Der ewige Fehler.

von Flo

Nie, niemals werden wir ausgelernt haben – es ist schwer genug, nach bestem Wissen zu handeln; grotesk wird es, wenn man bedenkt, dass, soweit wir wissen, jedes beste Wissen in absehbarer Zeit zu einem überwundenen Irrglauben werden wird.

Ein frustrierendes Prinzip (so lange man es sich gerade in bestem Wissen vor Augen hält), in menschlichen Beziehungen, für Ärzte und ihre armen Patienten – und eines, über das wir täglich stolpern, gegen dessen Wände wir laufen, bei jedem Schritt durch unsere Städte. Von den Betonpfeilern der Vorstädte bis zu den „Arkaden“, und sogar den verwinkelten Gassen der Altstädte, die das Gummi von unseren Turnschuhsohlen schleifen. Wie wir unsere Städte gestaltet sehen wollen, das ist ein Bild für unser Weltverständnis.

Weltbilder in Asphalt.

- letztere, die verwinkelten Gässchen fallen in dieser Hinsicht am wenigsten ins Gewicht. Den Luxus nach bewusstem Konzept zu handeln kann sich selbst der westliche Mensch noch nicht arg lange leisten, so sind die mittelalterlichen Sträßchen wohl eher Ausdruck einer organischen Anpassung an Bedürfnisse.

Spätere Epochen setzten gezieltere Stempel, die uns, Stand des Jahres 2008, bis heute alle früher oder später inadäquat vorkamen. – Es wäre naiv zu glauben, das heutige Gebaue, wäre mehr als nur „anders“, nämlich schlauer.

Was passierte war oft ein konzeptioneller Trugschluss, und meist ein Ausdruck der Mentalitäten jener Zeiten. Exemplarisch mögen die 60er und 70er Jahre gelten, und die Jagd nach der Funktionalität; für ein leichteres Leben, ermöglicht durch Technik. Praktische, gut belüftete und geräumige Wohnräume entstanden aus Platten an Stadträndern und in Kriegsbrachen, und zwischen ihnen hindurch wurden vierspurige Trassen gesprengt, um das unbequeme Pflaster „Stadt“ endlich auto- und damit technik- und damit menschengerecht zu machen.

Heute scheint das eigentümlich; der Platz, den Stadtbauer auf dem Weg der Überwindung des Mittelalters nach dem zweiten Weltkrieg in die Gässchen meiner schwedischen Wahlheimat auf Zeit, Lund, gesprengt hatten, ist heute keine Erleichterung für den Straßenverkehr, sondern schlicht ein trister Schandfleck aus bröselndem Asphalt, der menschliche Dimensionen missachtet, und ein Stück Stadterinnerung ausgelöscht hat. Und in den Platten am Rande Malmös wohnen keine glücklichen Familien mehr, sondern desozialisierte Migranten; in den Ausfallstraßen Marzahns schleichen zornige Kinderrapper umher. – Aus der Traum: Functionality didn’t save us.

Neue Zeiten, ziellose Ziele.

Wahr ist, dass die Zeit der Platten vorbei ist: Innenstädte werden auf frisch verputzte Tradition getrimmt und rekonstruiert, Pflaster wieder gelegt; Städte dienen wieder Menschen, nicht ihren Gefährten.

Soweit das gefühlte gute Wissen – dem nur die Fragen entgegenstehen: Was ist es, das wir an diesem Setting mögen? Altertümliche Optik – menschliche Dimensionen? Authentizität? Erstere kann man durch Rekonstruktionen in den Pastellfarben erreichen; zweitere lassen auch über andere Wege; drittere ist eine Illusion; was ist echt am Festhalten an, am Simulieren von vergangenen Zuständen? (Und andererseits: Was ist authentischer als die Realität, gleich welcher Herkunft? Ein verwirrender Anspruch.) Ist nicht jedenfalls das Wohlfühlen in einer lebendigen, sich organisch wandelnden Stadt größer, als in einem rundum artifiziell denkmal geschützten Rothenburg ob der Tauber? Funktionierten nicht eben diese durch die natürliche Weiterentwicklung, die ein Traditionalismus aufhalten will? Max Frischs Stiller spuckt Gift und Galle über die schweizerischen Innenstädte der 70er Jahre; als einem überkommenen (Alp-)Traum von vergangenen Zeiten, einer gefühlsduseligen Maske. Ein besseres Wissen aus den vertriebenen Funktionalistenträumen; vielleicht mit einem Funken Wahrheit.

