No misery!

von Flo

„Aluma“ ist das Obdachlosenmagazin der südschwedischen Großstadt Malmö – aber ein wenig anders, als man diese Art Heft kennt. Künstlerisch, auf unausgetretenen Pfaden unterwegs, und immer um ein Leitthema strukturiert… Das gar nichts mit sozialer Schwäche zu tun hat. Warum die Absicht Obdachlosen zu helfen genau diesen unausgetretenen, indirekten Pfad erfordert, und wie man noch provozieren kann, erklärt Maria Dahmén, Alumas Chefredakteurin.

…was mir zuerst auffiel war, dass Aluma einen Mittelweg zwischen den Existenzformen deutscher Obdachlosenmagazin findet: Die einen versuchen den sozialen Missstand so direkt wie nur möglich anzuprangern, und bleiben dabei irgendwie zu schwer verdaulich; Gewissenskäufe. Die anderen gehen sehr in den Mainstream, um Abnehmer zu finden.

Mainstream machen wir ja nicht, das sieht man, denk ich. Aber wir haben zu Beginn auch die klassischen Reportagen und Bilder gemacht. Menschen die unter freiem Himmel schlafen, die auf Bänken sitzen und Alkohol trinken, Einzelschicksale verfolgt. Ich selber bin in Zelte auf den entsprechenden Brachen in Malmö gegangen, und habe die Leute dort drin fotografiert, grad so, als dürfe ich das. Aber das tun wir nicht mehr. Ganz klar: No misery!

…warum nicht mehr?

Es geht ja nicht darum, dass sich die Leute gut fühlen sollen, weil sie sehen, wie schlecht es anderen geht. Wir wollen auch die Gruppe „Obdachlose“ nicht ausgrenzen. Die Leute müssen ohnehin verstehen, dass nur die wenigsten, die in diese Kategorie fallen tatsächlich unter freiem Himmel schlafen… Wir wollen diese Menschen in anderen Kontexten zeigen. Nicht als Gruppe ausgrenzen, sondern als Einzelne, als Teile der Gesellschaft zeigen. Wir reden auch mit unseren Verkäufern und sie kommen in der Zeitschrift vor, aber dann bringen sie eine Perspektive ein, und wir reduzieren sie nicht auf ihr Merkmal der Andersartigkeit. Manchmal versuchen wir sogar das Wort „Obdachloser“ ganz zu vermeiden.

Trotzdem haben die Artikel eine Art Bildungsanspruch, oder?

Ja. Einen „Link“ sollte es geben, einen Fuß in der Lebenswelt unserer Verkäufer. Irgendeine Linie zum Leben von Leuten aus dem „unteren Drittel“ der Gesellschaft. Aber das schreiben wir nicht explizit in die Artikel. Es geht mal darum, wie Menschen in einer Gemeinschaft in Indien leben, in der Geld nicht so eine große Rolle spielt. Oder denkbar wäre beim übernächsten Thema „ans Meer“ darüber zu schreiben, dass viele Gerätehütten von Fischern zu Spekulationsobjekten werden. Das würde auch zum Thema „Diebstahl“, das danach kommt, passen, übrigens. Diebstahl eines Stückes Kultur, oder Land… Aber eben keine Reportagen über das Leben armer Leute.
Unsere Stärke ist, Attitüden zu ändern, Meinungen. Ein bisschen subtiler. – Und das machen bei uns nur Profis, und Leute, die wir für wirklich talentiert halten. Früher haben wir auch Leute schreiben lassen, die gemeint haben “uns liegt das Thema so am Herzen!” – aber das ist dann wieder in die Klischees abgedriftet. Die Zeitung muss „High Quality“ sein, sonst funktioniert es nicht.

Inhalt und Aufmachung sind wirklich nicht direkt auf Boulevardlesegewohnheiten ausgerichtet… Wie kommt das denn bei den Lesern an? gibt’s Feedback?

