Be significant!

von Flo

Vorweg: Dieses Interview ist wundersamerweise “interdisziplinär”, und das ausnahmsweise spannend: Es existiert nicht nur als übersetzter, eingeleiteter und gekürzter Text, sondern auch als: Fotovideo… Das wird demnächst auf Bernds fieser Falle auftauchen. Und könnte dann, in anderem Medium, ganz anders aussehen.

Dieses Magazin ist aufgeteilt in zwei Themenkomplexe: Links das große Weltgeschehen, rechts schreiben über das, was Menschen aus ihren Augen über ihre Welt erzählen. Politik und Kunst. Zwei Paar Schuhe.

Die politische (linke Seite) Band (rechte Seite) From Monument To Masses und ihr Interview verwischt diese recht stabile Linie so kraftvoll (denkt an das Geräusch von splitterndem Holz), dass die Einteilung für diesen Fall und diesen Text fast beliebig scheinen mag.

From Monument To Masses‘ Musiker, Matthew Solberg, Francis Chuong und Sergio Robledo-Maderazo sitzen in einer Reihe auf rettungsringartigen Sitzmöbeln des Münchner Feierwerks, oben, über dem Hansa 39. Ein wenig verspätet aus dem Tourbus gefallen, vor Ulm hatte es geschneit, Ende Oktober, und sprechen in ruhigen, langen, bereits oft durchdachten Sätzen von: Der Lage der Welt, der Aussage ihrer Alben, und davon, warum es wichtig, ja, nötig! ist significant zu sein. Etwas zu ändern, mit dem, was man tut.

Etwas ändern mit Musik. Der Gedanke befremdet, und die Befremdung, denkt man während die Protagonisten sprechen, ist vielleicht nur eine seltsame Ausprägung unserer (Pop-)Kultur, unserer Gesellschaft. Die uns früh als unabänderlich eingebläut wird: Und schon gar nicht mit Musik. Wer politische Musik macht, rettet sich vor der Meinungsübermacht meist in die Selbstironie oder den Slogan. From Monument To Masses meinen es ernst(er), scheint es – auch wenn das angreifbar macht, und diskursive Sprache und der Glaube an eine Änderung für deutsche Ohren schwer nach dem großen Scheitern 68ern klingt.

Dass die Band politisch und relativ bekannt – dafür – ist, gründet in Deutschland bisher auf einer konkreten Veröffentlichung: The Impossible Leap In One Houndred Simple Steps griff sich 2003 die Ereignisse um 9/11 in komplexen Post-Rock-Strukturen, krachenden Gitarren und sprechenden Fernseh- und Redesamples. Von den gezappten Belanglosigkeiten eines amerikanischen Dienstagmorgens, über Präsident Bush bis zu über den Patriot Act verzweifelten Bürgerrechtlern. Eine unerklärte Anklage gegen den Neokonservativismus: Ungleichheit, Rassismus, Politik für befreundete Wirtschaftscliquen.

Ende 2008, fünf Jahre nach dem Impossible Leap und zu From Monuments… erster Tour danach, scheint 9/11 schon vom sachten Schleier der Historizität bedeckt, es ging irgendwie nicht gut aus – oder irgendwie doch, mit der leichten Gegenwelle, dem ersten schwarzen Präsidenten der USA.

Eine komplexere Frage gleich vorweg: Euer letztes Album One Giant Leap… handelte recht explizit von 9/11 und seinen Folgen – das war eine stark polarisierende Zeit, mit klaren Problemen und Entwicklungen. Jetzt sind wir schon wieder ein paar Ecken weiter, und die Welt scheint womöglich eine etwas bessere Richtung eingeschlagen zu haben, zum Beispiel mit der Wahl Obamas. Was liegt euch 2009 noch auf dem Herzen?

