Be significant! II

von Flo

Manchmal mag man als Interviewer schwitzen: Einen handgerissenen Zettel, sorgsam ausgearbeitet, darauf insgesamt sieben Fragen und einige Optionen, habe ich in der linken Hand (und dort die meiste Zeit vergessen), und nach drei dieser Fragen sind 40 von 30 eingeplanten Minuten verstrichen. Unterbrechen mag ich die Bandmitglieder dennoch ganz und gar nicht – es mag nun nicht eine tägliche Erfahrung sein, dass jeder zu jeder Frage viel zu sagen hat. Aber: Auch ebenso wenig alltäglich, dass jemand zu einer Frage viel zu sagen hat.
Also 40 Minuten im Scheinwerferlicht, noch eine halbe Stunde zum Auftritt der Vorband, und immer noch läuft Bernd kontinuierlich durch den Raum, schießt Fotos aus allen Perspektiven für das geplante Foto-Video zum Interview: Gut, als Fotograf muss man manchmal schwitzen.
Zeit nun noch das Gespräch in eine andere wichtige Ecke zu lenken, an der ich oft hängen bleibe: Warum tun, was man tut? Warum Musikmachen? Wenn es mehr ist als Geldverdienen.

Die nächste Frage ist ein kleiner Cut: Was bedeutet die Band für euch, als Vehikel euch auszudrücken, aber auch als soziales Konstrukt?

Sergio: für mich, der in den USA aufgewachsen ist, und bestimmte Erlebnisse gemacht hat, war es immer tröstlich zu wissen, dass es da draußen Künstler und Musiker gibt, die meine Erfahrungen bestätigen und mir helfen Dinge zu verstehen… Es gibt Bands und Künstler, U2 waren welche von ihnen, dann viel Hip Hop, die für mich sehr herausfordernd waren, die mir Ideen und Erklärungen vermittelt haben. Für mich ist die Band eine Möglichkeit Musik zu machen, die herausfordernd ist. You know, es ist Post-Rock, instrumental und du wirst es nie im Radio hören. Aber gleichzeitig beschäftigt sie sich mit einigen komplexen Ideen. Es fühlt sich an, wie… naja, vielleicht kann ich auf die Weise etwas zurückgeben, wird jemand durch unsere Musik so inspiriert, wie ich damals von anderen inspiriert wurde. Und vielleicht nehmen diese Leute dann eine Gitarre oder einen Bass in die Hand und gründen eine Band, oder greifen sich ein Buch und versuchen die Welt etwas besser zu verstehen.

Francis: Das ist auch für mich ein spannender Punkt. Sergio und ich haben uns im College getroffen, und wir haben kräftig in der lokalen Musikszene mitgemischt, so haben wir uns gefunden. Wir waren zwei von vielleicht drei oder vier farbigen Musikern in der gesamten Szene, deswegen hat es uns schnell zueinander gezogen. Seitdem ist es mir wichtig, dass die Band nicht einfach nur als Band, sondern als eine Band mit farbigen Mitgliedern anerkannt wird. Das ist besonders wichtig für uns, weil es da viele Leute gibt, die in dieser Musikszene dabei, und trotzdem oft isoliert sind, und wenn sie sehen dass es Band gibt mit Leuten aus Asien, oder von den pazifischen Inseln, die diese Musik machen, die vielleicht auch voll von Inhalten ist, die sie und ihre persönlichen Erfahrungen im täglichen Leben berühren könnte, dann könnte das, glaub ich, schon sehr bedeutsam sein.

…es gibt etwas über die Musik hinaus, dass der Sache für mich mehr Substanz und Bedeutung gibt.

