Männlich / Weiblich / Unbekannt

von Matthew

m/w/? — Doublesex, Unisex, Antisex — Σ (Gender) / n

Es wird wohl keinen schockieren wenn hier geschrieben steht, dass sich die einst stark polarisierten Geschlechtsstrukturen zumindest in Teilbereichen unserer Gesellschaft etwas auflösen. Ob nun der neue Papa in Vaterschaftsurlaub geht, Frauen besser im Fußball sind wie Männer, oder man gar vom Namen her das Geschlecht nicht mehr erkennen kann – Veränderung liegt überall in der Luft, aber wer nicht genau hinsieht verpasst vielleicht die entscheidenden Veränderungen in der Frage, die für die Identität immer am selbstverständlichsten galt: männlich oder weiblich?

Here comes Dick, he’s wearing a skirt
Here comes Jane you know she’s sportin’ a chain
Same hair, a revolution
Same build, evolution
Tomorrow who’s gonna fuss?
And they love each other so, androgynous
Closer than you know, love each other so, androgynous

- ‘Androgynous’, Crash Test Dummies

Eine Selbstverständlichkeit, die nicht so hätte sein müssen. Von über 130 nordamerikanischen Indianernationen kennt man das „Two-Spirit”-Konzept, dass ein drittes oder gar viertes Geschlecht ermöglicht. Auch ein Blick auf Popikonen nach den zweiten Weltkrieg zeigt das eine Verwischung dieser klassischen Grenzen im kleinen Rahmen durchaus gesellschaftlich akzeptierbar ist (Musiker/Bands mit androgynen Front-„Männern” im Wandel der Zeit). Das Geschlecht ist keine Fessel, die man nicht ablegen könnte (auch wenn das Verständnis dafür oft fehlt), und ist schon gar nicht etwas natürliches, das nicht von außen und innen mitgestaltet wird.


Diese Erscheinung sind freilich vermutlich nur dir Spitzenerscheinungen einer viel größeren Umwälzung. Um es etwas vereinfacht zu umschreiben: nach hartgesottenen Kampf gegen teilweise sehr restriktiven Geschlechtsvorgaben in westlichen Gesellschaften scheint nun der Punkt erreicht, an dem die GleichbeRECHTigung erreicht ist, im Sinne dass das Recht und der Rechtstaat (bis auf eine einzelne Ausnahme) absolut Geschlechtsblind ist. Auch muss man objektiv sagen, dass zumindest der Ansatz der Chancengleichheit sehr gut etabliert, wenn auch nicht vollkommen durchgesetzt ist. Der Stein wurde ins Rollen gesetzt und hat einiges an Impuls, wird immer größer, nimmt an Masse zu, unaufhalbar. Wo aber, rollt er denn eigentlich hin?

Denn das Ziel dieser Entwicklung ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Ist wirkliche Gleichstellung aber überhaupt möglich bei unterschiedlichen Geschlechterrollen, ohne dass man diese gleich macht? Logisch gedacht bedingen sich Gleichstellung und Gleichschaltung irgendwann auch gegenseitig. Und bestimmten Charaktereigenschaften müssen zurückgedrängt werden, um die Schatten der alten Kategorien zu tilgen. Kein Mann der übermäßig selbstbewusst sein darf, keine Frau die extreme Emotionalität zeigen soll. Keine getrennten Toiletten, keine betonten Äußerlichkeiten. Weniger Machtausübung, weniger Unterdrückung – weniger Unterschiede. Was ist uns wichtiger, und die Frage ist nicht rhetorisch: Chancengleichheit oder abgrenzbare Identität? Wie kann man beide vereinbaren?

Unsere Position im Strudel der Zeit ist nun einzigartig. Wir können noch Weichen stellen, wir können noch entscheiden, wohin der rollende Stein seinen Weg bahnt. Was übrig bleibt, von dem was ist, und was vereint wird, neu gewürfelt. Gibt es morgen ein Supergeschlecht, ein Super-„gender”, egal mit welchen körperlichen sexuellen Merkmalen man geboren wurde / sich angeeignet hat? Oder gibt es am Ende sowas wie Geschlecht, Ausschlusskategorien die für sich beanspruchen das Verhalten aller Menschen zu beschreiben, überhaupt nicht mehr? Beides klingt irgendwie unmöglich – eines von beiden ist die Richtung der Zukunft. Wir entscheiden, hier und heute, jeder für sich, bewusst oder unbewusst, und die Entscheidung ist nicht leicht. Es bedeutet nichts weniger als sein ganzes Ich umzugestalten – oder umgestalten zu lassen. Darf ich über das da lachen? Müsste ich mich hier mehr/weniger meiner persönlichen Innenwelt öffnen? Wie trete ich meinen Mitmenschen gegenüber, und warum? Diese Gedanken werden schnell verwirrend. Und das Unverständnis für das „sich nicht wie gewöhnlich”-Verhalten noch riesengroß. Aber allein in einer einzigen Situation seine Rolle nicht nur deswegen akzeptieren, weil es alle immer so gemacht haben – das ist das größte Abenteuer, dass es überhaupt geben kann.

Mirror image, see no damage, see no evil at all
Cupie dolls and urine stalls will be laughed at
The way you’re laughed at now

Something meets boy and something meets girl
They both look the same they’re overjoyed in this world
Same hair revolution
Unisex evolution
Tomorrow who’s gonna fuss?

- ‘Androgynous’, Crash Test Dummies

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