Matthew: Nun ja, ich denke dass viele Hörer den Eindruck hatten, dass dieses Album explizit von 9/11 gehandelt hat. Verständlicherweise, denn das Album beginnt mit einem Sample aus 9/11, und das bereitet natürlich die Bühne für alles was folgt… Aber was wir mit diesem Album eigentlich tun wollten, war nicht eine Kritik an den Strategien und Umfeldern zu üben, die zu 9/11 geführt haben, sondern eher einen Blick auf die Umgebung in der wir leben als Ganzes zu richten. Und gewissermaßen „die Punkte zu verbinden“. Zwischen der Art wie unsere Welt heute funktioniert und Ereignissen wie 9/11. Klar hatte die Platte auch eine zeitliche Relevanz – aber, wenn wir uns jetzt immer weiter von diesen Ereignissen entfernen, und heute ein Album machen ist es nicht so, dass wir uns fragen: „Worüber sollen wir denn jetzt noch sprechen?“. Die fundamentalen Fragen mit denen wir uns auf dem Album beschäftigt haben, sind ein wichtiges und wiederauftauchendes Muster für uns.

Francis: Ich würde sogar sagen… Naja, natürlich war 9/11 ein traumatisches Erlebnis, ein historisches Ereignis und hat die Leute beeinflusst, aber im Hinblick auf globale Bedeutung, und wie sehr die Menschen betroffen sind: Da ist die aktuelle Finanzkrise mit den kollabierenden Banken, den untergegangenen Unternehmen, den Währungsschwankungen, und wie die Leute jetzt versuchen zu verkaufen, aus allen Arten von Märkten rauszugehen sehr, sehr bedeutsam. Ein politisches Ereignis. Und das ist alles verknüpft. Es gibt immer noch den Krieg gegen den Terror im Irak, das passiert gerade jetzt. Und gerade jetzt mit der Wahl Barack Obamas ist es sehr bedeutsam, dass dieser spezielle Krieg ein Ende finden könnte. Das bedeutet aber nicht, dass der eigentliche Krieg gegen den Terror zu einem Ende kommen könnte – denn offensichtlich ist er [Obama] ja entschlossen weiter nach Afghanistan zu gehen, und dort einen Krieg gegen unsere als solche ausgemachten „Feinde“ zu führen… Aber auch das ist ein bedeutendes und polarisierendes Event.

Also das Konzept bleibt aktuell?

Sergio: Also: Es gibt einen Narrativ auf The Giant Leap, und der beginnt mit 9/11 – aber hätte das auch locker vor 20 Jahren, vor 30 Jahren tun können! Damals war eben 9/11, und es gibt eine Figur in dieser Erzählung, die morgens aufwacht, und genau wie alle Amerikaner und viele Menschen auf der ganzen Welt nicht verstehen konnte, wie ernst die Lage eigentlich war: Wie aufgebracht und wütend die Menschen über das Verhalten der Vereinigten Staaten waren – und so handelt das ganze Album von einem Prozess der Bewusstwerdung über das, was eigentlich in der Welt vor sich geht. Und am Ende des Albums kommt diese Figur zu dem Schluss, dass hier ein Kampf vor sich geht, der größer ist als 9/11. Dieser globale Imperialismus oder dieses globale „System“, das herausgefordert werden muss. Also was wir glaub ich sagen wollen ist: Dieses System existierte während 9/11, es existiert jetzt, und es existierte schon vor 50 Jahren. Das ist was wir klarstellen wollen. Und unglücklicherweise existiert es weiter – und jetzt ist es sozusagen unser Job einen anderen Blickwinkel anzubieten, der klarmacht, das einige unserer Probleme von diesem Zustand verursacht werden.

Hmm. Dann die offensichtliche nächste Frage, ich hab sie nicht geplant zu stellen, aber sie muss wohl kommen: Was kann man denn gegen diesen Zustand tun, was würdet ihr den Leuten raten?

