No escape from this circling place.

von Flo

In einer egozentristischen Weise gehe ich davon aus, dass es nicht nur mir so geht: Das erste Album das man kennt, von jeder einzelnen Band, ist das beste. Man überrascht sich selbst mit der Entdeckung und entführt sich in eine neue Welt. Alles was danach kommt hat mit Erwartungen zu kämpfen.

Notwist kam spät für mich: 2003, endlich, bin ich zu Neon Golden durch tiefen Schnee gestapft, und war überrascht von der wunderbaren aufgeräumten, und dennoch knarzenden, knirschenden , wunde Punkte punktgenau treffenden Songwelt. – Auch wenn ich rückblickend glaube zuerst One With The Freaks gemocht zu haben, der Gitarre wegen, dann Consequence, und irgendwann viel später erst eine Allegorie auf die Gesellschaft und, natürlich, vor allem mich aus all dem gezogen zu haben. „In your world, my feet don’t walk… don’t call me the freak“.

Spät kommt auch die Fortsetzung: 6 Jahre hat die Band für den Nachfolger gebraucht – begleitet von all meinem Vertrauen: Wenn es jemand richtig macht, dann The Notwist. Und da steht man nun, mit dem neuen Werk in Händen, mitten in diesem seltsamen Moment, wenn sich alles noch nicht sortiert hat, die Allegorien noch nicht gefunden sind. Was werden wir denken über das, was wir jetzt denken? – Jaja, reichlich viel Gewicht für ein Stück Musik…

The Devil, You & Me ächzt unter den großen Stücken, die ich auf die Band halte – aber es trägt. Eine heroische Leistung.

Die Songs klingen nicht mehr ganz so struktiert, tröstlich abgeklärt, sich so ihres Zustandes bewusst. Ein bisschen poppiger. Soviel zur vernichtenden Kritik. Aber: Da kommen Notwist, nehmen einen an der Hand, und führen durch eine Runde: Durch die großen Fragen; Realität oder Fiktion, warum nicht aufgeben gegen das eine zu kämpfen (Good Lies), das Nichtauskommenkönnen, aber wollen; ein Stück Ende der Welt überall (Where In This World), und das warm akzeptierte Verschlossensein dieser überall beendeten Welt (Gloomy Planets)… und schließlich langsam in den seltsamen Melodie- und Stimmungsbogen dieses Albums. Der trotz aller Seltsamkeit so geschlossen (schlüssig!) scheint, wie mir wenig seit… vielleicht Morning Glory, damals. Wie zumindest wenig seit ich Musik am PC höre, und nicht in langen Nächten aus dem CD-Player:

Es rattert, es wandert in Kreisen, dann öffnet sich mit Gloomy Planets etwas wie eine spanische Sommernacht, mit all ihren offenen Fenstern und der lastenden Wärme… Alphabet verdüstert, der Titeltrack The Devil, You + Me singt ein Lied am Krankenbett ins Ohr, dann tupft das so schrecklich famose Gravity Sterne aus Gitarrensprengseln an Himmel oder Decken… Und was bedeutet eigentlich „fill my house with all the holy astronauts“?. „Roof“, „disbelief“…

Am Ende bleibt ein Bauchgefühl. In erster Linie, es noch nicht ganz überrissen zu haben. Dann, dass die Akustikgitarren präsenter sind, Consoles Gefrickel die Songs eher füllt, als dass es sie umschreibt, und der Sicherheitsabstand zum Pop sich verringert hat. Das ist alles anders.
Aber auch genauso: Ein Stück Jugenderinnerung das hängen bleibt – Das mag daran liegen, dass die letzten Notwist noch aus dieser Zeit stammen. Oder auch daran, dass man sich immer noch ein wenig als Pionier fühlt, diese eigen-artige Mischung aus Elektronik und Stimme, Melodie und Kühle zu erforschen.

Fix verknüpft sich das noch nicht ganz erfasste Album mit dem Gedanken, damit durch eine Sommernacht zu laufen, an Zweigen zu ziehen und die Nadelstiche aus Gitarren, fliegenden Melodiebögen (Boneless), heiligen Astronauten, und lyrischen Fragmenten („say goodbye to the others, they’ll never let you go“) die eigenen Gedanken streifen zu lassen. Oder damit Zugzufahren. All diese Momente des schönen Zwischendenortenseins und des Kontemplierens. Sie halten die Welt immer noch etwas an. Es funktioniert noch.
Es kühlt nicht so sehr den erhitzten Kopf. Aber es wird jeden Weg mitlaufen. Und wahrscheinlich nach und nach seine versteckten Gedanken ausspucken. Ich halte große Stücke auf Notwist. Nach wie vor.

Foto 2: one step inside doesn’t mean you understand. Von ramenlover.

Titelfoto: Living next the rails. Von dhinus. Alle Fotos veröffentlicht unter common creatives.

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