Stille Zeit

von Christoph

Von drauß’, vom Supermarkt, da komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr – allüberall auf den Regalsspitzen, da sah ich muntere Schokomännchen sitzen.

Der Sommer 2006 neigt sich so gerade eben seinem Ende zu, die Blätter färben sich und der Herbstwind macht das Theater um die „gefühlten Temperatur“ zu einem abnehmenden Trauerspiel – und im Edekasparrewe-Deutschland ist die gesegnete Zeit angebrochen. Egal ob Nikoläuse, Lebkuchen, Schokoengel oder Spekulatius – auch Ende September ist dies alles problemlos erhältlich. Der Konsum-Advent wird ein wenig gedehnt und ist statt vier halt vierzehn Wochen lang. Nach kaufmännischer Rechnung müssten dann eigentlich die ersten Silvesterartikel in ein bis zwei Wochen erhältlich sein – Oh, du fröhliche, oh, du selige, böllerreiche Vorweihnachtszeit. Und das Marzipanschwein quiekt noch einmal fröhlich, ehe es im Adventskranz untergeht.

Doch, das lernt man früh: Wenn es keiner kaufen würde, dann wäre es nicht im Laden. So einfach ist Kapitalismus. Also muss es Millionen von heimlichen Gleichmachern unter uns geben, die auch schon im September eifrig die Nikolausregale leerkaufen. Doch mir persönlich ist keiner bekannt! Sollte sich der geneigte Blogleser zu der Gruppe der Vorweihnachtskäufer zählen, so bitte ich um Entschuldigung und eine kurze Nachricht. Wir müssen der bedrohten Art der präweihnachtlichen Festdevotionalienkäufer den Schutz bieten, den sie verdienen. Dies wird das Gründungscommunique der Lebkuchenfront von 2006. Mündige Bürger, auf die Barrikaden. Raus aus der anonymen Masse der Supermarktkäufer, rein ins Rampenlicht der echten Weihnachtsfans.

Doch, wir müssen der deutschen Einzelhändlerszunft ein Kompliment machen – alle reden von Einkaufsmüdigkeit, lahmender Konjunktur, sinkende Konsumausgaben. Und was tun? Der Laden um die Ecke hat das Rezept gefunden: Statt zeitlich begrenzt Artikel anzubieten, die man eigentlich doch das ganze Jahr über brauchen könnte, einigen wir uns auf ein Super-Mega-Sortiment, in dem man alltäglich Weihnachtskugeln, Schokoosterhasen, Grillkohle und Schlittschuhe kaufen kann. Das bringt den Konsum wieder auf die Beine und die Gleichberechtigung der Jahreszeiten bekommt endlich einen wohlverdienten Schub. Daher – nicht meckern, kaufen. Marsch, marsch.

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