Matthew: Zunächst mal ist es wichtig zu sagen, dass wir nicht versuchen jemandem eine Lösung zu „verschreiben“. Aber ich würde sagen, wo es bei uns angefangen hat… das war als wir gesagt haben, „so soll es klingen“, und sofort angefangen haben über Politik zu reden, auf irgendeinen gemeinsamen Nenner zu kommen. Der nächste Schritt war für jeden einzelnen von uns, jeder auf seine Art, sich in seiner direkten Umgebung zu engagieren. Ich hab mich zum Beispiel in die „grassroots“-Arbeit in der San Francisco-Bay-Area eingeklinkt. Und das hat mir nicht nur einiges über Theorie beigebracht, meine politische Bildung vergrößert… Sondern hat mir auch beigebracht wie man mit Leuten redet, wie man in einer Gruppe zurechtkommt. Und diese Erfahrungen sind wichtig geworden, als es dann wieder um meinen Part in From Monument To Masses ging… Und wenn mich Leute jetzt nach einer Show ansprechen und sagen „Es deprimiert mich wie der Stand der Dinge in meiner Umgebung aussieht“, dann kann ich sagen, es gibt Bücherläden, es gibt Webseiten, es gibt Millionen von Wegen Leute direkt in deiner Nähe zu finden, um sich zu unterhalten, festzustellen was eigentlich passiert, und anzufangen sich zu organisieren um was zu verändern. Und ich denke das ist der fundamentale erste Schritt, um in das Geschehen involviert zu werden.

Sergio: Ich sag’s aber auch immer wieder in Interviews: Wir freuen uns wenn jemand die Musik hört, und sich inspiriert fühlt sich in seiner Umgebung zu engagieren, oder sich auch nur ganz generell für die Nachrichten und die Welt zu interessieren beginnt. Aber wir sind auch Musiker, wir lieben Musik. Musik ist für uns eine emotionale Ausbruchsmöglichkeit. Und wir hören alle möglichen Arten von Musik. Popmusikzeug, das jetzt überhaupt nicht eine politische Ebene besitzen muss, aber trotzdem eine Art emotionale Erfüllung vermitteln kann. Und es ist völlig ok für uns, wenn unsere Zuhörer bloß einen Zuhörerstatus einnehmen, und eben den emotionalen Aspekt aus unserer Musik für sich mitnehmen können. Wenn sie nach der Show zu uns kommen und fragen „wovon handelte denn dieses Sample“, und „in welchen Projekten engagiert ihr euch dann“, dann ist das noch mal ein besonderer Anreiz für uns, und eine Inspiration zu diskutieren, und Wege aufzuzeigen, und zu erklären was die Samples beinhalten, und was die Songs für uns oder sie bedeuten…


Ich würde unsere Musik als energetisch beschreiben, aber auch als herausfordernd. Sie fordert Leute heraus, offene Vorstellungen darüber zu haben wie Musik sein muss, wie Musik klingen muss. Was ich gerne sehen würde ist, dass die Leute das auf das übertragen was draußen passiert.

Welche Rolle spielt denn die Musik als solche für euch? Ich würde sie mit einem Wort als „energetisch“ bezeichnen – in welche Richtung soll diese Energie weisen; wie ist die Verknüpfung „Musik“ und „politische Aussage“?

Sergio: Hmm, das ist vielleicht nicht so konkret… Aber wenn du jetzt unsere Musik hörst und dann was von… Naja, ich will jetzt kein bestimmtes Genre kritisieren, aber… Es gibt viel Musik da draußen, die fein in ein bestimmtes Genre passt, und wiederholt was schon getan wurde. Und das ist ok so, richtig? Aber wir spüren nicht unbedingt das Bedürfnis ein Genre, oder eine Stadt nachzuahmen. Stattdessen wollen wir eher so die Zusammenfassung sein, alle unsere Einflüsse zusammenbringen und etwas bisschen herausfordernderes kreieren. Ich würde unsere Musik als energetisch beschreiben, aber auch als herausfordernd. Sie fordert Leute heraus, offene Vorstellungen darüber zu haben wie Musik sein muss, wie Musik klingen muss. Sie sagt zum Beispiel „ein Song muss keinen Sänger haben“. „Musik muss nicht nur Gitarre, Schlagzeug und Bass sein, Musik kann auch aus verschiedenen Ebenen bestehen“. „Musik muss nicht 3 Minuten lang sein, eine Strophe und einen Refrain haben“. Was ich gerne sehen würde ist, dass die Leute das auf das übertragen was draußen passiert. Von den Dingen nicht so simplifizierend denken, verstehen dass es ein größeres Ganzes dort draußen gibt, und versuchen den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich denke da ist der Link.

