Hirn-Trimm-Dich-Pfad

von Matthew

Nichts ist so wie es scheint

Man möchte zum hundertsten Mal die Hände in Verzweifelung über den Kopf schlagen und seine Mitgliedschaft bei der menschlichen Rasse kündigen wenn man die Schlagzeilen liest. Schlammschlachten wegen einem Satz, den jemand vor 700 Jahren gesagt haben soll, in der heutigen Zeit als akademische Spielerei verwendet und prompt als Anlass genutzt, missverstehen zu können und Hass zu schüren. Büroarbeit ist langweilig, und so denke ich vor mich hin, warum es immer wieder dazu kommt. Vielleicht müsste man es einfacher fassen. Auf ein allgemeines Niveau bringen, das keine falsche Deutung zulässt. Für jeden leicht verständich. Und da bietet sich in unseren Zeiten doch wirklich nur eine Lösung an: Was wäre wenn man die Probleme der Weltreligionen auf eine Fernsehsendung reduzieren
könnte?

Ich denke jetzt nicht an eine Dokumentation, denn ehrlich gesagt: Die finden fast alle einfach nur langweilig, und wir restlichen fünf, wir müssen uns wohl damit abfinden. Bei drei dominanten Religionen, die sich eigentlich so ähnlich sind wie drei Äpfel vom gleichen Ast, trotzdem aber ihre liebenswürdigen Charakterneurosen haben, würde sich eine Sitcom ja wie vom Himmel gegeben anbieten – aber sowas kann schnell politisch inkorrekt werden, und ausserdem braucht eine Situationskomödie unbedingt eine Liebesgeschichte, und daraus könnten unausstehlich verhaltene Folgen entstehen (“Ich will dich! Äh… nur im keuschten Sinne! Äh… spielen wir Domino?”). Nein, das richtige Medium muss moralisch über jeden Zweifel erhaben und gleichzeitig die allgemeinsten Grundbedürfnisse des Menschen ansprechen können – kurz gesagt, eine Zeichentrick-Action-Serie.

In unser desillusionierten Zeit braucht diese resignierte Welt wahre Helden! Ergreifende Geschichten über den erbitterten Kampf gegen das Böse um uns! In einer Zeit wo viele die Hoffnung schon aufgegeben haben, gibt es Menschen, die sich dieser Aufgabe stellen, man nennt sie

CHILDREN OF GOD

Team 1: Die Rockin’ Rabbis!

Team 2: Die Super-Christen!

Team 3: Torrential Ayatollah und die Hyper-Hajis!

Zusammen bilden sie die Anti-Atheist-Alliance, oder “Triple-’A'”. Eine gute Gelegenheit übrigens die besten alten Fernsehschurken wieder auspacken zu können: kommunistische Russen (im Stil nie übertroffen), habgierige Profithaie, und Jennifer Lopez. Aber während sie mit Weihwassersprizpistolen, Mega-Muezzin-Power oder fetten jiddischen Beats sich gegen die Uneinsichtigen verteidigen (und oftmals doch, nach spektakulärer Kampfchoreographie, eine erstaunlich einfache, friedliche Lösung finden), ist das eigentlich Wichtige ihr Verständnis untereinander. Pater Porky wird vielleicht von den anderen Teams getriezt, weil er so viel Schweinefleisch isst und deswegen Übergewicht hat, aber sie haben ihn dennoch gern, denn er ist einfach ein netter Kerl. Und wenn Torrential einmal wieder viel zu viel über sein Auto redet, oder Rabbiner Player wieder mal mitten im Kampf in ein Hundehäufchen tritt und einen kleinen Ausraster hat – dann lacht man nachher darüber, nimmt es leicht und freut sich unter so liebenswürdigen Freunden zu sein. Und am Ende gehen alle zu einem auffrischenden Lied von den Rockin’ Rabbis ab, und alles ist gut in der Welt. Noch ein paar wohlplatzierte Anspielungen für Kenner und ausreichend Ironie über die Slapstick-Ebene, und das ganze erhält sogar eine Art künstlerischen Anspruch (siehe Modell “Simpsons”).