Wir haben gute Auflagenzahlen! 15.000 – 22.000 verkaufte Exemplare. Davon träumen andere Magazine! Aber Feedback kommt sehr, sehr wenig. Erst seit einer der letzten Ausgaben… da hat eine Leserin geschrieben wir sollten doch den ganzen schweren Kram weglassen, und mehr Kreuzworträtsel und fröhliche Geschichten schreiben. Das haben wir unkommentiert gedruckt. Jetzt lassen wir die Leser einfach mal diskutieren, das ist gut! Einige stimmen dem Leserbrief auch zu… Aber wie gesagt, die Zeitung verkauft sich trotzdem gut.

„Wohltätigkeit“ also als Segen und Fluch? Einerseits wenig Reaktion, andererseits viel Freiheit.

Oh ja. Das einzige Veto kommt von unseren Verkäufern, wenn die sagen „waaas? Das geht so nicht!“, dann lassen wir es. Aber eigentlich interessiert sie hauptsächlich, dass aufeinander folgende Cover möglichst unterschiedlich sind. Damit die Leute sehen, dass es eine neue Ausgabe gibt. An sowas denkt man in anderen Redaktionen gar nicht. (lacht) Aber – Eigentlich können wir machen, was wir wollen. Und erreichen trotzdem wirklich viele Menschen. Das ist auch ein Argument um wirklich gute Leute für Artikel in Aluma zu gewinnen.
„Wohltätigkeit“ ist übrigens ein Wort, dass Lennart, der da am Empfang sitzt und selber mal obdachlos war gar nicht mag. Man muss die erste Schritte selber machen.

Gibt es dann etwas, das du gerne ausprobieren würdest? Eine Entwicklungsrichtung für das Magazin?

Ja… Wenn ich könnte, hätte ich es gerne ein bisschen gewagter. Nicht unbedingt in die politische Richtung. Wir waren nie ein Magazin, das stadtpolitisch viel fordert und hinterher ist. Das ist auch wichtig. Aber das können wir nicht so gut. Aber so von der Aufmachung her, von der Form der Artikel. Auch vom Inhalt. – Neulich war zum Beispiel einer unserer Verkäufer von seinem verdienten Geld auf Madeira, im Urlaub, und hat uns eine Karte geschrieben. „Hallo, sitze hier in der Sonne, sehr entspannend…“ – das hätten wir drucken sollen, das ist provokativ!

In der Tat!

Ja. Neulich hat uns auch eine Frau geschrieben: „ich sehe hier ihren Verkäufer mit einem Packen Aluma in der einen Hand und einer Systemet-Tüte voll Alkohol in der anderen – glaubt ihr wirklich, das ist richtig, was ihr hier tut?“ Aber: Auch unsere Verkäufer sind erwachsene Menschen. Und wir werden unter den Leserbrief schreiben: „…wann hat sie ihr Chef das letzte Mal gefragt, was sie mit ihrem Lohn machen?“

Ok, die Klischeefrage zum Abschluss: Glaubst du, ihr bewegt mit Aluma denn etwas? Lohnt sich das?

Auf jeden Fall! Es gibt einen sozialen Impact auf einzelne Leben… Leute, die durch das Verkaufen wieder eine Aufgabe gefunden haben, und einen Weg zu einem respektierten Dasein: Als jemand der etwas zu tun hat auf Augenhöhe mit anderen sprechen. Das ist wichtig! Neulich habe ich einen ehemaligen Verkäufer getroffen, der auf dem Weg zum Fußballspiel war… Er hat jetzt eine eigene Wohnung, und einen Job, den ihm Lennart vermittelt hat!

Und mit dem Inhalt der Zeitung?

Ja… Ja, hoffentlich. Ich glaube schon. Ab und an spricht man mit Leuten, die sagen: Ich sehe das jetzt anders. Oder: Ich kann das jetzt besser respektieren. Wenn Parallelen offenbar werden zwischen anderen Ländern, und Schweden, oder unsere Verkäufer in einen anderen Blickwinkel rücken. Ich glaube schon, dass wir etwas erreichen.

Das Interview wurde am 24.4.2008 in Malmö in Alumas Redaktionsräumen und englischer Sprache geführt. Ich danke Maria und Aluma für die Zeit. Tack så mycket!

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