Glück für alle.

von Christoph

Plötzlich war er da. Dieser Satz. Es ist genug Glück für alle da. Wahrscheinlich hatte er ihn irgendwo gelesen, vielleicht war er im Bus in der Lehne eingeritzt gewesen, Feierabendpoetik. Vielleicht war es aber auch an einer der Wände gestanden, die ihm seinen Heimweg wiesen. Wie auch immer, Feierabendpoetik, etwas stille Hoffnung eines Einsamen Schreibers.
Es ist genug Glück für alle da. Wäre schön, wenn es so wäre. Was verstand dieser anonyme Schreiberling denn schon vom Glück. Wenn es doch nur so einfach wäre, diesen Satz zu schreiben, wie ihn zu leben. Seine Mutter war im Krankenhaus, seine Frau warf ihm allabendlich vor, mehr für die Arbeit als für sie da zu sein – und er selbst war in eine andere Frau verliebt. Oder glaubte es zu sein. Die Hoffnung auf ein anderes Leben war für ihn eine Illusion, die ihn trug. Aber realistisch war das alles nicht. Genauso wenig wie dieser Satz. Es ist genug Glück für alle da. Wer glaubte denn schon so etwas. Kleine Kinder, allerhöchstens. Die waren ja auch zu beneiden, hatten noch keine Ahnung vom wirklichen Leben, vom Kampf und konnten unbeschwert einen Tag nach dem anderen leben – für die war wohl wirklich genügend Glück für alle da.
Aber er – er brachte weder den Mut auf, seine Frau hinter sich zu lassen, ein neues Leben zu beginnen, ihr zu sagen, dass er eigentlich eine andere liebte. Das ihm das schon so lange klar war, aber er traute sich nicht. Wollte ihr auch nicht wehtun. Es ist eben gar nicht genug Glück für alle da.
Er dachte an seine Mutter, die jetzt, allein und vollkommen hilflos und verwirrt in einem weißen Zimmer in einem weißen Laken im Krankenhaus lag und dachte, sie lebe im der Zweiten Weltkrieg. Sie schrak bei jedem Flugzeuglärm zusammen und forderte das Pflegepersonal auf, unter die Betten zu kriechen. Glücklich sind die, die früh sterben, dachte er. Aber es ist eben nicht genug Glück für alle da.
Er dachte daran zurück, wie er seinen Eltern damals stolz und glücklich seine Freundin vorgestellt hatte, die Frau, die er hoffte zu heiraten und mit der ihn jetzt so wenig verband. Die Summe des Glücks ist konstant, vielleicht war dieses damalige Leben in der Glücksblase ein Vorgriff auf die heutigen Tage gewesen. Er hatte damals nur so glücklich sein können, weil er heute unglücklich war. Es ist doch genügend Glück für alle da. Irgendwann.

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