Mikrore

von Matthew

Es ist kein Leichtes, jeden wachen Moment die Fundamente des eigenen Seins in Frage zu stellen. Und dann noch, aller Wahrscheinlichkeit, Mächte, und Regeln zum Trotz sich für seine (gerechte) Überzeugung einzusetzen – um Alles zu verändern.Revolution. Das Rad dreht sich weiter. Aber auch wenn das, was unten war, jetzt oben ist: es ist immer noch Teil der gleichen Mühle, Teil vom gleichen alten Karren. Wer wagt den Sprung in die schlammigen Straßen, in die absolute Ungewissheit – und das nur aus dem Bauch heraus, aus Prinzip, aus Glauben am Unentdeckten?

Sometimes, I feel the fear of
uncertainty stinging clear.
And I can’t help but ask myself how much I’ll let the fear
take the wheel and steer.

It’s driven me before, and it seems to have a vague,
haunting mass appeal.
But lately I’m beginning to find that I
should be the one behind the wheel.

-”Drive”, Incubus

Es ist zur vererbten Erwartungshaltung geworden, dass jede Generation sich den Umbruch anstrebt, kämpft gegen die „Powers that be”, die Mächte des vermeintlichen Schicksals. Der verstaubten Unzufriedenheit ein Ende bereitet. Furore macht. Das gilt auch für diejenigen die jetzt, jüngst, die Fähigkeit erworben haben, das Lenkrad in die eigene Hand zu nehmen. Aber der Krieg von Jung gegen Alt bleibt vorerst aus, wie es scheint – die Enttäuschung, das Scheitern der Eltern hängt nach. Alles andere lebt sich heute nur noch Leinwandphantasie aus, ein geschickte Verleugnung von Gefühlen der Ohnmacht.
„Fight or Flight” – die zoobiologische Maxime trifft hier scheinbar auch den Menschen. Wer sich im Kampf gegen die Unzufriedenheit keine Chancen ausmahlt, der flieht. Und wenn der Mensch eines gut kann dann ist es fliehen: sich zurückziehen zu einem Ort, wo ihn keiner etwas anhaben kann. Hin zu den Untiefen des Weltraums, in die magische Seifenblase mit der Aufschrift „Beziehung und Sexualität” hinein, oder irgendwo unter den anderen tristen Tiefkühlphantasien die wir täglich in uns hineinschaufeln (der Autor allen voran, muss fairerweise gesagt werden). Eskapismus ist angenehm, auch wenn diese laue Mikrowellenmahlzeit nie zu ende ist, wenn sie satt machen soll. Wozu in eine Welt geboren werden, wenn man Zeit seins Lebens sich versucht sich von ihr abzukoppeln?

Vielleicht gibt es einen dritten Weg. Einen Weg, die Verbindung zur Gesellschaft bewusst zu leben. Nicht mehr auf Furore aus zu sein, sondern auf kreative Umstrukturierung, Revolution auf kleiner Ebene. Mikro-revolution. Mikrore. Nicht zu verstecken vor der Interaktion, aber gerade die kleinen Dinge nicht zu akzeptieren, wenn sie nicht gerecht, nicht richtig sind. Den ultimativen Kraftaufwand leisten, alles und sich selbst in Frage zu stellen, und sich doch nicht zu verlieren. Und auch andere nicht zu zerstören, nicht den gleichen Fehler machen wie die vielen Vörgänger, seine Überzeugung nicht in den Abgrund richten. Überzeugung wächst von unten nach oben. Überzeugung drückt nicht von oben.

Revolution. Das Wort bezog sich ursprünglich auf den fortgehenden Wandel der Sterne, der mit sich das irdische Leben umwälzte. Und wurde auch diese Bedeutung durch die Zahnräder der Zeit entfremdet, schließt sich nun der Kreis. Erst durch die Sterne habe ich erkannt, wer ich bin. Ich kann sie nicht verändern, und würde ihnen nicht Gewalt antun, auch wenn ich es könnte. Aber ich bin nicht machtlos. Ich erklimme diesen Berg, und entfache mein Leuchtfeuer. Hier, hier auf Erden, kann auch ich ein Stern sein. Und wer von nun an zu dunkler Stunde zum Himmel empor blickt, sieht eine neue Konstellation der Hoffnung.

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