Kreuzungen/Good To Be Here?

von Flo

Felix Gebhard: Soundcheck in Augsburg

Interview mit Felix Gebhard, alias “Home Of The Lame”: Musiker, Fotograf, und Gast im Hamburger “Grand Hotel van Cleef”.

Teil 1: Über das Auftreten, den Sinn-Schnittpunkt im Anfertigen von Klang und Bildern, und wie manchmal die Platzverhältnisse in deutschen Tourbussen ausreichen, um fast aufgegebene Träume doch noch wahr werden zu lassen: Das “Warum”, und das “Warum-doch-noch”.

Wege kreuzen sich bisweilen auf eine sehr stumme, anonyme Art: An einem Frühsommerabend des Jahres 2003 stand ich vor dem Münchner Atomic Café, um ein wenig aussichtslos auf nicht abgeholte Karten für ein ausverkauftes Konzert der Band Tomte zu warten – währenddessen spielte drinnen die selbst dem Status des Insider-Tipps noch etwas entfernte Vorband Home Of The Lame eines ihrer ersten Deutschland-Konzerte. Gegen 22 Uhr 30, die letzten Sonnenstrahlen verschwanden gerade, erhielten wir doch noch Einlass, gerade rechtzeitig um die ersten Akkorde von “Für immer die Menschen” zu hören – aber um einiges zu spät, um den Auftritt dieser rätselhaften Vorgruppe noch zu erleben.

Im Herbst des selben Jahres spielten beide Bands in gleicher Konstellation im Backstage; diesmal sah ich Home Of The Lame, alias Felix Gebhard spielen: Ein einzelner Mensch in einer “Malmö”-Trainingsjacke auf großer Bühne, stille, warme Songs; in Erinnerung blieb mir – nebst dem vielleicht großartigsten Tomte-Konzert, das ich bisher sehen durfte -, die Home Of The Lame-EP, die ich nach dem Konzert kaufte, und dass die Finger des Mannes etwas zitterten, als er sie während seines Auftrittes hob, um “Vier Songs, vier Euro!” gestenhaft zu verdeutlichen.

Seitdem war einiges geschehen und zu erfahren um und über die doppelte Vorband: Ende 2005 erschien das Album “Here, Of All Places” bei Grand Hotel van Cleef, Felix Gebhard spielte in Lars Kraumes Film “Keine Lieder über Liebe” den Bassisten der Hansen Band (und darüber hinaus: Bass in der Hansen Band), und im Zuge dieser Veröffentlichungen war einiges zu lesen, über den geheimnisvollen Kerl in der Malmö-Jacke: Der Mann habe lange in Schweden gelebt, einer verflossenen Interrailliebe wegen, so hieß ab und an, mehr schlecht als recht von der Kunst, Fotografie und Musik, und schieße nun seine Plattencover selbst, nachdem er seine Musik (ausschließlich mit Freunden und natürlich in Schweden) endlich einspielen konnte… Das klang nach reichlich Ideal, und ein wenig nach erfüllten Träumen. Wir wurden neugierig.

Gute 2 1/2 Jahre und 3 E-Mails später wieder eine Kreuzung der Wege: Diesmal vor der Augsburger Musikkantine, in der die Münsteraner Band Muff Potter ein Konzert ihrer Deutschlandtour spielt. Ein klirrendkalter Januarabend, aber immerhin: Ein Warten auf Restkarten ist nicht nötig, die Location ist nicht abgesperrt, wir treten einfach ein, und hören erst Muff Potter und schließlich Felx Gebhard beim Soundcheck zu. Dann dürfen wir; ebenfalls eine Premiere, nur auf der anderen Seite, zum ersten Interview für dieses Format bitten, im reichlich überheizten Vorraum der Musikkantine; ehe Home Of The Lame zwei Stunden später den Abend eröffnen wird. Nicht vor vollem Haus, aber in aller nordischen Ruhe. Die Zeit der zitternden Finger ist vorbei.

fallen/legen: Ich habe einmal von dir die Aussage gelesen, dein Ziel für 2006 wäre es, 150 Konzerte zu spielen – stimmt das, und wenn ja, wie ist das: Wenn du jetzt auf einem ganz guten Weg bist das tatsächlich tun zu können, ist das ein wenig wie “ankommen”?

Felix Gebhard: Was meinst du mit ankommen?

Ankommen… Wie an einem lange gehegten Ziel. Auftreten zu können ist für einen Musiker ja keine Selbstverständlichkeit – und du hast ja wohl auch einige Zeit darauf hingearbeitet.

