På festivalen III: Immergut

von Mario

Ich habe das Taktgefühl einer wütenden Kinderrassel, kann Noten besser als Altgriechisch lesen und mein Gesang macht jedem Urvolkschamanen Konkurrenz. Musikalischer Laie ist also eine gute Kategorisierung. Vielleicht kommen mir deshalb die Worte die ich in meinen Texten über Festivals schreibe so unheimlich trivial vor. So nichtssagend so leer, so in tausendundeinem Waschzettel gelesen, so unangebracht. Und doch versuche ich mich an Texten über Musik und über Festivals. Weil ich gerne festhalten und mitteilen würde was mich wann, wo und warum bewegt hat. Auf die Gefahr hin, dass ich den Text am Ende wieder trivial finde: das immergut.

Schon ein bisschen weiter weg. Anfahrt klassisch zu fünft im Golf, irgendwann halten wir, ein Bier und hej fahren die vielleicht auch zum immergut? Zwei Tramper fragen freundlich ob sie mitdürfen, sorry aber wir sind voll. Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn. Noch einmal um Neustrelitz rum, na wo müssen wir denn hin? Ihr wart schonmal da. Das kommt euch bekannt vor? Na dann eben rechts, links? Ne jetzt sind wir abgebogen. Kann man hier umkehren? Nicht umkehren! Nettes Plattenwohngebiet, ich glaub wir sind falsch. Okay, dann kehren wir um. Kehr um! Wo? Da. Sind wir endlich, offiziell ist erst ab Morgen campen. Stört niemand und voll is ja auch schon gut. Auspacken, aufbauen, rumschauen. Nett wie die alle grillen – auf der Homepage stand es sei verboten – ist ja gut, Fleisch kriegen wir jetzt eh keins mehr.

Auf ins NVA – Zelt, ist ein Geheimtipp – mit Generator, DJ und “Security” – angenehm heiß und stickig, die Menge reibt sich, beginnt zu wogen und durch s Zelt zu treiben. Es gibt nichts schöneres als losgefallen, weitergerempelt und zurückgestoßen zu werden. Nicht Pogen, Wogen mit der Menge, diesem freundlich vor und zurück tanzenden Gliederhaufen, im Takt zur hämmerenden Musik. Bis hierher Klasse, und keinen Schritt weiter. Wie, deine Zeltstange? Ein Freund vom Veranstalter, aha. Und deshalb schubst du hier Leute durchs halbe Zelt wenn sie eine Stange berühren? So, der Streifi hätt die umgerissen? Du meinst schon den harmlosen Kerl mit der Brille? Wie alle rausschmeißen? Der hat den doch maximal angetippt und das auch nur weil das Lied scheiße war. Stressen? Nene brauchst dich nicht aufbauen vor uns, wir wollen nur Spaß – solltest du auch haben, aber dazu bist du wohl zu betrunken und zu wichtig. Danke, ciao und – spiel doch allein mit deiner Stange.

Morgen. Erstmal das letzte Mal warm duschen, dann mit der historisch wertvollen Eisenbahn und den netten Leuten vom Modellbahnclub nach Neustrelitz rein und ordentlich eingekauft. Die wichtigen Dinge des Lebens, gibt es in Dosen. Vor dem Zurück auf das Festivalgelände noch ein Schlenkerer am Brathähnchenstand vorbei, man seid ihr gierig. Es spielen noch keine Bands, viele Besucher kommen erst an und die Sonne scheint auch manchmal. Interessante Mischung hier, viele Kids aus Neustrelitz – fast wie auf dem SORF aber darüber schreib ich ein ander Mal -, dann Gruppen von mittzwanziger Jungs mit Southside- Shirts und viele, viele unheimlich indieschicke Damen und Herren, aus Berlin- Mitte oder so. Ein bisschen hört man ihre Röhrenjeans und Sacktunikas zischen “Ich bin aber mehr Indie als du…”, “Dafür war ich auf dem allerersten Glastonbury…” und “Ich kenn World War II*”. Battle of the Indieband-, Indielabel, Indielifestylekenners. Nein, ich find das nicht schlimm, vielleicht bin ich nur nicht dabei weil ich keine Ahnung habe. Und um die Rechtfertigung fort zu setzen: Ich beobachte einfach gerne Menschen. Zynisch versteht sich.

Endlich Bands. A Hawk and a Hecksaw eröffneten und wurden für ein Bier am Zelt ausgelassen, mein immergut beginnt für mich mit Polarkreis 18 grundsolide. Doch, waren in Ordnung die Jungs. Bei Tele haben wir uns zum Abendessen getroffen, vor dem Zelt versteht sich. Und damit wären wir bei Band No 4: Friska Viljor, wie soll ich es sagen? Das komplett vollgestopfte Nebenbühnenzelt ist einfach mal ausgeflippt, so geil wars. Echte Schweden, ich glaube alle blond, mit viel Bart und Haar und irgendwie nem Bubigesicht darunter, die von vergangener Liebe rocken. Das Zelt hüpft und stampft so lange “Zugabe!” bis die Band zum dritten Mal hinter der Bühne hervorkommt und zum dritten Mal, diesmal mit Tränen der Rührung in den Augen, erklärt das wäre das absolute tollste Konzert das sie jemals gespielt hätten und sie könnten nicht mehr spielen, draußen(Hauptbühne!) wäre doch eine andere Band… Wow, war das groß. Die Band draußen waren Superpunk, die ich leider verpasse weil ich Friska Viljor beim Bier trinken mit den letzten Fans zusehe. Dann, Architecture in Helsinki, waren mir vorher schon ein Begriff aber an etwas Besonderes erinnere ich mich nicht. Dann kommt Finn mit der wunderschönen Stimme und dem unheimlichen bis unter die Haut Echo, das trägt mich schon beim Soundcheck – ganz weit weg. Nur sein – selbstgeschneidertes – Kostüm und die Luftballon und Taschenlampen an/aus – Show wirken ein wenig irritierend. Das Jeansteam ist krank, dafür kommen Muff Potter. Gehasst oder geliebt, ich fand sie Klasse, mal wieder genau der richtige mitreißende Rotzrock im richtigen Moment. Ahhh das Wogen der Menge. Es folgen SDNMT die mich eine Weile durchaus bei Laune halten, dann wirds mir zu kühl und experimentel, ich beginne zu wandern und entdecke den wunderbaren französischen Kaffeestand: Nie trank ich feineren Kaffee! Die Schlange nicht unter zehn Mann/Frau, aber das war es wert. Monta vs Naked Lunch wird zu Monta und danach Naked Lunch, schade, Monta berührt und Naked Lunch sind so schön verspielte alte Herrn. Zusammen wärs spannend geworden, so war es okay. Erobique verpass ich, der Halsschmerz, kommt morgen wieder.

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Bild: Mario.

* Kommende Indiebandlegende, momentan in der frühen illegale Clubphase.

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