Aber wo selbst das Konzept so unsicher ist, wird noch viel mehr durch Unüberlegtheiten zerstört: Wurden vergangene Jahrzehnte unbewusst vom Glauben an eher unhumanes technisches Funktionieren gesteuert, ist heute der unbewusste Glaube an den Konsum der Schandfleck-Produzent der Zukunft: Auf einer Brachfläche im Herzen Berlins entsteht statt einem Treffpunkt für Menschen, wie einem Kulturhaus, Kreativräumen, Parks, Kunstwerken… ein Arkadenzentrum; nachts geschlossen und nur in angemessener Kleidung und in Konsumabsicht zu betreten. Der Mensch verbannt sich selbst aus seinen Städten, und übergibt den öffentlichen Raum an Investorengesellschaften und deren Sicherheitsdienste.

Und wo in den 70er Jahren eine idealistische Architektur wie das Münchner Olympiastadion leichte Fäden über Landschaften gespannt hat, Zeltdächer im Sommerwind wie aus Kindheitserinnerungen, wird heute gespottet, und bauen Vereine verwechselbare eintrittskartenpreisoptimierte DIN-Norm-Schüsseln, die immerhin im Dunklen leuchten wie floureszierendes Kinderspielzeug. Von der Metapher der „demokratischen Leichtigkeit“ zu den austauschbaren Special Effects Hollywood, plastilinischem Funkeln. Und tatsächlich sehen München, Wolfsburg, Mönchengladbach im Fernsehen auf einmal genauso gleich aus, wie die Starbucks, die in ihren Katakomben Fairtrade-Kaffee verkaufen. Die Metapher ist nicht totzukriegen: Hier ist es eben die Globalisierung, die alles angleicht. Und vielleicht auch damit einfach nur Recht hat: Authentisch ist. – Da mag es nur ein witziges Detail sein, dass sich neue U-Bahnlinien in München nicht mehr unter öffentlichen Plätzen, sondern unter Einkaufszentren kreuzen.

Wider den Zweck.

Manchmal schiene es einfach besser, sich gegen den Status Quo aufzulehnen, und, wie in den großen, gelungenen Architekturen, das Ideal oder das Konzept gegen den schnöden Zweck ankämpfen zu lassen. Unmöglich ist das nicht; in Malmö bröckeln nicht nur die Plattenbauten, sondern dreht sich auch der weiße „Turning Torso“ aus dem Landesinneren hinüber zum näher gerückten Nachbarn Dänemark, und gibt auf einmal einer ganzen Stadt Kontur, richtet die Blicke nach oben, verweist auf mehr als nur Alltag, und auf die Einzigartigkeit eines Ortes. Ist eine Spur aktueller Befindlich- und Möglichkeiten.

Viel Inspiration und Lebensqualität kann in so einem Stück Kühn- oder Sinnlosigkeit stecken, einem sichtbaren Gedanken. Und gleichzeitig Gefahr: Der richtige Gedanke muss es schon sein, und gleichzeitig das wahren, was an den Altstädten fasziniert, und der Plattenbau versäumte: Menschliche Dimension, Charakter, ohne dabei ein zu großes Hindernis zu werden.

Gleichzeitig kostet ein Park anstelle eines verkauften Innenstadtgrundstückes; aber auch eine inspirierte aber unüberdachte Stadionkonstruktion direkt oder indirekt bares Geld, das in anderen kommunalen Projekten fehlen, oder sportliche Chancen beeinträchtigen wird – das Leben ist überall ambivalent, und gutes Wissen teuer.

Trotzdem bleiben Häuser Manifeste – welche einem gefallen, und wieviel man dafür bezahlen will, freilich subjektiv. Solange unsere Welt aber wirtschaftlich funktioniert, bleibt nur das Kontermanifest: Kauf dort, sei dort, und entscheide Dich, wo es Dir gefällt. Im Zweifelsfalle im Park und nicht in den Arkaden, oder nicht mehr im Stadion. Umkehrbar ist alles – was nicht verkauft wurde.

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