War das jetzt überspitzt ohne beleidigend zu sein? Heutzutage ist man sich ja nie sicher… mögen mir meine Worte nicht noch im dritten Jahrhundert nach meinem Tod als politisch inkorrekt angekreidet werden (armer Mozart – wenn “Idomeneo” als Religionsbeleidigung gilt, dann müssten es “Resident Evil II” und “Im Namen der Rose” auch). Aber es ein sehr vorstellbarer Weg: durch dieses Fernseh-Erfolgsrezept unserer Zeit, mal auf dieses Ziel angewendet, wären wir die oberflächlichen Probleme zwischen diesen Kulturen schnellstens los. Leider hätten wir aber gleichzeitig noch viel mehr verloren.

Also doch nur als hypothetische Fingerzeig des schmunzelnden Weisen: Stereotypen der Religionen so dermaßen Plakativ ins lächerliche ziehen, um letztendlich über Vorurteile und protektionistische Verbissenheit hinweg springen zu können. Da gibt es tausend weiter Ideen, jeder, der sich mal so eine Serie vorstellt, wird er oder sie selbst auf noch viel bessere kommen. Beichtstuhlkampfflugzeuge, Laserleviten… es gibt jetzt schon umjubelte Konzepte im Fernsehen, die weniger kohärent sind.

Bei diesem Stichwort kommt mir gleich ‘Yu-Gi-Oh’ in den Sinn. Eine Serie, in dem es darum geht, ein aufwendiges aber doch primitives Kartenspiel mit animierten Monstern, die sich gegenseitig bekämpfen, zu spielen (alle Karten natürlich parallel dazu im Handel erhältlich). 30 Minuten. Kartenspiel. Das wars schon. Angeblich gibt es auch eine Hintergrundgeschichte, aber in den zwei Minuten, in denen es nicht um Kampf geht, bekommt man nicht sonderlich viel davon zu sehen. Also nicht nur eine Kloschüssel für kindliche Kreativität, sondern die schamloseste Werbemasche.. vielleicht aller Zeiten. Eine subtile Pervertierung von Unterhaltung für die wehrloseste Zielgruppe kaum schätzbaren Ausmaßes – typisch menschlichen Ausmaßes. Im Zeitalter des ewigen Wiederkäuens basiert diese Serie natürlich auf einer anderen Serie, ‘Pokémon’, und die Cousine des Erfinders dieser Serie, die kurze Zeit bei uns als Gaststudentin wohnte, meinte wiederum, dass dieser als Kind einfach nur immer sich ein Haustier gewünscht hatte, was aber in den kleinen Wohnungen in Tokyo nicht möglich war. Und so dachte er sich eine Möglichkeit aus, zumindest als Phantasiefreund in Gedanken ein Haustier in einem kleinen Gegenstand versteckt immer bei sich tragen zu können. Das daraus eine ideale Möglichkeit wird, im großen Stil auf völlig hirnlose Weise die jüngste Marktzielgruppe auszubeuten – vorherzusehen? Mit den Träumen und Gefühlen der Menschen muss man spielen können, um Macht zu erreichen. Ein ähnliches Schicksal hätte sicherlich auch “Children of God” – Actionfiguren, Leute die die Sendung (zu) ernst nehmen – das ist natürlich Sonnenklar, und so bleibt es beim reflektierendem Gedankenspiel. Wie aber dann die ewige Zankerei aus der Welt schaffen, wenn auch die innovativsten (oder auch abartigsten) Auswüchse unserer alltäglichen Mentalität nicht damit klar zu kommen scheinen?

Bayrischer Inuksuk (Maßtab ca. 1:5): Aus dem Freistaat kommen nicht nur der Papst samt aufwirbelnde Bemerkungen, sondern auch z.B. jedes Jahr die erneuerten goldene Lettern, die auf der Kabaa (der schwarze Stein in Mecca) zu sehen sind (von einem kleinem Familienunternehmen bei Altötting)

