Sundown

von Matthew

Sonntag Abend am Münchner Hauptbahnhof ist die Welt größer, als sie sonst scheint.In diesem Moment, wo ich hier schreibe, geht ein junger Polizist an mir vorbei. Im Profil sehe ich – er lächelt schon, kein böses Lächeln, eher das leichte Grinsen das man kriegt, wenn man eine peinliche Situation eines alten Bekannten aufdecken darf. Geht auf den schlafenden Herren zu, der mir gegenüber sitzt. Die braune, leicht schmutzige Lederjacke verdeckt vieles. Und erst jetzt merke ich den leichten, aber doch stechenden Geruch des Alkohols. Das Gespräch verläuft sehr einseitig – und doch herrscht hier kein Groll. Nur beispiellos freundliche Kollegialität, als der eine den anderen höflich aus dem Bahnhofsgebäude begleitet. Als gehöre es wie selbstverständlich zu dieser Welt.

Ein Blick hinunter auf die vielen Gleise zeigt das große Rumschwirren, dass dennoch ruhig wirkt. Der Menschenstrom bewegt sich koordinierter als jeder Ameisenhaufen. Wieviele Hunderttausende (!) waren es wieder pro Tag? Und doch treffen sich hier regelmäßig Leute, die sich seit Jahren nicht mehr gesehen haben und es vielleicht sonst nie wieder getan hätten. Durch reinen Zufall. Solche, und auch die vielen anderen Begegnungen hier… verleihen dem eigentlichen glanzlosen Ort heute etwas magisches. Aber ich muss mir dabei denken: wenn wir Menschen nicht gezwungen wären, uns mit anderen Menschen auseinanderzusetzen – würden wir es überhaupt tun? Wieviele igeln sich jetzt schon ein, gehen schweigend an allen vorbei, sind hier in der Menge noch viel einsamer, als sie es alleine wären, und was verpassen sie alle dabei? Es ist der große Widerspruch: Kontakt zu und gleichzeitig Abgrenzung von der restlichen Menschheit. Aber darüber muss keiner von ihnen denken. Sie haben ja alle ihre eigenen Geschichten, die sie gerade ausleben dürfen.

Und ich? Ich beobachte alles, von meinem Aussichtspunkt hinter meinem Laptop. Lass meine Gedanken ungebunden fliessen. Auslauf tut ihnen gut. Ich wechsele in den Zug. Bei der Abfahrt versuche ich sie wieder einzufangen, dafür habe ich viele Methoden erlernt, aber es mag mir nicht ganz gelingen. Sie geniessen ihre Freiheit im Moment zu sehr – dass ist es, was sie so schön macht. Aber auch gerade deswegen möchte ich an ihnen festhalten.

Ein kleines Mädchen hüpft vorbei, und bestaunt unauffällig den Computer. Hat mich nicht wahrgenommen. Entschliesse mich, ihr auch was Besonderes zum Ansehen anzubieten und nicht nur einen leeren Bildschrim , hör mir ein passendes Lied an und lasse dazu ein relativ primitives Visualisierungsprogramm laufen, dass die verschiedenen Tonfrequenzen
auf unerfindliche Weise in farbige Formen und Spiralen und Tunnel darstellen lässt. Das Mädchen schaut mich prüfend an, und hüpft desinteressiert weiter durch den Zug, so, als ob sie sich denken würde: “was, mehr hast du nicht zu bieten?” Aber ich lasse das bunte Getümmele im virtuellen Kaleidoskop weiterlaufen, das mir mehr gefällt als ich jemals offen zugeben würde. Aus dem weitesten Augenwinkel sticht ein besonders schöner Farbtupfer hervor. Ausserhalb des Bildschirms. Ich sehe hin, aus dem Fenster, sehe die Sonne sinken.

Und in diesen Moment des wahrhaftigen Friedens und der Freude falle ich mit einer Leichtigkeit hinein, die keine Sprache fassen könnte
-dicht an der Erde, oranges Leuchten der Sonne, Mond, Musik-
und ich bin zu glücklich, um weiter mich mit den kleinlichen Details von Satzkonstruktionen auseinanderzusetzen.

Somit sind die flüchtigen Gedanken endgültig frei, und ich werde nicht versuchen, sie jetzt zu fesseln. Andere werden es auch in Zukunft anders handhaben, aber bei mir bleibt es dabei. Das Reisen ist zu schön, um alles einfach nur vorbeisausen zu lassen.

Jeden Sonnenuntergang gibt es schliesslich nur ein einziges Mal.

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