Drei Filme wie Schweden

von Mario

Drei Filme wie Schweden. Ehrlich, geradeheraus und manchmal ein wenig rau. Die viel von Pubertät, Liebe, Ehe und anderen emotionalen Krisen und nebenbei ein wenig von diesem seltsamen Land im Norden erzählen. Keine Schwedenfilme, schwedische Filme und ganz vorzügliche noch dazu.

Bild: Tillsammans, Tele München Gruppe / Concorde Filmverleih

Åmål liegt wohl am Ende der Welt. Oder zumindest nahe daran. So nahe, damit Trends lange genug brauchen um dorthin zu kommen um schon wieder vorüber zu sein, wenn sie es denn jemals tun. Trends wie die “Raves” der 90er – die wilden drogengetriebene Tanzexzesse der Hauptstädter – welche Elin sich schillernd ausmalt. Elin – eines von zwei Mädchen um deren Geschichte sich der Film Fucking Åmål dreht. Noch keine 14 aber von heftigstem Provinzkoller geplagt will Elin alles: endlich einen Rave mitfeiern, die große Liebe finden, ein Filmstar und Fräulein Schweden werden und überhaupt und vor allem: weg aus fucking Åmål. Ganz anders Agnes, die still und schüchtern, noch immer keinen Zugang zu den Cliquen und Freundeskreise der Schule und der Stadt, in die ihre Eltern vor einem Jahr gezogen sind, gefunden hat. Die im Gegensatz zu Elin nicht um jeden Preis anders sein, sondern einfach dazu gehören möchte. Und nicht darf – vielleicht weil sie eventuell lesbisch ist. So ganz sicher sind sich die anderen Mädchen da nicht. Lukas Moodysson erzählt in Fucking Åmål also die klassische Geschichte von der schönen Prinzessin und dem hässlichen Entlein. Aber er tut dies gänzlich unkitschig, in heimeligen und persönlichen Bildern die sich ganz auf die darstellerische Stärke der Mädchen verlassen. So gelingt es ihm, trotz der hochdramatischen, tiefpubertären Abgründe die sich für seine Protagonistinnen auftun nicht in einen gefühlsduseligen Teenyfilm abzugleiten, sondern ein angemessenes und ehrliches Portrait zu zeichnen.

Ein ehrliches Portrait. Ja, damit ließe sich auch Tillsammans sehr treffend umschreiben. Bilder aus einer Kommune in einem Stockholmer Vorort mitten in den 70ern. Einem Ort an dem jeder sein spezifisches Lebensmodell aus dem Spektrum linken, selbstbestimmten Lebens bis an die Sinngrenzen und darüber hinaus zu exerzieren versucht. Natürlich immer voller Rücksicht und Verständnis auf den Rest des bunten Haufens, der ja das Gleiche versucht, aber anderes will. Mehr oder minder stiller Angelpunkt der Wohngemeinschaft und auch der Geschichte ist der sehr harmoniebedürftige Göran. Er verknüpft all diese kleinen Versuche der Selbstverwirklichung und die mit ihnen verwobenen Geschichten um die kommunistische Arbeiterrevolution eines Studenten mit Bankervater, das hoffungslose Warten eines Mannes auf seinen Traumprinzen, der verkrampfte Wunsch nach freier Liebe und Bemutterung zugleich seiner Freundin und einige mehr mit der großen Geschichte um seine Schwester Elisabeth, die mit ihren beiden Kindern von ihrem Mann weg in die Wohngemeinschaft zieht nachdem der sie betrunken geschlagen hat. Es ist eine Sammlung kleiner, skurriler Episoden, die der Film nach und nach preisgibt und die er fast immer wohlmeinend erzählt. Und wieder gelingt es dem Film, nicht zu verkitschen, weil er ehrlich bleibt. Wenn Elisabeths verlassener Mann, der Klempner ist, sich mit einem einsamen Kunden in Grund und Boden trinkt oder das Familienoberhaupt der spießigen und spitzelnden Nachbarn im Keller hämmernd auf Schundmagazine mit leichten Hippiemädchen onaniert ebenso wie wenn Elisabeths Tochter und der Sohn eben jenes Familienoberhauptes sich vorsichtig und unschuldig näher kommen. Einfach und ehrlich, gerade heraus und gekonnt erzählt Tillsammans so von den Schwierigkeiten des Zusammenlebens und es scheint als ob es keinen Unterschied macht ob man das Bett, das Zimmer, das Haus oder die Nachbarschaft als Ehepaar, Familie, Mitbewohner und Liebhaber oder Nachbarn teilt: Es bleibt kompliziert und meist auch skurril.

Bild: Kops, Polyfilm Verleih

Kompliziert und skurril – um zum zweiten Mal brachial überzuleiten – sind nicht unbedingt die ersten zwei Adjektive die einem in den Sinn kämen um das Leben auf der Polizeistation in Högboträsk zu beschreiben. Einem Nest das umgeben von endlosen Nadelwäldern gleich neben Åmål am Ende der Welt liegen könnte. Hier passiert kriminalstatistisch und auch darüber hinaus einfach nichts. Gangster die Banken mit großkalibrigen Waffen überfallen gibt es nur in den Tagträumen die Benny einlullen wenn er auf Streife einnickt. Und auch sein bester Freund und Polizistenkollege Jakob scheint schon seit Längerem darauf zu warten, dass sich die richtige zu einem seiner vielen Blind Dates hierher verirrt. Aber natürlich ändert sich alles, als eine schöne Frau in die Stadt kommt. Ihr Name ist Jessica und ihre Aufgabe ist es strukturell nicht mehr notwendige Polizeistationen im ganzen Land abzuwickeln. Es kommt wie es kommen muss, Jakob verliebt sich und kämpft nun unter den amüsierten Augen des Zuschauers um seine neue Liebe und seinen Arbeitsplatz. Kops ist bisweilen bitterböse und fast schon brutal wenn es darum geht, seine Protagonisten mit all ihren Schrulligkeiten und Belanglosigkeiten bloss zu stellen. Ohne sie dabei allerdings zu entmenschlichen oder der vollkommenen Lächerlichkeit preiszugeben, immer mit einem Augenzwinkern und ohne sich selbst und den großen Hollywoodkollegen Police Movie allzu ernst zu nehmen. Geradeheraus und ohne viel Slapstick Brimborium eine Komödie zu erzählen, das gelingt Kops ganz vorzüglich.

Ehrlich, geradeheraus, ein wenig skurril und deshalb irgendwie auch sehr schwedisch. Drei Filme machen noch keinen Querschnitt, aber einen schönen Ausschnitt. Schaut sie euch einfach mal an.

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