Die möglichen Ansätze sind so umfassend und vielfältig wie das Thema selbst, aber hier und heute, in unserem doch bescheidenen Rahmen, ein kleiner Exkurs: Hoch in den Norden. Nein, nicht nach Schleswig-Holstein. Auch nicht nach Dänemark, wie sich manche jetzt vielleicht denken könnten, nein, noch weiter in zu den Menschen des mächtigen Stammes der Inuit (und an dieser Stelle wieder der Hinweis: nicht “Eskimo”. Oder zumindest: Wer andere als “Rohfleischfresser” bezeichnet, darf sich nicht beschweren, falls er selbst mal als Krautfresser betitelt wird). Mächtig deswegen, weil man jedem Volk, dessen Kultur mindestens 4 000 Jahre in einer der lebensfeindlichsten Regionen dieser Erde dauerhaft überlebt hat – und noch dazu, soweit durch Nachforschungen festgestellt werden kann, ohne jegliche kriegerische Auseinandersetzung, Jahrtausende währender Frieden – seinem verdienten Respekt zollen darf.

Inuksuit (Singular: Inuksuk; Doppelentität: Inuksuuk, dass eine Zweisamkeit eine eigene Bezeichnung trägt ist eins der schönsten Elemente dieser Sprache. Zwei Menschen zusammen (Inuuk)… das ist doch ganz anders, wie 3, 4, oder mehrere Menschen (Inuit)) heissen die großen Steingebilde, die man an wichtigen Stellen der Arktis finden kann. Nebst anderen Funktionen weisen sie den Inuit den Weg – in Bezug auf dieser, sowie auch der spirituellen Welt. Grundlegend ist aber das Verständnis, dass sie für Alle dort stehen. Wie sollte man auch andere davon ausschliessen?

Wie die griechisch-römische Religion lässt die Inuit-Mystik nach oben hin viel Platz offen über der Ebene der kleinen Götter und Geister. Vielleicht ist das der Grund warum das Christentum so bereitwillig dort aufgenommen wurde – eine allmächtige Kraft stellt im Grunde eine willkommene Ergänzung zu der vorhandenen Religion dar. Im Gegensatz dazu (und in zufälligerweise ähnlicher Parallele zu der Mantra der heutigen Physik ‘There’s plenty of room at the bottom’ – in Bezug auf die Möglichkeiten der Nanowelt) gehen Judentum, Christentum, und Islam bekanntlich alleinig von der absoluten Gültigkeit einer obersten Instanz aus an der nicht mehr viel zu rütteln ist, also: deduktiv, von oben nach unten. Und in dieser Transition von der Vorstellung von Gott, die zweifelsfrei akzteptierte Wahrheit, ‘die, die da ist’ (=oben), zur Ebene des alltäglichen Seins und Verstehens (=unten) liegt ihr aller Wurm begraben. Denn wenn man sich über die kleinen Dinge im klaren ist, fällt es nicht schwer, etwas größeres hinzuzunehmen, denn man muss ihm eigentlich nur seinen Namen geben. Wie soll man aber verstehen dass die Wahrheit, die im Großen noch von Allen geteilt wird, im Kleinen so unterschiedlich ausfällt?

Hüpf, hüpf, hüpf, ein anstrengender Pfad der Gedanken dieses Mal, über die Berge der Verschiedenheit, unser Sichtschutz vor dem unangenehm Fremden, aber wir setzen an zur letzten Etappe. Und als kleines soziales Experiment: Bonuspunkte gibts für die, die es so weit geschafft haben, durch einen (gerne auch kritischen) Kommentar unten abholen! So landen wir am Gipfel wieder bei den drei Ringen von Lessing, wo sich die drei Söhne streiten, wer nun von ihnen den Wahren Ring von dem Vater geerbt hat und wer die zwei Imitate. Und vergessen was ihnen der Vater gelehrt hat, über die Niederungen von Besitz und Rechthabertums, und so werden sie wohl vielleicht nie das ringförmige Sternentor im Gartenschuppen entdecken, die Möglichkeit, zu anderen Welten zu reisen, die der Vater für sie vorgesehen hatte. Die Ringe waren nur das Zeichen dafür. Die Symbole. Aber das
Alles, liebe Leser, wusstet ihr wahrscheinlich schon vorher.

Auch der schönste Ring ist nur ein Objekt. Erst unsere Gedanken und unser Wille verleihen ihn Kraft.

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