Licht, Spiegelung, Fahrt.

von Flo

Wie in einem Nachtzugfenster spiegeln sich die Sterne in dem Flügel des Fensters meines Zimmers, denke ich, liegend auf meinem Bett. In der Ferne heult ein Motor auf, und ich wünschte mir, es würde jemand sehen, es stünde offen, als Zeichen des Lebens. Einer der rührendsten Gedanken an das Leben in einer eigenen Behausung, ist der an das Anzünden eines Lichtes, nur auf dass es sichtbar werde, und auf die Straße hinaus leuchte. Denke ich. Und dann schweifen die Gedanken zu einer Nachtzugfahrt.

Man könnte das alte Fenster hinabziehen, die Luft würde in das Abteil drücken, in rauen Stößen, und durch die Haare fahren. Und all die schlafenden Behausungen entlang der Strecke, all die Empfänger des ratternden Schalls dieser Fahrt durch die Nacht, würden sehen, die beleuchteten Fenster des Zuges, die dunklen und das eine herabgezogene. Für das eine Leben, das meines ist, und ein wenig anders, so wünschte ich.

Ich hatte es nicht herabgezogen, damals, ich traute mich nicht, vor den dämmernden Mitreisenden. Aber ich kann mich erinnern, den Platz rechts am Fenster, und den Blick in die Mondnacht.

Hinter Würzburg wurde das Land hügeliger, der Nebel stand in den Senken, und in der violetten Dunkelheit lagen hinter einem Drahtzaun Schafe als struppige Knäule an den Steigungsrücken, eines neben dem anderen, und verschwanden in der Ferne.

In Fulda hielten wir neben einem abgestellten, dunklen Regionalzug, und hinter seinem welligen Dach, ein nie ausgebeulter, nur umlackierter Gruß aus den sechziger Jahren grüßte ein voller Mond. Abteiltüren schlugen, die Klimaanlage lief an, und drehte wieder ins Leere, es wurde rangiert, gesprochen wurde nicht.

Dorf- und Kreisstadtbahnhöfe passierten, langsam wurde Bayern zu einer Erinnerung in meinem Rücken, und die flache, backsteinbröselnde Realität Nordhessens blieb nur ein flüchtiger Eindruck. In Hannover johlten Feiernde auf dem Bahnsteig, es war erst ein Uhr. Wir standen lang, und danach beschleunigte die Fahrt ihr Tempo. Ziehende, pfeifende Geräusche unter den Radkästen, das Rasseln beim Überfahren einer Schiene, die Ferne klingt so. Hamburg Hauptbahnhof schlief noch verlassen, im Norden der Stadt mischte sich die Morgendämmerung in das Neonlicht der Eckkneipen des Stadtrandes, und die Autos schlafender Besitzer dösten in der klammen Nacht der Wohngebiete. Wir überschritten den Nord-Ost-Kanal bei einer Schleuse, und die letzten Sterne hörten auf, sich in den Scheiben zu spiegeln, das Land war so viel weiter.

Über Flensburg und Padborg brach ein warmer und viel zu früher Vormittag herein, und mit ihm das Leben der Arbeitenden. Es brannte in den Augen und legte einen unangenehm warmen Verband um den Kopf, der die Kühle der Nacht nicht ohne Schlaf hinter sich lassen wollte.

Fürchterlich flach nicht nur die Landschaft sondern auch die Häuser in Dänemark und die sonnenüberdrüssigen Augen suchen vergebens einen Halt.

Dann erscheint das Meer. Zunächst als schale Bucht am Rande eines Bahndammes, dann als Revier der Möwen und blauer Vorbote größerer Weiten unter der Brücke.

Es dauert bis zehn bis Kopenhagen, Köpenhamn, einen Tunnel, eine Brücke bis Schweden. Angekommen, durch all die schweigenden Absonderlichkeiten der deutschen Nacht, die mehr Heimat war, als die infrastrukturierte Europazone der Öresundbahnstrecke.

Irgendwann, schließlich, erscheint Lund, es ist immernoch zu warm für meine Augen, aber die Welt hier sieht aus, wie eine Mischung aus Mecklenburg und Yorkshire, und ich frage mich, ob ich hier einmal bleiben werde, ein Licht anzuzünden.

Tage in die Zukunft liegen das blaue Meer, die noch tiefblauere Dämmerung, und die Lichter einer Stadt, die nicht lange schlafen kann. All die Wunderbarkeiten, die mehr Verheißung sind, als all der lange Weg in meinem müden Kopf.

In der Ferne heulen die Motoren der A9, der B 41. Vom Platz am Schreibtisch leuchtet eine Laterne versteckt hinter Laub, wie aus einem Laubengang am Rande einer Zugstrecke in der Nacht.

Eine Reise, denke ich. Ein Ziel in der Dämmerung. Ein Licht anzünden. Und weiß, Reisen bestehen nicht aus Fortbewegung, und Licht macht man nicht aus Strom.

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