Das mit den 150 Konzerten war natürlich in einem privaten Moment so dahingesagt, ich dachte nicht, dass man mich darauf mal festnageln würde… das ist einfach ein Ziel, das mir erstrebenswert scheint – wenn ich bei der Hälfte der Anzahl Konzerte lande, bin ich natürlich auch zufrieden. Aber grundsätzlich spiele ich sehr gerne; ich kann mir eigentlich nichts besseres vorstellen, als in der Hinsicht soviel zu machen wie nur möglich. – Auch wenn ich nicht glaube, dass es 150 Konzerte werden, ehrlich gesagt.

Auftreten ist für dich über den Spaß hinaus so etwas wie eine Berufung, etwas dass dich auch künstlerisch erfüllt?

Also ich finde sehr interessant, wie sich – was vielleicht nicht für alle so deutlich ist – Songs entwickeln und verändern wenn man sie live spielt, und wie die Leute reagieren, auf einzelne Songs. Wie man einen Song, der einem persönlich am Herzen liegt, der aber live nicht schockt, vielleicht nach einer Zeit weglassen kann… Eine Berufung? Ich weiß nicht, das Wort würde ich vielleicht nicht benutzen… Aber eben auf jeden Fall etwas, dass mir sehr viel Spaß macht.

Du hast auch sehr persönliche Texte, wie ich finde… Geht es dir auch darum etwas weiterzugeben, an die Leute, die dir zuhören, beim Konzert?

Also wenn ich irgendwie eine Situation beschreibe, die ich erlebt habe, und vielleicht damit bei Leuten so ein Gefühl wie “Jaa, das kommt mir bekannt vor” und “…das finde ich gut formuliert” hervorrufen kann, dann finde ich das gut. Aber mir geht es nicht darum, irgendwelche Botschaften zu transportieren… Es ist ja eigentlich auch eher persönlicher Tagebuchkram, oder ein Festhalten von Geschehnissen. Wenn aber Leute dazu einen Bezug finden, sich das gerne anhören, als Geschichte, dann finde ich das gut.

Du bist ja auch als Fotograf tätig – ist das vielleicht so ähnlich wie bei der Fotografie? Dass es darum geht einen Moment oder ein Geschehnis festzuhalten? Etwas das sonst schwer möglich ist. Und den Leuten ermöglicht zu sagen: “Hey, das kenn ich!”?

Ja, finde ich sehr gut, den Vergleich, weil gerade bei Fotos, die ich mache… – ich hab halt als Fotoassistent viel in der Werbung gearbeitet, und gemerkt, dass mir dieses Medium als Fotograf gar nicht so zusagt. Sondern ich mache tatsächlich eher Reportagesachen, oder Portraits von Leuten, die ich dann auch bewusst in einem Milieu oder einem Moment festhalte, der wirklich ein Moment ist… Ich baue da also gar keine großen Kulissen auf, um eine Geschichte zu erzählen. Wenn ich ein Portrait von einem Menschen mache, dann ist das in einer Umgebung, die vielleicht auch mit ihm oder ihr zu tun hat, oder in einer Umgebung die gerade vorhanden ist… Und ich glaube schon, dass man das so als Momentaufnahme bezeichnen könnte… Genau so ist es vielleicht auch in der Musik, jetzt wo ich gerade so darüber nachdenke. (lacht)

Im überheizten Vorraum der Musikkantine, Augsburg - eine

Ist das vielleicht auch so der Schnittpunkt von dem beiden, das Festhalten von Momenten?

Ja! Ja, dem würde ich doch zustimmen, auf jeden Fall.

War das eigentlich immer so der Plan als Künstler loszugehen? Als Fotograf zunächst, und dann kam später die Musik?

Ja, ich habe die ganzen Musiksachen nicht wirklich ernsthaft verfolgt… Gerade weil ich eher auf einem anderen Weg war, und mich vor allem auf die Fotografie konzentriert hab. Dann gab es irgendwann ein paar ausschlaggebende Momente, die mich als Musiker gepusht haben…

…und welche waren das?

Es hat eigentlich tatsächlich damit angefangen, dass mich Tomte als Vorgruppe mitgenommen haben, vor 3 Jahren. Und davor hab ich irgendwie sieben Jahre lang Demos aufgenommen. Und davor hatte ich irgendwann mal eine funktionierende Band, die auch aktiv war. Aber diese Tour mit Tomte war ein sehr interessantes Erlebnis, zwei Wochen lang jeden Abend zu spielen – eben genau zu sehen, wie die Leute auf die Musik reagieren. Gerade in so einem Moment wenn man vor einer Rockband spielt, und die Leute vielleicht eine andere Erwartung haben, als so einen Spacko mit seiner Akustikgitarre zu sehen… Aber das hat in der Zeit tatsächlich funktioniert. Und mit der Zeit sind dann einige Sachen passiert, die das ganze immer weiter aufgebaut haben. Ich habe eine EP aufgenommen, bin dann noch mal auf Tour gegangen, und die Leute haben diese EP tatsächlich mitgenommen – das hat sich immer weiter so hochgeschaukelt.

