Der Anfang vom Ende…

von Flo

Das nicht unrechtmäßige Siegersystem des Kalten Krieges funktioniert nicht mehr. Weil es seine eigenen Trümpfe für noch ein bisschen mehr Wohlstandsversprechen verrät.

Es war gerade 1992 als Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ ausrief – die Sowjetunion und ihre Vasallenstaaten waren soeben in einem mächtigen Schlag zersplittert. Zerborsten wie eine überdehnte Glasscheibe, könnte man sagen, unter dem Druck ihres Gegensystems, das tatsächlich viel freier und leistungsfähiger war. Besser in der Lage nämlich, die Bedürfnisse des Menschen nach Selbstentfaltung zu befriedigen. Sei es durch die Freiheit zu denken, sprechen, reisen, oder die Abwesenheit täglicher Probleme wie dem Anstehen um Lebensmittel oder Kriegserklärungen.
Fukuyama sah damit nicht das Ende aller Verwerfungen – aber einen Sieger im langfristigen Kampf um die Vorherrschaft der Lebenssysteme: Die repräsentative Demokratie und ihr Wirtschaftssystem, den Kapitalismus. Zumindest ein Ende der Diskussion um den richtigen Weg. Und ein Freifahrtsschein für den jetzigen.

Das schien in den langen 90ern, mindestens von 1989 bis 2001, all jenen, die nicht gerade überzeugte Marxisten oder Totalitaristen waren genauso schlüssig wie beruhigend. Freiheit und Sorgenlosigkeit überall, so konnte es zumindest dem Bewohner der Nordhalbkugel scheinen. Und tatsächlich wird alles immer besser: Eine Zugreise, oder ein Spaziergang durch eine Innenstadt bestätigen das. Man vergisst ja schnell, doch wer in sich geht, wird sich erinnern, dass Bahnhöfe und Innenstädte noch Anfang der 90er keine glitzernden und spiegelnden Wunderwelten in angenehmen Düften waren, sondern oft etwas düstere und kastig-ungepflegte Gebäuderäume. Das passt in die große Erzählung vom beständigen Fortschritt, die seit der Aufklärung in den Köpfen wohnt.

Eben deswegen will und soll und darf keine Verwirrung aufkommen, wenn die Dinge auf einmal schieflaufen: Diejenigen, die das Symbol dieses endgültigen Weges ins Glück mit einem Flugzeug (Transportmittel zum Glück) hochjagen sind fundamentalistische Wirrköpfe, die wachsende Gruppe an Abgehängten und Unzufriedenen faul, und wenn das Wirtschaftssystem, das uns alle (fast) reich macht schwankt und wankt, dann ist es der Fehler einzelner Fehlgeleiteter im unteren Bankmanagement. Roland Koch hat es uns erklärt: Ein wenig Gemeinschaftsgeld rein, nicht rumpfuschen und alle weitermachen lassen, dann läuft es bald wieder.

Tatsächlich sind das natürlich keine Zufälle, das wäre ja auch seltsam: Die zornigen Attentäter dürfen nicht leben wie sie wollen, längst wird überwacht was gesagt wird, um Lebensmittel muss zwar nicht angestanden, aber trotzdem in Überstunden geschuftet werden um nicht über den prekären Rand zu fallen (das ist der Zweck unseres Daseins, dessen derer unten und derer weiter oben), und im Namen der Demokratie werden Kriege erklärt: Das Siegersystem hat seine besten Argumente verloren. Und das Positive an all dem Negativen, den Massenentlassungen, die noch nicht einmal begonnen haben oder den Staatsbankrott, den man wohl verursachen würde, wollte man sie alle verhindern, ist: Dass genau darüber wieder nachgedacht werden darf.

Die Freiheit zur Selbstentfaltung, als der Trumpf des Siegersystems, davon schrieb ich oben. Die war es, die den Sieger ausmachte. Es ist nicht das Wurschteln im Kapitalismus, das glücklich macht, und nicht die Existenz eines Rechtsstaatslabels. Sondern das tatsächliche frei und (soweit und wann möglich) sorgenlos sein. Um es klar zu fassen: Es sollte nicht das Zugestehen von Freiheit das Mittel zur Schaffung von Akzeptanz für das Wirtschaftssystem sein, sondern das Wirtschaftssystem das Mittel zur Schaffung von Freiheit. Und auch: Freiheit nicht das Mittel zur Schaffung von materiellem Wohlstand, sondern Wohlstand das (durchaus nötige) Mittel zur Schaffung von materieller Freiheit. Der Mensch kann in einem Leben sehr viel mehr schaffen, als Dinge anzuhäufen. Aber da ist noch der Mechanismus, der sagt, dass wir das und nur das tun müssen. Ganz frei?

