Was lange rotiert, wird endlich…

von Flo

„Musik“, denkt man, vor dem Notebookschirm, und einer dieser Jahresbestenlisten sitzend, „Musik ist ein so ein verworrenes Konglomerat geworden“. Oder verworren, vielmehr: Der Geschmack den man an ihr findet. Es ist das DJ-Syndrom. Es mischen sich die alten Namen die nicht fehlen dürfen (aber eigentlich doch nicht mehr diese herzliche, wild umarmte Überraschung mit sich bringen, die sie einmal bargen. Die Oasis, Tomte, Bloc Party). Und das, was eben als interessant notiert werden muss. (Etwas neues, schwieriges, um nicht selbst schlicht oder langweilig zu wirken, als Verfasser. Oder Aufleger.) Und ergeben zusammen eine zähe Mischung.

Und dann mag man seufzen, vor dem Notebookschirm und dieser eigenen Jahresbestenliste sitzend, weil: Man natürlich andere Namen verwendet, aber letzten Endes eben auch das lediglich der (unter-)bewusste Versuch sein könnte, interessanter zu sein. Dann bleibt nur noch mit den Schultern zu zucken. Und dem Leser zuzuraunen, dass das hier wirklich die unprätentiösesten, interessantesten und eben ins Herz geschlossensten Tipps wären, die man dieses Jahr, und mit den zwei Wochen Sicherheitsabstand zu bieten hätte. Das was sich, mitten im wöchentlichen Downloadfieber, lang im CD-Player gehalten hat. Glaub es. Oder nicht.

- obendrein ist dann noch vorauszuschicken, dass es hier vier mal schönsten, freigeistigen Pop geben wird, warm und süß und bitter, feingliedrig, clever und manchmal entrückt (vor allem warm und bitter) – aber kein klein wenig direkte Politik. In dem Jahr, in dem die Wirtschaftskrise begann. Was auch immer das nun heißen mag.


I Might Be Wrong – It Tends To Flow From High To Low

.gleich zu Beginn, auch noch ein Album aus dem Dezember 2007. Was für ein demonstrativer Tabubrecher, der Autor! – Aber von einem kalten, diesigen (nur in den Abendstunden blaudämmerigen) April-Wochenende in Leipzig mit nach Schweden genommen. Blieb dieser Umstand dann auch am Album haften, und ich denke daran, mit den offenen und etwas fremden Straßen Plagwitz’ oder Stötteritz’, der Leipziger Südvorstadt, bröckelnder Putz und fliegenden Ideen,… Und die ebenso leichte Schwere mit der man durch diese Straßen gehen würde, und durch all die neuen Gesichter, mit dem Gedanken an irgendjemanden der fehlt.

Im Hintergrund frickelt und knistert es, das beschäftigt und interessiert das Gehirn, dadrüber drahten halbtrocken die Telecaster und freuen das Gitarristenherz. Und während Herz und Hirn freundlich beschäftigt sind leiht Liza von Billerbeck die Stimme, die (in Negation zum Element Of Crime-Text) dem Hörer immer noch Liebeslieder singt. In keiner Silbe im Text, das wäre zu plump, aber in der Wärme und dem Erinnern und manchmal hinterlistigen emotionalen Stechen im Timbre. Weil es mit Menschen so schwierig, und oft schon vergangen ist, wir wissen es, und über Leipzig, zwischen all den neuen Gesichtern und fremden Straßen, so offen dämmert.


Fredrik – Na Na Ni

Zwischen I Might Be Wrong und Fredrik lagen vier Wochen (immerhin so lange hat ein Album bei mir 2008 noch rotiert.) – und die einen gehören so sehr zum grauen Frühjahr, wie die anderen zum blütenberstend warmen Mai. Vor meinem schwedischen Erdgeschossfenster wucherten Apfelblüten und warfen Schatten vor den blauen Himmel, die Nächte wurden schon kurz (oder lang?) und auf den Grasmatten und Bänken lagen Studenten und gossen fröhlich sprudelnde Sturzbäche schwedischer Sätze über das Kopfsteinpflaster:

Fredriks Musik (-> zum fallen/legen-Download) hat nichts mit Alltag zu tun: Ein bisschen langsamer und auf jeden Fall verwirrender und geheimnisvoller sind die Strukturen dieser selbstsobetitetelten „Sagenmusik“. Aber drücken mit samtigen Blas- und Xylophoninstrumenten, geographisch nicht verortbarer Perkussion, über dem Gerüst aus Schlagzeug und Gitarre genau diese Mischung aus Durchatmen, blauem Himmel, warmer Haut und mäandernder Gedanken herbei, die auch ein schwedischer Frühlingstag so zielsicher produziert. Euphorie ohne Lüge. Lächeln.

