Selbstwahrnehmung

von Christoph

Der Spiegelfechter hat sich wieder einmal als herausragender Leuchtturm des freien und objektiven Journalismus hervorgetan – ein Interview des ARD-Korrespondenten Thomas Roth mit dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin (welches man ohne langes Zögern als gelungen und kritisch bezeichnen kann) wurde in der Tagesschau von 27 auf 10 Minuten heruntergekürzt. Soweit kein unnormaler Vorgang im Journalistenalltag, der beständig zwischen Medienkapazitätsgrenzen und Sendungsbewusstsein ausgleichen muss. Die herausgeschnittenen Teile haben es allerdings in sich – teilweise werfen sie ein leicht unglückliches Licht auf die Fragetechnik Herrn Roths, wenn man vom westlichen Informationsstand ausgeht, andererseits breitet der russische Ministerpräsident recht ausführlich seine Begründung für den Krieg in Georgien aus: Seine Erklärungen sind mit dem allgegenwärtigen Bild des kriegsverursachenden Russlands nicht so leicht in Einklang zu bringen. So kann man – und so hat es der Spiegelfechter getan – den Schluss ziehen, die ARD wäre bei ihrer Abwägung zwischen umfangreicher Berichterstattung im Sinne einer objektiven Darstellung und den zeitlichen Begrenzungen des Mediums Fernsehen ein wenig schlagseitig geworden und habe sich für eine sehr verkürzte Darstellung entschieden. Das kann man so sehen.

Die Ansammlung von Blogs, selbstjustizierenden Kommentatoren auf der tagesschau-Seite und sonstigen Web2.0-Insassen blies daraufhin zum Sturm gegen die ARD und insbesondere zum Sturm auf den Journalisten Roth. Und die Lawine rollte los: Beginnend mit GEZ-Austrittserklärungen über „Propagandafernsehen nach DDR-Art“ bis hin zu sehr persönlichen Beschimpfungen des Russland-Korrespondenten der ARD: Ihr [=Thomas Roths] Interview wird Beispiel für Manipulation durch Medien für zukünftige Schülergenerationen sein. Auf dem in Schlagseite geratenen Schiff des Ersten Deutschen Fernsehens richtete der Sturm schweren Schaden an, die Chefredaktion teilte eilig einen Termin für die Ausstrahlung des kompletten Interviews mit (sechs Uhr morgens auf einem Spartenkanal), ein Transkript der Fragerunde in Moskau wurde eiligst online gestellt – aber es war zu spät: die unkontrollierbare Gruppendynamik der tausenden von Surfern war nicht mehr zu beruhigen.

So falsch und journalistisch verwerflich die sinnentstellende Verkürzung und „gequetschte“ Ausstrahlung durch die Tagesschau-Redaktion auch gewesen sein mag und so berechtigt der Spiegelfechter hier kritisierte – als Begründung für die persönliche Beschimpfung und überbordenden Reaktionen ist es nicht ausreichend. Wenn es im Web nicht qua System keine physische Gewalt gäbe, so wäre das Gewaltmonopol des Staates wohl in den vergangenen Tagen mehrfach arg in Bedrängnis geraten: Mehrfach forderten entrüstete Bürgerinnen und Bürger zu Taten gegen den Onlineauftritt der Tagesschau auf. Da muss man froh sein, dass in der realen Welt die Selbstjustiz vor einigen Jahren abgeschafft wurde. Kritik am journalistisch einseitigen Berichten ist geradezu Aufgabe wacher und mündiger Bürgerinnen und Bürger – das Ventil zum Dampfablassen in Beleidigungen gegen einen – mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht allein verantwortlichen – Journalisten zu missbrauchen, jenseits jeglicher Logik. In der Kette derjeniger, die von der Aufnahme einer Sendung bis zur Ausstrahlung sitzen, ist ein Einzelner nur ein kleines Rädchen. Den Zorn der breiten Masse über eine bestimmte Art der Berichterstattung zu einem Thema, das wohl neunzig Prozent der nun wütenden Poster niemals im normalen Zusammenhang zur Kenntnis genommen hätten nun auf eine Person zu lenken, ist mindestens ebenso journalistisch fragwürdig. Der Spiegelfechter hätte gut daran getan, nicht gleich Halali zu blasen und eine ausführlichere und weniger personalisierte Darstellung anzustreben. Sich nun darauf herauszureden, für die Konsequenzen könne man nichts – was noch nicht geschehen, aber durchaus nicht unwahrscheinlich ist – wäre allerdings noch unehrlicher: Der Mann oben am Berg trägt Verantwortung für die Lawine unten.

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