Meine Überzeugung

von Matthew

Ganz öffentlich über Religion zu reden ist ohnehin schwierig. Das heißt, falls es über akademische Betrachtungen hinausgehen soll. Pluralität und Toleranz verbieten es freilich, anderen eigene Meinungen aufzudrängen: das bedeutet aber, dass die Überzeugung stirbt. Mit unheimlichem Gefühl im Nacken lasse ich diesen letzten Satz stehen, das geistige Auge schweift umher, als könnte diese unäußerliche Kritik allein einen reaktionären Keim zum Leben erwecken, aber dennoch hat dieses Argument Wert. Es ist mehr als etymologische Spitzfindigkeit: ohne Zeugen (die, die Zeugnis ablegen), keine Überzeugung. Und wenn man genau nachdenkt: wo gibt es denn heute noch wirkliche Überzeugungen, ohne wenn und aber?

Das soll nicht heißen, dass Religion oder selbst bloße Überzeugung an sich etwas Notwendiges sei. Notwendig ist allerdings die Trennschärfe ihres Bereiches. Zur Weihnachtszeit wieder höchst aktuell, und zwar durchaus nicht neu, aber im Angesicht von Lifestyle-Vampirkreuze und Kindervoodoopuppen vervollkommnet: die vollständige Überformung religiöser Symbole mit anderen Inhalten. Es verliert daran die Religion; aber mehr noch verhüllen sich dadurch sonst typisch weltliche Bereiche in religiösen Schleiern. Offensichtlich kultisch angehauchte Subkulturen wie Gothic sind dabei erst der Anfang. Muster der Religion finden sich heute in der Politik, in Filmen, Büchern, eBay. Wer kann sagen was passiert, wenn sich die losgelösten symbolischen Aussagen wieder festigen und die Maske der Überzeugung zuschnappt? Eine Maske kann ein mächtiges, sinnvolles Instrument sein – man sollte sich nur sehr bewusst sein, wofür man es verwendet.

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“Hey, where’d that cool creepy Santa come from?”
“Japan. Except over there they call him “Annual Gift Man” and he lives on the moon.” -“The Simpsons”

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Heute Morgen standen die Wölfe bei mir vor der Tür. Herr und Frau Wolf sind sehr nette Leute, ist auch wohl der eigentliche Grund, warum ich immer noch hin und wieder aufmache wenn sie an meiner Tür klingeln. Die beiden sind der harte Kern der örtlichen Zeugen Jehovas, und wollten eines Tages gern mit mir über Religion diskutieren. Sie haben immer wieder wirklich (ganz ernst gemeint) faszinierende Sachen zu erzählen, man kann hochgradig diskutieren – bis zu den Punkt, wo man ohne Glaube an den Teufel und Ablehnung auch kritischster Akzeptanz von Evolution nicht aneinander vorbeikommt. Eine tolle Maske ist das, selbstsicher und harmonisch. Immer zu zweit. Zeugen. Überzeugen. Überzeugung. Ich beneide sie fast dafür, aber wohl aus den falschen Gründen. Und die Sichtschlitze ihrer Masken sind eng, deswegen wollen sie weiterhin zu mir, aber wohl auch aus den falschen Gründen.

Und wir sind wieder am Anfang. Über Religion zu reden ist schwierig. Überzeugung darstellen ist schwierig. Das Thema entbehrt sich jeder Neutralität; trotzdem möchte man vielleicht neutral darüber kommunizieren können. Ohne zu verletzen. Der Mensch der Freiheit mag keine Tabus und will sie nicht dulden. Diese Widersprüche aber scheinen so verwachsen zu sein, dass eine explizite Auflösung nicht möglich ist.

Grad in dieser Verwachsenheit ließ sich letztendlich doch zumindest ein Beispiel finden: Cathedral, ein Kurzfilm von der preisgekrönten polnischen Kunstanimationsgruppe Platige. Hier ist es die Wortlosigkeit, das Verständigen und Beleuchten mit neuen, unverbrauchten Symbolen das letztendlich den Unterschied macht. In diesem Sinne soll der Inhalt und die Gestaltung unkommentiert bleiben: man siehe am besten selbst, was dahinter steckt. Nur ein Gedanke zum Schluss: wenn es das ist, was Religion meint, dann ist es erschreckend. Aber irgendwie nicht schrecklich. Erst recht nicht beim zweiten Ansehen. Sehr überzeugend.

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