Eure neue Single heißt Beyond God & Elvis – was gibt’s denn über Gott und Elvis hinaus?

Matthew: Das ist ein „Goofy-Name“, auf den wir über Nietzsche gekommen sind. Eines seiner Werke heißt „Beyond Good & Evil“. Es geht nicht zwangsläufig darum Nietzsche zu huldigen, denn… er ist interessant, um’s mal vorsichtig zu sagen. Ich kann ihm nicht in allem zustimmen, aber er hat diesen interessanten Zugang zu Moral… als menschengemacht und irrelevant. Ich glaub was wir sagen wollen ist… naja, da ist ein Sample in dem Song, das vom Hörer verlangt, die heutigen Probleme nicht schwarz und weiß zu sehen, nicht in den Maßstäben richtig und falsch zu beurteilen, sondern all die Mechanismen zu betrachten, die daran beteiligt sind die schreckliche Situation zu schaffen in der wir jetzt stecken. Es gibt da diese moralistische Rhetorik die von Politikern und dem christlichen rechten Flügel benutzt wird – aber man muss nicht unbedingt Christ oder right-wing sein, um dieser Denkweise anheim zu fallen. Ich glaube dass die Menschen schon eine lange Zeit so denken; dass es einfacher ist, Seiten zu wählen, wenn es nur um simples Richtig und Falsch geht. Und wir wollen klarmachen, dass es da keinen einfachen Ausweg gibt, keine magische Lösung, dass etwas einfach gut oder böse wäre. Das scheint mir als „mystischen Weg“ auf die Dinge zu blicken, und wir wären da gerne etwas empirischer mit unserer Sicht der Dinge. Gott ist also das Symbol für das Gute, und Elvis, naja…, ist in der amerikanischen Gesellschaft das Böse, mit dem Hüftschwung, und wie er den Frauen die Sinne geraubt hat (schmunzelt), da war er die Inkarnation des Teufels. Damit spielen wir einfach.

Sergio: Um jetzt mal ein konkretes Beispiel zu geben, wer die guten Typen sind: George Bush, die Vereinigten Staaten, unser Militär. Und die Bösen? Osama Bin Laden, der Terrorismus. Wenn du das so simpel siehst, kannst du nur die Finger kreuzen und hoffen, dass sich die Bösen in Gute verwandeln und sich die Dinge ändern. Aber! Wenn wir uns fragen: Ist es so einfach? Oder wer ist dieser Osama Bin laden? Wie ist er die Person geworden, die er heute ist? Wir gehen in die Tiefe und erkennen: Oh, er war den USA eigentlich ganz freundlich gesonnen, und wir sehen „oh! Irgendwann haben ihm die USA Geld gegeben!“. Und wenn du dir die Taliban anschaust, vor denen wir soviel Angst haben, die so böse sind… dann kannst du sehen, dass hinter dieser „Böse“-Nummer, ganz konkrete, physische Auslöser stehen, Dinge die man ändern kann. Die Sichtweise von Gut und Böse macht es uns sehr schwer Dinge anzugehen. Wie ändert man das Böse? Das ist etwas mystisches, und deswegen etwas, was wir nicht anfassen können. Und wenn es etwas ist, das wir nicht anfassen können, können wir es nicht ändern. Wenn es sich um etwas einfaches wie wirtschaftliche Beziehungen, Grenzprobleme handelt können wir uns engagieren und etwas verändern.


Nächste Woche: Zweiter Teil des Interviews, mit noch mehr Antworten auf Fragen, zum Beispiel: Was die Arbeit aufwiegen kann in einer Band zu sein, und was wichtig daran ist, etwas von Bedeutung zu tun.

Interview: Flo
Fotos (alle hier und überhaupt viele): Bernd von der fiesen Falle.

Metadaten:

Ein Kommentar.


    Fatal error: Call to undefined function is_wpuser_comment() in /www/htdocs/w008468a/fallenlegen/_fl1/wp-content/themes/wearemagazine_2/comments.php on line 30