all das, was wir nicht tun. (2)

von Flo

Freitag vormittag, München erwacht zum Leben, nur die Studenten schlafen, denn im Vertrauen: Akademiker im Universitätsdienst arbeiten Freitags nicht. Und das ist noch nicht einmal die Idee der oftgescholtenen Studierenden.

Während der Stadt-Teil der Banken und Supermärkte emsig lebt und die Sonne die Luft auf Sommer heizt, wachsen anderenorts gerade die Pläne: Irgendwo sind also doch Studenten wach, und sie planen ihr Wochenende.

Vergessen gerade einmal alle Studienpflichten; die ja in diesem Beruf ohne feste Arbeitszeiten niemals wirklich ruhen, das ist einmal zu konstatieren.

An den Abenden des Freitag und Samstag soll an einem unbekannten Ort kurz hinter bayerisch-thüringischen Grenze ein kleines, geheimnisvolles Festival stattfinden, so man es denn so nennen kann. 150 Zuschauer in einem Raum, eine Art erweitere Abi-Feier, und Bands aus Berlin dort; die wunderbaren Seidenmatt, die wilden Kate Mosh und die ganz und gar eigenartigen Ampl:tude. Dazu, davon ist ja auszugehen, im Ostteil der Republik, günstiges aber gutes Bier, und der Blick aus dem Fenster verheißt eine lange, sonnige Zugfahrt über grasüberwuchte Nebenstrecken und an leicht verfallenen Bahnhöfen vorbei. An deren Ziel eine fremde Kleinstadt, mit all den unbekannten und nie zu erfahrenden Geschichten, die eine solche beherbergt, eine unbekannte Welt, so faszinierend wie jede andere, aber je spannender desto abgelegener… Was gibt es schöneres als Bahnfahrten. Oder Konzertreisen. Oder Konzerte. Selbst der Wert günstigen aber guten Bieres ist nicht zu unterschätzen.

unbekannte Welten.

(Grasüberwachsene Nebenstrecken, unbekannte Welten.)

Gedanken sind beflügelt, also einfach so los, nur mit Schlafsack, ohne Unterkunft, und erleben, was es zu erleben gibt, man ist ja nur einmal jung, so das Klischee, und die Erfahrung: Die verrückten Sachen sind es, die man nie mehr vergisst; Man sieht förmlich die eigenen Augen leuchten beim Denken an diese Fahrt.

Allein, irgendwie will die Planung nicht anlaufen. Das Erlebnis! – Und sein Preis. “Whoa, zwei mal Bayernticket!”. Es rechnet: Das Girokonto. Zwei Bayerntickets, zwei Mitfahrer… Das Girokonto schluckt – “und dann sind wir grad mal erst an der Thüringer Grenze”. Sagt das Konto und ich seine Worte in den Hörer. “Ja.” Und unausgesprochen die Angst vor dem eigenen Schneid – los ohne gebuchte Unterkunft oder den Willen Geld für eine solche auszugeben. Das kann unvergesslich werden – aber unvergesslich ist im Moment des Erlebens nicht immer angenehm; Sie kennen das. Dazu, Samstag ist Achtelfinale mit deutscher Beteiligung in München; das ist nicht alle Tage, das ist eigentlich nie mehr. Und es gibt soviel für die Uni zu tun; denn deren Betrieb ruht nie, das stellten wir bereits fest.

Also sollen wir? – Ich weiß nicht. Mir spukt ein kluger Ratschlag meiner Mutter durch den Kopf, die meinte, sei man sich nicht sicher, ob man etwas wolle, so solle man es lieber lassen. Ich frage mich, ob das auf Konsumverhalten, Liebesbeziehungen, oder das Überwinden des ängstlichen Schweinehundes bezogen war; bekomme die Aussage aber weder auf die Schnelle, noch nach längerem Sinnieren in einen Kontext eingeordnet.

Die Zeit und das Überlegen schleppen sich, mir wird gewahr, dass wohl alle erleichtert wären, würde das Ganze abgeblasen, und entschließe mich somit für eine Deutung des mütterlichen Ratschlages.

Später, viel später, sitze ich auf dem Bett, es dämmert bereits, ich habe das gesparte Geld für CDs ausgegeben, und ein wenig der Zeit zum Arbeiten genutzt; nichts was ich nicht sonst auf den letzten Drücker geschafft hätte, oder bis Montag ohnehin wieder in putzenswertem Zustand wäre. Spätestens hier beginnt das Hadern – ein Erlebnis weniger, und was gibt es mehr als Erlebnisse. Wie leicht ist es, nichts zu tun, und wieviel mehr wäre es, etwas zu tun. Nichts davon kommt zurück. – Und das schlimmste vielleicht: Nicht lang, und wir werden vergessen haben, dass wir vergessen haben, etwas zu tun.

Foto: Flo

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