allen Ecken und Enden, alles sieht so anders aus als damals die Tierdokus, Frontal (nicht 21!) und die Sendung mit der Maus im Ersten und Zweiten. Vercliptes Nachrichten und Doku – MTV als die Rettung des aufgeklärten Abendlandes, aus Amerika?! Klar.

Wer auf Cover deren Titel irgendwie nach Indiealben klingen, einige interessante Beispiele wären “Back in Beirut“, “Bolivian Marching Powder“, “Raving in the Black Sea” oder “The Vice Guide to North Korea“, klickt den erwarten – man will die ausgelutschte Phrase kaum mehr bemühen – spannende Unterhaltung, interessantes Wissen und neue Perspektiven. Das VICE Magazin hat Büros in über 20 Ländern und wenn sich in deren Gesichtsfeld ein spannendes Thema auftut, reist ein Team aus jungen Reportern und Kameraleuten an den Ort des Geschehens und berichtet. Gerne auch mit Pilotenbrillen, einer Prise Selbstinszenierung und (amerikanischer) Coolness aber immer positiv naiv und neugierig. Hingehen und Fragen stellen, die Leute erzählen lassen und ihre Version der Geschichte vermitteln. Seien es nun die Kokabauern in Bolivien, die Forscher die eine riesige Müllinsel im Atlantik entdeckten (wir berichteten ;D) oder vertriebene Palästinenser aus Beirut.

Die einzelnen Clips bieten Schlaglichter, in Serien zusammengefasst ergeben diese ein stimmiges Bild, eine Dokumentation. Die durch das Zerschneiden nicht auf den bloßen Youtubegag reduziert sondern – und das ist in unserer durchmedialisierten Welt wichtig, richtig und wertvoll – in schnell konsumierbare Häppchen komprimiert wird. Ich habe hier schon einmal über das Internet als Experimentierfeld für verdrängte, vergessene und noch nicht erfundene Formen des Mediums Fernsehen geschrieben und damals noch eher den Nischencharakter des Ganzen betont. Das Internet ermöglicht die Existenz in einer Nische, weil es das Nadelöhr der Distribution durch die Sender beseitigt und es Nischenkonsumenten wie -produzenten leicht macht zueinander zu finden. Ein halbes Jahr und die Entdeckung von vbs.tv später bin ich fast noch ein wenig positiver gestimmt: Ich denke die im Internet, abseits von youtube und co zu findenden Experimente und Clips beweisen auf sehr klare und demokratische Weise, dass Fernsehen auch anders gehen kann als es den Zuschauern von öffentlichen wie privaten Sendern vorexerziert wird.

Fernsehen kann anders sein und Fernsehen wird anders sein.

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Ein Kommentar.


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