Der Weggeworfene Kontinent

von Matthew

Diese Meldung muss einem eher wie ein Witz erscheinen, als tatsächliches Faktum; trotz des ungünstigen Datums ist es definitiv kein Aprilscherz (oder gefälschte Nachricht à la mode de Mark Twain). Je nach Vorliebe zählte man bisher fünf, sechs, oder sieben Erdteile – vielleicht wird in zukünftigen Schulklassen aber über die Existenz eines vollkommen neuen Kontinents bericht unterrichtet: Ein Kontinent, der ausschließlich aus Müll besteht.

Das Müll unter Anderem nicht immer mehr oder weniger sauber entsorgt wird, sondern auch sehr, sehr oft in die Weltmeer gelangt, ist keine Neuigkeit mehr. Doch wie kürzlich zum wiederholten Male berichtet wurde (The Independent (London), Greenpeace), hat sich im nördlichen Pazifik eine zusammenhängende Masse aus vorwiegend Plastikabfällen gebildet hat, mittlerweile mindestens doppelt so groß wie Australien und stetig wachsend. Eine langsame, in sich geschlossene Wirbelströmung begünstigt die Ansammlung von Billionen Teilchen, verdichtet zu einer zähflüssigen Suppe oder einen matschigen Teppich, der bis zu 30 Metern Tiefe reicht. Kein Kontinent auf dem man stehen und gehen kann – liegen soll stellenweise durchaus möglich sein.

Das Gebiet wird wegen der ungünstigen Strömungen selten durchschifft, und auch sonst hat die Weltöffentlichkeit kaum Notiz davon genommen. Nach einer Schätzung der UN aus dem Jahre 2006 befinden sich Weltweit pro nautische Seemeile ohnehin 46,000 Abfallstücke, wem stören da noch 100 Millionen Tonnen die halt eben an einem Fleck konzentriert sind? Außer die Millionen Meeresbewohner von Schnecke bis Blauwal, die jährlich daran krepieren (die Eigenschaft von Plastik, DDT und andere Giftstoffe aufzunehmen und zu konzentrieren, bewährt sich hier besonders), oder die Bewohner von Hawaii (und anderen Inseln), die hin und wieder die Ausläufer von diesem (und anderen) Müllstrudeln zu kämpfen haben.

Die Vorstellung ist schockierend – und dem lösungsbewussten Menschen tun sich Bilder auf, von riesigen Müllkugeln, mit Empfangsbestätigung und Rechnung an die größten Plastikproduzenten geliefert, oder Recyclingprojekten, oder zumindest eine Verdichtung zu einer „ordentlichen” Müllinsel, um die Schadstoffe zumindest aus der restlichen Ökologiezyklus zu entziehen und vielleicht einen „ordentlichen”, wenn auch womögliche zweifelhaften Nutzen daraus zu ziehen. Diese Lösungen sind aber weder ohne weitgrößeren Umweltschaden, noch technisch überhaupt zu bewerkstelligen. Die Suppe bleibt.

Plastik ist bekanntlich nicht biologisch abbaubar – im Meer wird es lediglich durch Sonnenlicht zersetzt und bildet unförmige Plastikkügelchen, auch „Nurdles” oder „Meerjungfertränen” genannt. Lang nach dem Ableben unserer Zivilisation, nachdem alle Türme, Mauern, Straßen verfallen sind, das letzte Buch verfault, das letzte Lied verklungen, und nichts mehr erinnert an unseren müßigen Gang, an unseren vielen Schritte auf der Erde, bleibt auch ohne Fußspuren dennoch die Gewissheit, das wir ihr Antlitz mit Füßen getreten haben. Der weggeworfene Kontinent wird zu unserem größten Vermächtnis. Ich hätte mir ein Anderes erhofft.

Photographic Material via flickr.com by Users Tim Z1m, pr0mqu33n, rubb3rm4n.

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