Klassentreffen.

von Christoph

Nachm Krieg wars Garn auch noch besser, als die Singer-Maschinen bei der Doris noch liefen und wir fahren in die Tschechei. Über eine typisch deutsche Doppelmoral. Und die Übererfüllung eines Klischees.

Ich sitze im bayerischen Regionalexpress von München. In der Sitzgruppe hinter mir ein Seniorenausflug, bestehend aus der fidelen Vielfalt vierer Klassentreffensbesucher auf dem Weg in die Tschechei, wie der ganze Wagen bald erfahren darf. Nun geht es, gestärkt nach Bildzeitungslektüre und mit frischen, „echt deutschen“ Euro-Scheinen in die Tschechei. Billig einkaufen, vielleicht sogar mehr als nur einkaufen, zumindest für die Männer. Denn es ist ja Klassentreffen.

Senior eins ist ein rüstiger, durch jahrelange Springerverlagslektüre gestärkter Herr, der genau mit seinen Vorurteilen umzugehen weiß. Sein Name ist Johann, wie wir bald erfahren werden. Johann weiß über nahezu jedes Thema Bescheid und verkündet sein allumfassendes Wissen auch jederzeit. Egal ob ungefragt, deplaziert oder auch mal im richtigen Timing: Und in Trudering, da gibt es einen billigen Händler, Ausländer, klar, aber sehr günstig. Ob seine Ware immer so ganz unbedenklich und legal wäre, na ja, man weiß nicht so, aber günstig. Überhaupt. Diese Ausländer. Johann erklärt uns bald, dass die ja den Deutschen die Arbeit wegnehmen würden und der Laden in Trudering, ja der wäre auch nicht so gut, und vor allem würde der ja allen deutschen Läden durch die billigen Preise das Geschäft kaputt machen. Und das alles mit „Hehlerware“. Eigentlich dürfte man da ja nicht mehr hingehen. Eigentlich.

Seniorin eins, wohl aus Schulzeiten beste Freundin von Johann, hat ein neues Handy und demonstriert die Vielfalt ihrer Klingeltöne. Und ruft dann die gegenübersitzende Seniorin zwei an, vor allem, um ihren virtuosen Umgang mit dem integrierten Telefonbuch zu demonstrieren. Johann kommentiert währenddessen alle Vorgänge fachmännisch kundig: Letztens hab ich die Renate angerufen, und das Netz wusste automatisch wo sie war – ich musste nicht mal die Ortsvorwahl von München vorwählen. Ob das wohl was mit dem neuem Angebot der Telekom zu tun hat? Bild berichtete ja.

Das Thema verschiebt sich nun auf die komplexen Details des Ausfluges: Fährt der Zug in Bayerisch Eisenstein durch oder müssen wir da umsteigen? Muss man da ein Visum haben? Und was ist überhaupt der Wechselkurs? Geben tschechische Automaten mit einer deutschen EC-Karte Euro oder Kronen? Nehmen die da überhaupt Euro? Johann erklärt fachkundig, dass man früher in Bozen ja auch mit der harten D-Mark bezahlen konnte, also müsste das in der Tschechei ja wohl auch mit dem Euro gehen. Glaubt er zumindest.

Dann wird diskutiert, wie viele Stangen Zigaretten erlaubt sind und wer denn wem eine mitgibt. Johann kommentiert wissend, dass man so die deutschen Behörden umgehen könnte, wir zahlen ja eh so hohe Steuern. Da wäre ein bisschen Betrug schon drin.

Johann ist der typische Deutsche. Wir wissen alles (besser), haben zu allem eine Meinung und schimpfen über Ausländer und hohe Steuern – und fahren zum Einkaufen in die Tschechei und schmuggeln Zigaretten am Fiskus vorbei. Danke, Johann: Du bist Deutschland.

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