Rien de Rien / In a lonely place

von Matthew

Selbst jetzt weiß ich nicht wie ich anfangen soll. Aber um den Anfang geht es nicht.

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Sie waren sich immer sehr sicher, wenn sie es sagten. Fällt mir jetzt so auf. Als es in geselliger Runde mal allmählich ruhiger wurde und die Leute anfingen über wichtige Sachen nachzudenken, über das Leben und ihren persönlichen Teil daran, dann würden sie, ganz zum Schluss, manchmal, sagen: “…Aber ich bereue nichts. Wenn ich es nochmal durchleben müsste, würde ich alles genauso tun.” Und wenn ich es mir recht überlege, war das der stolzeste Ausspruch, den ein Mensch damals machen konnte.

Er enthielt einfach eine mächtige Kraft, so wollten wir alle sein. Naja – zumindest ging es mir so. Wenn dieser Satz fiel, würde ich mich immer gleich mein eigenes Leben prüfen, in der Hoffnung, dass es diesen höchsten Kriterien gerecht werden konnte. Aber vor diesem Ausspruch musste ich jedesmal zögern. Eine unerklärliche Hemmung hielt mich davon ab. Es schien mir einfach… zu einfach. Als ob mein Unterbewusstsein diese Aussage im grellen Lichte der beschämenden Wahrheit nicht zulassen wollte. Aber mein bewusstes Sein fand nichts. Und eines Tages schliesslich machte ich mir nicht mehr allzuviel Gedanken darüber.

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Am Ende passierte es alles sehr schnell. Als erstes natürlich… nun ja, Sie. Die Anderen. Sie kamen von zu weit her, dass wir hätten wissen können, dass es Sie überhaupt gibt. Geschweige denn, dass sie jemals so plötzlich vor unserer Haustüre stehen würden. Beobachter? Botschafter? Eroberer?

Ich weiß nicht, ob Sie überhaupt was damit zu tun hatten… die zeitliche Übereinstimmung wäre allerdings ein großer Zufall, aber ich denke, das Ende wäre auch so gekommen. Es war ja wirklich schnell vorbei… nun gut, wird schnell vorbei sein. Insgeheim muss ich mich doch fragen, ob es nicht alles schonmal passiert ist. Die Fluten. Logisch wäre es. Stellt sich auch die Frage, welche große Zivilisationen uns auf diese Weise vorangegangen sind – und schliesslich verendeteten. Ohne Spuren. Dank mir – oder besser gesagt, dank dem Turm – haben wir zumindest noch die Chance, nicht den gleich Weg zu gehen. Haben vielleicht noch genug Zeit gewonnen. Haben vielleicht am Ende zumindest ein Vermächtnis.

Ich spüre wie mir die Zeit in Strömen davonrinnt, so das ich mich wirklich nicht mit den Details aufhalten will – dafür gibt es ja schon die Chroniken, sie sollen für sich sprechen. Ich will vielmehr das darlegen, was sie nicht sagen. Vielleicht hätten wir es vermeiden können. Wir waren keinem Schicksal ganz hoffnungslos ausgeliefert, niemals. Aber es hätte nur einen geringen Unterschied gemacht. Uns selbst – so wie wir, nun, waren – waren wir hingegen absolut ausgeleifert. Das was uns lange Zeit im Kern angetrieben hat war eine Lüge. Und als wir begannen sie zu durchschauen, funktionierte sie nicht mehr. Es veränderte uns. Aber sie war zu tief verwurzelt, wir konnten uns nicht von ihrem Gemäuer, das so lange unser Fundament war, lösen. Das war unser eigentliches Versagen.
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In diesen letzten Stunden lehne ich mich zurück an das kalte Gemäuer. Es ist klamm, hier – nun ich müsste oben sagen. Aber das Loch in mir, das Loch in dem ich verende, ist abgrundtief.

Immer wieder blitzen Erinnerungen auf. Schöne Momente, sehr schöne, die schönsten Überhaupt. Ich kann sie nicht ertragen, will sie wegschieben. Sie passen nicht in diesen würdelosen Abschied.

Einen alten Plattenspieler hatte ich noch mitnehmen können. Zeit für Ironie bleibt immer – komisch das es mir jetzt erst auffällt. Eine Art ausgleichende Gerechtigkeit des Universums. Das macht so keinen Sinn, ich entschuldige, aber mir ist schon sehr schwindelig… es ist die Platte. Aufnahmen von angenehmen Luftvibrationen, Musik, es gehörte zu unserer Kultur… ich höre eine Lied aus dem vergangenem Jahrhundert. Madame Edith Piaf, du glückliche, sing uns, sing uns in den Schlaf. “Non… rien de rien… non… je ne regrette rien…”. ‘Ich bereue nichts’. Vielleicht kann man diesen Spruch nur kundtun, wenn man eine Zukunft vor sich hat. Als Hoffnung, als Bastion gegen die wachsende Unsicherheit, ob es am Ende überhaupt das richtige ist, was man da tagtäglich tut. Wenn das ‘Jetzt’ stimmt, angenehm ist, dann ist alles vorige egal. Auch das gehörte zur Lüge.

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Die anderen… können nicht mehr sprechen. Sie würden an dieser Stelle unsere große Taten loben, unsere Errungenschaften, unseren unermüdlichen Geist – und es gibt viel zu bewundern, genug, um ein Leben lang nur im Staunen zu verbringen. Aber ich kann nur für mich sprechen. Und ich habe die Illusion satt. Und ich möchte, dass meine letzten Atemzüge ehrliche sind.

Ich bereue vieles. Ich bereue geglaubt zu haben, dass es bessere und schlechtere Menschen gäbe. Ich bereue meinen Neid, meine Eifersucht, meine Gier in meinem Bestreben, eins dieser Besseren zu sein. Und meine Arroganz.

Ich bereue, das ich nie Barfuß durch eine Wiese gelaufen bin. Nie die Sterne richtig angesehen, nie das Rauschen der Wellen richtig gehört. Nie richtig zugehört. So viel Wissen angehäuft – und doch nichts gelernt. Und Geld: ich bereue Geld. Und Preisschilder. Ich bereue, das mir so viel peinlich war. Ich bereue meine Scham und meine Eitelkeit. Ich bereue, nie meine Finger schmutzig gemacht zu haben. Bereue mir beigebracht zu haben, das “Warum?” eine stupide Frage sei.

Ich bereue, dass die Worte eines Tages nichts mehr bedeuteten. Möge es Dir, falls es Dich eines Tages geben sollte, anders ergehen, sonst sind Sie besser bei den Chroniken aufgehoben und brauchen nicht weiterzulesen. Denn Quantität kann ich hier nicht bieten… ich bereue Quantität. Es war eins von vielem, was zwischen mir und Dir stand. Was dazu führte, dass ich mich nicht mehr für Dich interessierte. Sondern nur für Mich. Und es ist ein Schmerz ohne gleichen. Denn jetzt erst, am Ende, verstehe ich, das es nie um mich ging.

Non, rien de rien. Non, je ne regrette… rien.

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Visuals thanks to Lem of www.frozenreality.co.uk and Joey and Emily of www.asofterworld.com.

Suggested Listening: Edith Piaf , “Je ne regrette rien” ; Joy Division “In a lonely place (detail)”

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Ein Kommentar.


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