Platonische Liebe

von Mario

Gleichnisse sind wie Comics, sie reduzieren weltbewegende Aussagen auf schöne Bilder. Beiden wird gerade das auch oft genug zum Vorwurf gemacht. Zu Unrecht, denn die schönen Bilder vereinfachen nicht grob, sie destillieren und intensivieren vielmehr den Inhalt vieler Seiten eines, einen sprachlich letztlich vielleicht unfassbaren Begriff, beschreibenden und erklärenden Textes auf ein einziges, griffiges, nur als solches erfahrbares Bild. Und je sprachlich unnahbarer und unfassbarer sich ein Begriff gibt, desto besser und schöner findet er sich in einem Bild wieder. So auch die Idee des Guten in der platonischen Philosophie, deren letztlich Natur und Erkenntnis nur an Hand des sogenannten Höhlengleichnisses illustriert werden kann.

Platon kettet hierzu einen Mann in einer Höhle an einen Pfahl. Hinter dem Mann brennt ein Feuer, vor welchem Gegenstände vorübergetragen werden, die wiederum Schatten auf die Wand vor dem Mann werfen. Diese Schatten hält der Mann für die wirkliche Welt, bis man ihn losbindet und ihn das Feuer und die Gegenstände sehen lässt und er erkennen muss, dass die Welt seiner Wahrnehmung und die Welt an sich nicht übereinstimmen. Vielmehr ist es mit Hilfe der Wissenschaft möglich hinter dem Schleier der Wahrnehmung die Welt und die Dinge an sich – mit Faust gesprochen: des Pudels Kern – zu erkennen. Diesen Prozess des Eindringens, Erkennens und Erforschens illustrieren das Sehen des Feuers und der Gegenstände und später, der Spiegelungen und Schatten der Dinge außerhalb der Höhle, dieser Dinge selbst und schließlich als Grund und Ziel der Erkenntnis: Das Licht und die Sonne – die Idee des Guten.

Questionable Content Excerpt
© Jeph Jaques, Questionable Content

Und weil nun Comics und Gleichnisse sich so ähnlich sind und das Internet durch seine Struktur auf einen Prozess des Eindringens und Erforschens in Themengebiete angelegt ist, liegt es nahe für die Darstellung des Prozesses der Entdeckung von Webcomics die Struktur dieses Gleichnisses zu übernehmen. Gegenstände – Internetsurfen im Begriffskern ist das Schrammen an der Oberfläche, ein Hangeln von Link zu Link zu Link. Bis man vergessen hat, woher und worüber man auf diese wunderbare Seite gestoßen ist. Questionable Content. Ein Klassiker unter den Webcomics, eine Indiestory über einige Nerds, aus einer namenlosen, mittelgroßen Stadt irgendwo in den US of A. Antiheld ist Marten, ein Mittzwanziger der in einer College Bibliothek arbeitet, in seiner Freizeit in einer Band spielt und sonst in dem Cafe seiner Freundin Dora abhängt. Neben der eben erwähnten Dora, bevölkern noch Pintsize – ein laufender und sprechender Miniroboter mit einer verdrehten Persönlichkeit, Faye – die nach dem Selbstmord ihres Vaters psychisch angeschlagene Mitbewohnerin Martens, Hanners – mysophobische Bewohnerin der Wohnung über Martens und einige anderen krude Gestalten die Panels von Questionable Content. Rekurriert auf: Nerdige Indie Bands, üble Psychosen, Alkoholismus und Beziehungsstress. Völlig ohne negative Konnotation: Die perfekte Indiesoap.


© Ryan Armand, Minus

Feuer – und während Kleinod nach Kleinod in den Bookmarks verschwindet sausen die Stunden dahin. Viel später fragen die Anderen: Sag, hast du heute auch etwas sinnvolles getan? Geträumt, mit Minus. Minus, ein kleines Mädchen mit einer lustigen Locke lebt in den imaginären, wöchentlichen Comicstrips, in einer imaginären Zeitung die Anfang des 20. Jahrhunderts erscheint. Mit Wasserfarben auf Karton gezeichnet wohnt ihr eine wunderbare Macht inne: Sie kann ihr Umgebung kraft ihrer Gedanken verändern. Was sich anhört wie der kindischste und älteste Hut aus der Fantasy- und Science Fiction Ecke sorgt, dank Minus kindlichem Zu- und Umgang mit ihrer Fähigkeit für ein einmalig surreales Leseerlebnis. Minus, spricht das träumende, das begierig phantasierende und fantastische in uns an. Träumen am Tag.

Dresden Codak
© Aaron Diaz, Dresden Codak

Spiegelungen – bald ergibt sich eine Liste an Bookmarks, die in regelmäßigen Abständen abgearbeitet und mit all den Comicupdates genossen werden will und bisweilen findet man beim Lesen einen Hinweis des Autors auf diesen oder jenen neuen Comic. Dresden Kodak, beziehungsweise Aaron Diaz, dessen Autor, ist ein Neuling in der Reihe der wöchentlich updatenden und doch ein alter Hase in punkto Webcomics. So erzählt er schon seit 2005 sporadisch bildgewaltige Geschichten auf seiner Seite, die vor Reminiszenzen und Verweisen auf Quanten- und Metaphysik, höhere Mathematik, Kybernetik und Psychologie nur so strotzen. Jedoch hat er erst vor kurzem den Schritt zum Fulltimeautor gewagt und seinen Bürojob gekündigt. Regelmäßiger sind die Updates deshalb nicht unbedingt geworden, aber häufiger.


© Nicholas Gurewitch, The Perry Bible Fellowship

Sonne – es entsteht ein Netz irrealer – im Sinne nicht haptisch erfahrbarer Verbindungen – ein feines, elektronisches Linkgespinnst das auf elektronischem Weg auf Seiten mit Bildern führt die nur als Einsen und Nullen existieren, bis eines Tages jemand beschließt diese sehr erfolgreichen Einsen und Nullen zu drucken. The Perry Bible Fellowship existiert seit 2001 als Teil dieses wabernden Elektronenkosmos, erscheint in unregelmäßigen Abstände und ist mit drei bis vier Panels außergewöhnlich kurz. Dafür in einer technischen Brillanz und Vielfältigkeit gezeichnet und mit einem wunderbar absurden, schwarzen Humor gesegnet. Gerade diese Kombination kindlicher Motive und Traumwelten mit derbem, manchmal hintersinnigem, manchmal sehr direktem schwarzen Humor macht dieses Comic so außergewöhnlich. So dass es nicht weiter verwundert, dass die Comics nicht nur online sondern auch in 21 Zeitungen, 5 Magazinen und 5 Schülerzeitungen erscheinen und nun auch als Buch erhältlich sind.

Nachdem der Forscher, Entdecker, Philosoph nun die platonische Idee des Guten oder einfach nur einige gute Webcomics gesehen hat, kehrt er zurück in die Welt der Schatten und möchte seinen Mitgefangenen zur Erkenntnis verhelfen. Da der Weg der Erkenntnis aber als ein schwieriger ist und Webcomics und deren musevoller Genuss als ein krudes Hobby angesehen werden, wird dem Philosophen mit Nichten die ihm zustehende Ehre zu Teil, in der Dunkelheit der griechischen Höhle erschlägt man ihn, in der deutschen Wintertristesse belächelt und verlacht man ihn. So kann er nur eines tun: Einsam die Sonne schauen oder weiterlesen: Lackadaisy, Perfect Stars und Gunnerkrigg Court.

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Ein Kommentar.


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