Matthew: Francis hat das auch für mich ziemlich treffend zusammengefasst – bis auf den Part mit der Hautfarbe vielleicht… nur um das völlig klarzustellen (lacht). Ja, naja… Ich bin jetzt 33 Jahre alt, und es gab da eine Zeit vor vielleicht 10 Jahren wo ich nur rocken wollte, Rockmusik machen wollte, in einer Band sein, richtig aggressive Musik spielen, und nur die ganze Zeit rocken. Und jetzt, an diesem Punkt: Ich bin Zimmermann, ich hab ein eher gechilltes Leben in San Francisco – ich will nicht unbedingt die ganze Zeit auf Tour sein, und… ich widme einen großen Teil meiner Zeit der Musik, aber ich will nicht mein ganzes Leben der Musik widmen. Und so wird es ziemlich schwer die Opfer zu bringen die nötig sind um in einer Band zu sein, für uns alle drei. Und wie Francis gesagt hat, bin ich wirklich glücklich, dass ich nicht nur unsere Musik liebe, sondern dass wir, so hoffe ich, auch in einen größeren Kontext außerhalb des Post-Rock-Szene passen. Ich hoffe Kunst und Kultur wandeln sich zu irgendetwas, das ein wenig „bewusster“ ist, die Notwendigkeit des Wechsels… Und ich brauche diese Facette der Band um dranzubleiben. Es wäre einfach an dieser Stelle das Handtuch zu werfen und zu sagen „ich fühl mich nicht mehr wirklich danach das hier zu tun“. Aber ich fühl mich wirklich danach das zu tun! Denn es gibt etwas über die Musik hinaus, dass der Sache für mich mehr Substanz und Bedeutung gibt.

Ist denn die Musik für euch in euren täglichen Leben präsent? Bekommt ihr Feedback von den Menschen um euch herum? Oder ist das einfach eine andere Welt, eure ‘daytime jobs’?

Sergio: Ich bin Lehrer an einer High School, und es gibt tatsächlich einige Schüler und sogar Kollegen, die was über die Band und die Fans und all das herausgefunden haben, und das ist irgendwie schon interessant. Das ist die eine Verbindung. Ganz generell denke ich, dass ein Lehrer zu sein und Ideen herunterzubrechen und Leuten zu helfen bestimmte Sachen zu verstehen, auch komplexe Ideen, ziemlich nahe an dem ist, was wir mit der Band tun.

Francis: Vom technischen Standpunkt aus bin ich Redakteur, ich arbeite mit Videos, mit dem Konzept Videos auf einer fortschreitenden Zeitlinie zu „konstruieren“. Ich benutze häufig die gleichen Tricks und Techniken wie beim Musikmachen. Und wir haben defintiv Pläne in Zukunft Videoelemente in unsere Liveshows einzubauen!

Matthew: Was mich betrifft… (wechselt ins Deutsche) Ich bin Zimmermann und so…, ich versuche nur, meine Finger nicht wegzuschneiden. (lacht).

Francis: Nee, er hat Gitarrenkoffer für uns gebaut!

Matthew: Ja, ich hab mein eigenes Pedalcase gebaut…

Sergio: Also die Wahrheit ist, wir haben alle Dayjobs, und wir leben alle in zwei der teuersten Städte der Vereinigten Staaten. Also als arbeitende Menschen und Einwohner der teuersten Städte haben wir eine bestimmte Perspektive, die sich auch in der Musik wiederspiegelt.

Man muss sowohl musikalisch bedeutsam sein, wie auch politisch bedeutsam.

Andere Frage: Wie wichtig ist Feedback für euch? Von den Leuten die ihr kennt, aber auch ganz generell.

Matthew: Superwichtig.

Sergio: Ja. Absolut! Wir hängen wirklich an dem Konzept mit anderen Leuten zu interagieren, und was immer wir tun, ob es Politik ist, oder unsere Jobs… Mit anderen menschlichen Wesen zu arbeiten ist notwendig, wir sind „soziale Tiere“. Und natürlich, wenn jemand zu uns kommt und sagt „ich verstehe eure Musik nicht“, oder auch „ich liebe eure Musik!“, dann hat das einen Effekt auf uns. Ich denke es wäre ein Jammer, wenn Musiker denken müssten, sie könnten nur Musik machen, dann verschwinden und es hätte keinen Unterschied gemacht. Ich denke, miteinander in Dialog treten: so ist Kunst, so ist Musik, so ist die Kunstgeschichte. Und so entwickeln wir uns als Musiker, und das ist die Art wie sich Genres verändern und Musik wächst… Ich denke Feedback ist sehr wichtig.

