På Festivalen II: OWF

von Flo

Rückwärts in der Zeit
durch einen
Festivalsommer.

Ein Wetterfestival: Die Sonne brennt; an der Kaserne an der uns der Busfahrer hinauswirft, schickt uns ein soldatischer Insider links um die kilometerlange Einzäunung, Anwohner rechts herum; der raue Wind, der sich am Ulmer Bahnhof einmal kurz bemerkbar gemacht hatte ist wieder verebbt; und wir entscheiden uns für den langeren, staubigen, sicheren Weg: Die Straße entlang. Es hügelt, der Schweiß rinnt, die Sonne brennt immer noch, und über ein unverschämt grünes Tal bieten sich Blicke auf Pferde und Radfahrer, und über die Autobahn eine mögliche Besorgungsstätte für die so notwendigen glaslosen Bierbehältnisse.

Ein Locationfestival: 20 Minuten über die glühende Asphaltpiste geht es um eine Linkskurve. Der Weg wird staubiger, Flatterbänder machen ihren Namen wieder alle Ehre; Patronenhülsen auf dem Straße, und ein unverputztes Übungsgebäude der Bundeswehr macht zusammen mit dem kargen Bewuchs, dem Staub und dem Wind einen Eindruck von schweizerischem Bergpass. Nur wärmer.

Der Wind lässt sich nicht erbarmen; über den Zeltplatz flattern Plakate, Zelte und Einweggeschirr. Sonnenbrand, trotzdem. Und der Ein- und Ausgang ist dem Konzertgelände so abgewandt wie nur möglich. Die ersten Rebellen klettern über Bauzäune, wir wandern.

Ich denke: Ich mochten den alten Zeltplatz, 2005, lieber, im Tal, am Waldrand. Allgemein herrscht allerdings Zufriedenheit. Also knirsche ich allein ein wenig mit den Zähnen… 2005 Sometree im Zelt, und Zelt am Waldrand. Schwer zu toppen.

Ein Elektroindie-Festival: Indie-Festival ist so viel: Vom post-rockig-nischenhaften Mamallapuram über das zunehmend süßlich-mädchenlyrische Immergut, bis hin zum hypeschwirrenden Sonnenrot. Aber eben doch alle ganz anders. Obstwiesen hegt eine Vorliebe für dicke Beats – neben den Gitarren, und als ihre Garnierung. Eben kein Indietronic; Indie mit elektronischen Ziselierungen, nein Elektroindie: Es wummert und schmatzt und kracht. Goose. Zwischendrin spielt Clickclickdecker. Und als Konsens darf wiederum für alle „Indiefestivals“ diesen Sommer gelten: Headliner ist Tocotronic.

Biertrinken zu Raudur Sòl, Polarkreis 18 und Mogwai im Sound; Grashalme kraulen für Nufa – und zwischendrin einmal die Luft anhalten: – Sie tun es wirklich: Einen Song mit „willst du mit mir gehen?“ abschließen. Ein Faux-Pas der sonst eher für Tele reserviert ist. Unterm Strich: Der Lokalbandpart tat gar nicht so weh.

Clickclickdecker schmeißt mehr als damals vor Tomte; die Sangesleistung mit vollem Einsatz, „das bin ich der hier am Boden liegt, aufgibt und Rekorde schiebt!“ die Stimme schiebt das Ausrufezeichen und trägt und zerrt das nach-mehr Leben hungrige Umkippen, Au Revoir Simone sind fürchterlich nett, spinnen federleichte Musikfäden durch die Sommerluft, die im Wind gut fliegen. „Wir sind so leicht, dass wir fliegen“, könnte man mit Tocotronic sagen – aber ist jemand zu trauen, der nicht zugibt, das Leben sei schwer? Der Freitag schleppt sich angenehm: Die Hits von The Blood Arm und Goose, selbige mit den unglaublich schweren Beats im leichten Nieselregen; am Ende das skurrile Puppentheater der Puppetmastaz. Zwischendrin regnet es; immerhin ohne Wind: Durchnässt wird man, wie erwartet, weggeblasen nicht.

Samstag ist Sonnenbrand. klez.e wachsen immer noch mit jedem Auftritt; vom sympathischen Bemühen beim Immergut 2006 bis zum… so zeitgeistbegreifenden antwortlosen Rufen über seltsame Zustände und ausfransende, rastlose Songstrukturen hinweg. Die Kilians klingen wie die Strokes, und das ist weder Zufall noch meine mangelnde Genrekenntnis. Friska Viljor brauchen keine Sonne für ein Fest. „Traurige Texte zu fröhlicher Musik“ – die Band über den Kern ihres Album. Vielleicht das einfachst großartige Rezept des Genres. Feiern, weil es eben nicht perfekt ist; weil es sich mit einem Grund schöner fällt, und noch mehr Gründe warten, wieder aufzustehen. Der Tick Bitterkeit, der in die Musik schubst. Auf der Bühne werden massig Textzeilen vergessen, die Menge wogt. Es nieselt. Monta steht auf der golden angeleuchteten Bühne, und zelebriert den Refrain von „I’m Sorry“. In „I’m Sorry“ und in „Good Morning Stranger“. Es bleibt immerhin die Sympathie für das große und so bescheidene Debütalbum. Und die schwer verzerrten Gitarrensoli in „Second Best“, die, andersherum, die Sehnsucht über die textliche Schwermut legen.

Naked Lunch werden nur Opfer ihres Slots: Die geisterhafte Feierlichkeit, den Blick hinter den Vorhang will das Ulmer Tagespublikum nicht hören; nicht nach 5 Gold-Ochsen. Verübeln kann man es nicht direkt. Und hätte die missmutig in den halbgefüllten Regen spielenden Naked Lunch trotzdem noch einmal gerne vor kleinerer Kulisse gesehen.

Tocotronic? Begeisterung bei Freiburg, leichte Ratlosigkeit zur Kapitulation. Es regnet wieder.

Das unwahrscheinlich schöne am Obstwiesenfestival ist seine Kostenlosigkeit. Das wunderbare Problem: Kostet es nichts kommt jeder gerne; und so steht man zu 8.000st auf einem Feld, und versteht einander und die da vorn nur zur Hälfte.

Aber halbaudienziell herbeigeklatschte Zugaben mit klez.e am hellen Nachmittag und Teilekstase mit Friska Viljor: Es ist eben so schön wie möglich, und richtig so, wie es ist. Kein Grund, weitere Patronenhülsen zu fabrizieren – auch wenn es nur genieselt hat, und nie die Dämme brachen. In den Regen muss man erstmal so viele Gäste locken.

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