The Fairline Parkway – A Memory Of Open Spaces

Dann Sommer. Zurück in Deutschland. Aber vor allem der Griff länger zurück: Anfang der 2000er gab es das „New Acoustic Movement“, aus dessen gemeinsamen Nenner (Akustikgitarren in erster Linie, und dann Melancholie und Melodie) sich heute so unterschiedliche Exponenten wie Coldplay, I Am Kloot, Elbow oder Starsailor herausschälten. Was es nicht mehr zu geben schien war dieses melancholische Akustische; in sich ruhender, miniaturender Pop. Dann kam mit einem Label-Sampler (ein Sample eben, mit einer Bestellung) der unbegreiflicherweise unbekannten Kora Records The Fairline Parkway und „Westward Bound“ ins Haus. Eine sacht raunende Stimme, zielstrebig mit 60 über die Landstraße steuernde Akustikgitarren und die glasklar darüber getupfte Melodie. Keine Innovation – aber so schön wie nochmal 2000/01: Weil die Band nichts sein muss, eben nicht innovativ, nicht anders, nicht retro, sondern einfach sie selbst. Und das klappt dann sogar: Auch auf ganzer Albumlänge.

This Will Destroy You – This Will Destroy You

This Will Destroy You waren als Name das ganze Jahr über präsent, spätestens seit der an mir vorübergezogenen Skandinavientournee (Kopenhagen, Malmö, Trollhättan…) tatsächlich zu Ohren kam mir die Band erst etwa im Oktober. Als Bild bleibt in diesem Fall ein Abend im Orangehouse in München, die Bühne im blauen Licht und TWDY-Gitarrist Chris King, der bei den ersten Steigerungsläufen des Openers A Three-Legged Workhorse zu jedem der kräftigen Drumschläge mit dem Knöchel gegen das Bein des Stuhles auf dem er saß schlug. – Oder vielleicht das Ende des zweiten Konzertes, im PMK in Innsbruck: Wieder blaues Licht, geschlossene Augen und Lächeln in den mitbeleuchteten ersten Reihen, als das Finale von Burial On Presidio Banks als Woge über den Zuhörern zusammenbricht: Ein warmer Mantel aus Schmirgelpapier oder Stahlwolle. Damit ist auf alles hingewiesen: Der feierliche Ernst und die Präzision der Musik, die kühle Eleganz der einsamen, minimalistischen Melodien, und der dann wieder fast brachiale „lift“ in höhere emotionale Gefilde. Klischee-Postrock – so schön wie fast keiner außer Explosions In The Sky, und draußen der November.

Nennen könnte man noch mehr, Gisbert zu Knyphausen, der jede leichte Tomte-Enttäuschung aufwog, über den aber schon genug geschrieben steht. Die, die das Jahr begleitet haben, dabei offiziell nun wirklich nicht dazugehörten: The Radio Dept., Apparat. Zum Schluss aber noch den Song des Jahres: Auf Björn Kleinhenz’ und Winter Took His Lifes Split-EP, ein Gratis-Download, übrigens. Ohne Intro und umschweife twangt Herrn Kleinhenz’ Opener los, schwankt mit Bierflaschen und Freunden in den Armen durch die Straßen und singt in geschätzten 17 atemlos erzählten Strophen Freude und Melancholie gen Himmel: „Ah ah/Those were the best days of my life/ah ah/and now there’s no up and no down/ah ah/those were the best days of my life“. Am Ende läuft der letzte Vers über das Outro aus, und bleibt endgültig unwiderstehlich: „Hey Mike, you ok? I still feel ashamed about the time/when we hit you with a towel/in the shower after gym class/and locked you out in the snow/in the winter of 1994.“ Melancholie ohne Ernst, und er wird kaum mit dem Erzählen fertig, alles muss raus: Auch so kann Musik schön sein. Auch so schön kann Musik sein: So einfach.

Metadaten:

Ein Kommentar.


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