Naturromantik

von Mario

Bruno hatte kein einfaches Leben. Immer im Rampenlicht, spaltet er die Nation wie kein anderer Bär seit 170 Jahren. Die einen sehen und lieben, Bruno den bayerischen Spass- und Kuschelbär für die ganze Familie, andere sehen und hassen den Schad- oder Problembär, einen blutrünstigen Schafsmörder und willkommene Trophäe, während wiederrum andere den Integrationsbär, das arme verführte und verzogene Wildtier das beschützt und umerzogen werden muss sehen und eine weitere Gruppe freut sich über den Medienbär, neben der WM eine weitere willkommene Ablenkung vom politischen Tagesgeschäft. Am regen Austausch von Morddrohungen unter den Mitgliedern der einzelnen Gruppen lässt sich neben einer kleinen Meinungsverschiedenheit vor Allem die Tatsache ableiten, dass Teile unserer Gesellschaft anscheinend jedes Maß verloren haben und ihnen kein geeigneter Wertekanon zur Einordnung der eigenen Äußerungen mehr zur Verfügung steht.

Doch Bruno ist tot und so wollen wir ihn, bevor er ausgestopft zum Touristenmagneten wird, ein erstes und ein letztes Mal als Aufhänger benutzen. Als Aufhänger für ein Dilemma unserer modernen, zivilisierten und dicht besiedelten Welt: Den Rückzug aus der Natur. Den zwangsweisen Rückzug aus der Natur. Denn, als unsere Vorfahren den Ackerbau erfanden und sesshaft wurden, gewannen sie nicht nur ein Stück weit Autonomie gegenüber der Natur und ihren bisweilen brutalen Gesetzmäßigkeiten, sie begannen sich auch von ihr zu entfremden. Mit dem Anlegen des ersten Ackers, mit dem Bau des ersten Hauses begannen sie, die Natur nach ihren Gesichtspunkten umzuformen und schufen sich einen eigenen Lebensraum. Einen Raum, der das eigene Überleben ein Stück weit von der Natur und ihren den Unwägbarkeiten entkoppelte.

Damit setzten sie einen unwiderruflichen Prozess der Entfremdung in Gang, die Zivilisierung der Welt durch den Menschen. Die schrittweise Verdrängung und Kultivierung der Natur, der Versuch der weitestgehenden Unabhängigkeit von ihr. So verringern wir unweigerlich die Berührungspunkte die wir mit echter Natur noch haben. Die Folge ist ein Mangel an profaner Naturerfahrung, der Mangel nicht an spezifischem Fachwissen über komplexe Vorgänge in der Natur, sondern ein Mangel an kollektivem Wissen a la “Ein Bär ist gefährlich, er frisst auch Menschen.” der seinen bisherigen Höhepunkt in unserer Zeit erreicht hat. Wir müssen nicht das beliebte Beispiel von Großstadtkindern und lila Kühen heranziehen, um diesen Rückzug zu illustrieren, denn auch die Erfahrung die wir mit Natur sammeln, wenn wir an einem Wochenende durch einen wiederaufgeforsteten Kiefernwald joggen dürfte so ziemlich gegen Null gehen.

Dieser Mangel an Erfahrung führt nun zu einer interessanten Entwicklungen im Umgang unserer Gesellschaft mit der Restnatur. Der romantischen Verklärung der Natur. Wir haben uns so an unseren Lebensraum – an unsere kultivierte Natur – gewöhnt, dass wir vergessen haben wie brutal die Selektionsmechanismen der “echten” Natur funktionieren. Naturdokus, die bevorzugt das verkitschte und romantisierte Leben von süssen Tierfamilien verfolgen nutzen die Dramen des täglichen Überlebenskampfes nur noch um der Dramatik, um der Emotion und der durch den Kontrast mit Gewalt überhöhten Familienidylle Willen. Es gibt kein Korrektiv, die Teile der Natur, die uns lehren könnten, dass ein Wolf kein gutmütiger, grauer Hund und ein Bär kein putziges Kuscheltier ist, haben wir längst ausgerottet und verdrängt. Und auch die hinter Gitterstäben gehaltenen, auf Grund von Bewegungsmangel degenerierten Exemplare tragen auch nicht unbedingt zu einer Sensibilisierung bei. In unserem Bedauern über die von uns verursachte Zerstörung und Veränderung idealisieren wir die Naturvölker und verklären deren täglichen Überlebenskampf mit den Naturgewalten als “Leben im Einklang mit der Natur”. Dass dieses Leben neben der Ungewissheit über die mühsame Beschaffung der lebensnotwendigen, täglichen Ration Nährstoffe, auch die Möglichkeit selbst als Nährstoffration herhalten zu müssen beinhaltet, vergessen wir.

Mit romantischer Verklärung ist der Natur auf Dauer nicht gedient, denn sie zielt langfristig darauf ab, sie zu einem verkitschten Erlebnisspark mit angeschlossenem Streichelzoo zu machen. Wer Natur schützen und erhalten will, sollte damit beginnen, ihr den nötigen Respekt entgegenzubringen.

Metadaten:

Einen Kommentar schreiben.



XHTML: Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>