Francis: Das ist lustig, weil viele Künstler so eine individualistische Attitüde haben, „ahh, ich mache meine Kunst nicht für die Leute, ich mache sie für mich selbst“ – Fuck them! Und ich glaube gerade für eine Band wie uns ist das absolute Gegenteil der Fall. Denn der Inhalt, was wir mit unserer Musik versuchen… Wenn wir nicht mitbekommen, dass das einen Impact hat, oder dass es niemanden beeinflusst, dann haben wir keine Ahnung ob wir als „politische Band“ einen Effekt zeigen, oder auch einfach als eine Art „politische Gruppe“. Wir brauchen definitiv dieses Feedback, und wir lieben es, wenn die Leute auf uns zukommen und sagen: „ich hab eure Musik gehört, und dieses Sample, und es hat mich dazu gebracht mehr über diese Bewegung oder dieses Thema herausfinden zu wollen.“ Und wenn wir das hören, selbst wenn es nur einer ist, oder einer in einem ganzen Jahr, dann ist das immer noch sehr bewegend für uns. Und wenn wir das nicht hätten, dann wüsste ich nicht, ob wir eine Bedeutung haben! Man muss sowohl musikalisch bedeutsam sein,wie auch in unserem Falle, politisch bedeutsam. Wenn das nicht da wäre, könnten wir genauso gut auch für uns selbst spielen, und dann wären wir genau diese Künstler, die „Musik nur für sich selbst machen und niemanden anders“, und sich nicht drum scheren. Aber wir scheren uns eigentlich drum, und insofern…

55 Minuten und das Catering der Band, zwei Räume weiter, immer noch unter dem Dach des Hansa 39, wird langsam kalt. Now for something completely different:

Dann hab ich jetzt noch was anderes für euch: Ich nenne euch ein Wort und ihr habt fünf Sekunden Zeit, drei Wörter zu nennen, die ihr assoziiert.

Matthew: Uhh, sehr psychiatrisch…

Definitiv: Es geht los. Deutschland. [Germany.]

Matthew… Erm… (deutsch) Würst, Käse… und… (wieder englisch) Zionismus. Sorry, ich wollte ehrlich sein.

Das nächste für Francis: Politische Denker. [political thinkers]

Francis: Hmm. Die Black Panther Party. Frederic Douglas. Das ist jetzt eher so persönlich, mmh…

Sergio: Die Zeit ist aus!

Francis: …oh, halt, oh, Obama! Ja, der ist relevant, da haben wir doch was. (lacht)

Dann: Liebe. [love.]

Sergio: Liebe… Hmm. Menschen. Kampf. Veränderung.

Das Meer. [the sea.]

Matthew: Hfff. Handel. Embargo. Und… (überlegt lange, lachen aus dem Hintergrund). Der Pazifik.

Eine gute Party. [A good party.]

Francis: Was meinst du da so?

Eine Party, ausgehen, Leute treffen, und so.

Francis: Ah, ah. Oh, verstehe. Oh. Das ist… ich gehe nicht wirklich auf Parties… (die andern lachen). Mhh, Guitar Hero, Hors d’oeuvre, Freunde. Gute Freunde. Das war ne doofe Frage! (lacht)

Zukunft.

Sergio: Hoffnung. Science Fiction.

Schließlich fast 90 Minuten Interview, und der letzte Teil, From Monument To Masses beim Zeichnen von fallenlegerischen Stichwörtern in Bernds Moleskin dann exklusiv bei der fiesen falle. In 40 Minuten wird die Band auf der Bühne des Orangehouse stehen, aber immerhin: „We never had so much fun at an interview“, sagt Matthew.
Und wir, entkräftet, bedanken uns noch an jenem Abend für das Mitessendürfen im Nebenraum, und ich jetzt noch einmal für das beherzte Interview. Und das Mitdenken überhaupt.

Thank you very much guys, keep up that good work!

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