In der eigenen Ausbildung, in Schule (G8) und Universität (Bologna-Prozess) werden wir zunehmen zu unseren eigenen Instrumenten zur möglichst effizienten Wohlstandserwirtschaftung, nun, genau: Instrumentalisiert. Wer frei denken will ist weltfremd und wird belächelt. Und all das Geglitzer in den Innenstädten und Wohngebieten ist teils genau das, was uns selber aus unseren Städten herausgentrifiziert, und Resultat der Mechanismen, die uns jetzt in den Rücken fallen: Auf faulem Kredit, oder Börsengeld gepumpt, das dafür sorgt, dass Betriebe (also: Wirtschaft) nicht länger nach menschlichen Maßstäben funktionieren dürfen, sondern das Geld immer weiter, immer besser, immer schneller von hier nach dort verteilen. Und zuguterletzt macht es uns noch faul und eingeschüchtert. Schließlich könnte man kaum etwas so schön gestalten, wie es zu kaufen ist: Unsere Welt ist zum Konsumieren, nicht zum Gestalten gedacht. Wer unter euch kreativen Lesern, kann ein Gedicht, einen Song, einen Gedanken nach einem ausgedehnten Kaufhausbesuch aufschreiben, irgendetwas schönes gestalten? Die öffentliche Welt ist längst zu perfekt für unsere unfertigen Gedanken.

Womöglich hatte Fukuyama Recht: Insofern, dass Demokratie und freie Wirtschaft der logische Endpunkt einer aufgeklärten menschlichen Gesellschaft sind. Das Ende der Geschichte haben wir trotzdem nicht erreicht. Und zwar, weil der Mensch sich nicht mehr frei in der Demokratie und der Wirtschaft bewegt, sondern die Wirtschaft frei den Menschen und die Demokratie. Sei es weil Konzerne über Landesgrenzen Staaten ausspielen, oder der Aktienmarkt in die Effizienz zwingt. Genau das zu erkennen wäre die Quintessenz aus dem Unmut der World Trade-Kamikaze-Piloten, deren Kultur für unseren Wohlstand fremdbestimmt werden muss, und all dem Gerenne und Gefalle, dass in diesen Monaten sichtbar wird – das sein muss, weil Geld frei fließen muss.

Vielleicht bringt mehr Wirtschaftsfreiheit mehr absoluten Wohlstand, aber wer hat gesagt, dass es darum ginge? Ein bisschen mehr wirklich freie Selbstbestimmung an Stelle von Marktzwängen* würde vielleicht ein bisschen weniger Glitzern bedeuten. Aber vielleicht bin ich gar nicht der Einzige, der müde all dieser Kunstwelten ist? Irgendwo ist da eine Sehnsucht: Nicht nach perfektem U-Bahn-Komfort und einem Hochglanzbankfoyer, sondern nach echten Räumen, Zeit zu leben und zu denken. Und so ist der unrenovierte Altbau in einer fiktiven Innenstadt zwar nicht Beruhigung für unseren Hang zur Perfektion, aber eben unserer, und kein hermetischer Bereich, für dessen Eintrittskarte wir lebenslang schuften. Genauso verhält es sich vielleicht mit unserer Gesellschaft.
Es sollte also das System, das Fukuyama zu Recht als das Beste erkannt hat, die Demokratie, dafür sorgen, dass sie wieder die Oberhand über ihren Handlanger, den Kapitalismus bekommt, damit sie wieder ihrem Ziel, der Freiheit dient. Ansonsten könnte das Ende der Geschichte bald ein Ende nehmen – und all der überwundene Totalitarimus den Beweis finden, dass er doch gar nicht so viel schlechter war.

*”…da sie per defintionem festgelegt haben, dass “Natur” “Freiheit”, “Gemeinwesen” hingegen “Zwang” bedeutet, können sie schwerlich  die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß (…) die Natur einige Formen  von Zwang und Unterdrückung nähren kann, die tückischer sind als all jene, denen wir in der demokratischen Politik begegnen” (Benjamin Barber, Starke Demokratie)

Titelfoto: Flo

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