Das hat dann aber über diese Jahre scheinbar doch immer eine Rolle gespielt, diesen Gedanken der Musik weiterzuverfolgen – wenn auch nur als Schlafzimmermusiker?

Ja… ich habe irgendwelche Pläne gehabt, aber nicht gewusst, wie ich das angehe. Ich hab halt nie eine Band gehabt, das war das Ding. Es gab nie 3,4,5 Leute, die gemeinsam an einer Sache gearbeitet haben. Das war immer nur ich mit der Hilfe von Leuten, die gerade Lust hatten mitzuhelfen, die aber immer auch in anderen Projekten involviert waren, und natürlich mit einer anderen Energie daran herangegangen sind. Aber, ja: Musik gabs immer.

Ich habe dich damals eben 2003 auf dieser Tour mit Tomte live gesehen. Und besonders von diesem Auftritt in Erinnerung geblieben ist mir der Song “Perfect Lines”, der auch auf der angesprochenen EP ist – handelt der auch von dieser Phase der Unklarheit, ob und wie es musikalisch weitergeht? Ich denke, man hört da auch einiges an Zweifel, auch Zweifel an sich, und dem Schreiben: – ob es vielleicht mit der Musik nichts wird?

|| “You’re out there after perfect lines/So far they’re really hard to find/You’re collecting all day long//So tired of writing for yourself/so tired of filling all those shelves/with all that wasted energy” (Home Of The Lame – Perfect Lines) ||

Ja, absolut. Der Song stammt tatsächlich aus einer Zeit, in der ich nichts aktiv gemacht hab. In der ich haufenweise Songs geschrieben hab, die aber nie jemand gehört hat… Ich weiß nicht, woran meine damalige ‘Gelähmtheit’ gelegen hat… Man findet sich dann in einer Situation, in der man sich plötzlich überlegt: “Warum mache ich das eigentlich?” – denn im besten Falle macht man ja Musik damit andere Leute die auch hören können; nicht nur man selber. Das spiegelt der Song auf jeden Fall auch wieder… so eine gewisse, ja, ich will nicht sagen “Verzweiflung” – aber dieses Reflektieren… “Hmm, ist das eigentlich gut oder scheiße, was ich hier mach?”.

War es da so eine gewisse plötzliche Lösung, von Tomte auf Tour mitgenommen zu werden?

Ja genau… Auf der zweiten Tour habe ich dann ja sogar einige Songs mit Olli und Max von Tomte gespielt… Es ist immer irgendwie mehr passiert, von Schritt zu Schritt, und das war gut zu sehen.

Wie kam eigentlich der Kontakt zu Stande, damals?

Ich kenne Max, den Keyboarder, schon sehr lange. Tomte suchten für die Tour damals eine Vorband, und dachten sich, dass es vielleicht schlau wäre, jemand einzelnen mitzunehmen – weil es genau noch einen Platz im Bus gab. Und Max hat dann eben kurzerhand den Kontakt hergestellt.

…und woher kanntest du ihn?

Oh, da muss ich weit in der Zeit zurückgehen… Wir haben in verschiedenen Bands gespielt, damals, in der Achse Hannover-Bremen-Oldenburg. Und da hat man des öfteren mal Konzerte zusammen gespielt. Aber das ist sicher schon 10 Jahre her!

Und ihr habt euch dann wohl auch auf Anhieb alle gut verstanden?

Ja, genau. Es scheint ihnen ja auch soviel Spaß gemacht zu haben, dass sie mich dann noch mal gefragt haben… Ja, was soll ich mehr sagen? (lacht)

…und sonst würdest du vielleicht heute immer noch im Wohnzimmer sitzen und dort Musik machen?

Ja, höchstwahrscheinlich… Wahrscheinlich irgendeinen Job machen, und mir denken: “Ach, wenn ich doch Musik machen würde…”

Teil 2 des Interviews am Mittwoch: Über die Arbeit mit Freunden, die Arbeit an einer eigenen CD und das Leben im Grand Hotel van Cleef.

Interview: Florian Naumann & Christoph Ellßel
Fotos: Christoph Ellßel

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