Leerverkauf

von Christoph

Die Zukunft ist uns in Science-Fiction-Romanen schon mancherartig vorgestellt worden. Ob problemlose Traumwelt, geknechtete Unterschicht oder roboterdominierte Menschheit – alles ist schon gedacht worden. Und gerade letzteres Szenario ist oft gedacht worden: Roboter mit Eigenintelligenz, Schwärme aus autonom sich vernetzenden Computern, ein allmächtiger, unkontrollierbar gewordener Großrechner. Große Gemetzel, aufopfernde Heldenkämpfe und etwas grenzgeniale Wissenschaftler, die von den von ihnen erfundenen Produkten vernichtet werden. Also alles, was ein guter Science-Fiction-Stoff so hergeben muss, um spannend zu sein.

Ganz still und heimlich ist allerdings kürzlich auf eine ganz anderer Weise das Phänomen wahr geworden, das wir uns (in diesem Falle unsere Wirtschaft, und damit Arbeitsstellen, Alterversorgen und Aktienvermögen) in die Hände von Computern gewagt hatten – und sich diese gegen uns richteten. Google News, Informationsdienst der unbändig wachsenden Datenkrake, hatte vergangene Woche den Konkurs von United Airlines verkündet. Brandaktuell. Die auf digitale Nachrichtenanlyse optimierten, digital programmierten Verkauf- und Kaufagenten verkauften daher binnen Minuten hunderttausende von scheinbar kurz vor dem Verfallsdatum stehenden United-Airlines-Aktien. Der Kurs des zweitgrößten Flugunternehmens der Welt fiel binnen Stunden um 75%. In zwölf Minuten wurde mehr als eine Milliarde US-Dollar vernichtet. Allein: Die Meldung war sechs Jahre alt und zum jetzigen Zeitpunkt gab es nicht den geringsten Grund für die Nachricht. Und – kleiner Schönheitsfehler: Ein Computerprogramm hatte sie als brandheiß gekennzeichnet und ganz nach vorne geholt. Computer hatten eine uralte Nachricht aktuell gemacht, Computer hatten sie binnen Sekunden in alle Welt transportiert, Computer hatten automatisiert Unmengen an Aktien verkauft – und die Menschen begannen mühsam mit den Aufräumarbeiten.

Die Aktie wurde vom Handel ausgesetzt, die Börsenaufsicht startete eine Untersuchung, öffentlichkeitswirksam beschuldigte einer den anderen, an der verheerenden Nachrichtenaktualisierung schuld gewesen zu sein. Doch das Problem lag an anderer Stelle: Ein Mensch an der Stelle des Verkäufers wäre in 95 von 100 Fällen langsamer gewesen, den Sinn der Nachricht zu verstehen und Konsequenzen wie den Verkauf oder Kauf zu ziehen: Die riesigen Spekulationsgewinne, die Computerprogramme und Bietagenten versprachen, waren nur durch den Verzicht auf einen menschlichen Mitspieler möglich. Doch auch andersherum: Durch die blinde, unreflektierte Unterordnung unter die Macht der Maschine, unter die an Hybris grenzende Hochachtung des Genies Börsencomputer kam eine Situation zustande, die zweitgrößte Fluggesellschaft der Welt binnen Minuten um Millimeter an den Abgrund zu schicken und beinahe über 50.000 Mitarbeiter beschäftigungslos zu machen. In einer Kettenreaktion, in der kein Mensch mehr eingegriffen hatte, die vollkommen automatisiert abgelaufen war.

Vielleicht werden die in den Romanen düster vorhergesehenen Endschlachten in rauchenden Trümmerfeldern um weltbewegende rote Knöpfe und die Abschaltung der Energieversorgung nie geführt werden müssen. Vielleicht machen wir es einfacher.

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