10% auf Öle und Salben – der Papst kommt!

von Flo

Solange die Hubschrauber nicht kreisen ist es ruhig über Schwabing. Kein Auto kreuzt die Ludwigstraße, und nur ein kleines Spalier Menschen, drei vier Reihen zu jeder Seite, steht im warmen Spätsommerlicht, das die Straße hinabflutet. Fast beschliche einen ein Gefühl von samstäglichem Spielstraßenidyll, wo doch ein paar hundert Meter weiter der Eisbach durch den Englischen Garten mäandert.

Ja, hätte da nicht ein lederbejackter Geheimdienstmann mit Fernglas auf der Brüstung die sich um den Turm des Gotteshauses windet Stellung bezogen, man ahnte es nicht: Der Papst kommt.

Noch um kurz nach vier liegt eine gewisse Trägheit über der Szenerie. Eine Gruppe Ministranten sonnt sich auf der Kirchentreppe, und von der Universität grüßt der Papst mit leicht geöffnetem Mund und zum Gruße erhobener Hand von einem riesenhaften Plakat, als hätte er gerade einen alten Bekannten in Menge entdeckt. – wo sonst der Verkehr mehrspurig braust, nur Frieden, und vielleicht würde man wirklich einen Ball nehmen, und ihn auf die Straße werfen, um ein bisschen Fußball mit den Kindern zu spielen, Platz genug wäre. – Die Barrieren und Wellenbrecher, baden-württembergische Polizisten, Polizeitmannschaftswagen bis zum Horizont und nicht zuletzt der schwarze Mann auf dem Kirchturm halten einen dann aber doch von dem Versuch ab. Am Ende ginge man bei dem Versuch einen ballartigen Gegenstand zu werfen noch im Kugelhagel unter. An einem solchen Sonnentag. Ein Jammer.

Ein kritischer Blick zum Mann auf dem Kirchturm: Ob die Gesichter der Wartenden wohl in die Anti-Terror-Datei wandern? Die meisten Attentäter kommen schließlich aus einem religiös motivierten Umfeld, man kennt das.

Allmählich tauchen mehr Schaulustige auf; an diesem Nachmittag im katholischen München kann man auf dem Weg vom Tengelmann zum Kühlschrank kurz an der Maximilianstraße halten, um Papst zu sein. Ein wenig, als würde der Eismann in der Straße halten: Wenn es klingelt kommt man hinaus, und ist der Mann in seinem Gefährt weitergeschnurrt, begibt man sich wieder ins Haus, oder setzt sich auf den Treppensims. Der Münchner ist kein Fana- sondern ein Pragmatiker. Ich bin ein wenig stolz.

Die Aufführung wird schließlich aus der Luft eröffnet: Zwei Hubschrauber steigen irgendwo im Norden auf, fliegen parallel die Straße hinab, drehen eine Runde um die Kirchtürme, stehen schräg in der Luft. Haben da oben vor dem stahlblauen Himmel alles im Blick und stehen still – wie bereit, jeden Moment herunterzustoßen, und einen der kleinen Menschen, so unfähig die Luftbeobachter hälsereckend selbst zu erreichen, aus der Menge zu picken. Dann verschwinden sie gen der Maxvorstadt, ein dritter kommt herbeigeflogen, er Richtung Altstadt weiter, dann tauchen am Horizont noch zwei weitere auf… Der Himmel surrt, die Luft knattert um die Ohren, und ein wenig muss es so auf einer sowjetischen Militärparade gewesen sein. Man sieht sich teilhaben an etwas Mächtigem und staunt: Klein hier unten, überflogen, und dort eben steht die Staatsgewalt, schafft mit Getöse Sicherheit und ist überlegen. Und das funktioniert sogar ohne Militär. Makulatur: Polizei und der Lederjackenträger auf dem Kirchturm reichen.

Die am Horizont kommen langsam näher, und mit ihnen eine lange Polizeieskorte, die ohne Halt und Seitenblick gen Marienplatz fährt. Im Schlepptau das Diplomatische Korps, schwarze Limousinen, Kennzeichen D1, der Bundespräsident, könnte man einmal mutmaßen, dann noch mehr Polizei und noch ein paar Limousinen. Man ist gleich dem Zeugen eines Mammuttrecks auf Durchreise: Am Rande stehengelassen, am Wegesrand eindeutig besser postiert und beeindruckt von der Gleichgültigkeit und Größe… Dazwischen torpediert ein Geschwader von weiß-pink-lilanen Bussen des Reiseunternehmens Scharf die ganze Dramaturgie. Die namenlose Entourage des Papstes auf Kleinbussitzen. Alte Männer mit purpurnen Häubchen. Einige schauen vergnügt und freundlich hinaus, andere winken ohne einen Blick zu verschwenden – die sehr selbstverständliche gönnerhafte Wichtigkeit erschließt sich aus der Kappe.

Dann stellt sich eine Pause ein. Es passiert nichts. Außer einem weiteren Hubschrauber. Ich denke daran, dass ich eigentlich nicht herwollte, noch einkaufen muss, und keine Lust habe zu warten. In die Langeweile hinein feiert für einen kurzen Moment auch der Terror seinen Triumph: Wie abwegig es wohl wäre, dass gerade hier ein Anschlag verübt würde? Nicht mit einer schnöden Schusswaffe, sondern mit einer Bombe, genau hier, vor der Straßenbiegung an der das Papamobil seine Fahrt beginnt. Wer einen Hauch von Weltgeschichte abbekommen will, steht auch in der Gefahr die Granatsplitter in ihrem Fahrtwind abzubekommen. Ich grüße meine Gliedmaßen noch einmal einzeln.

Schließlich kommt Bewegung in die Polizeieskorte. Ansatz- und blicklos heben die vordersten die Füße vom Boden und die Motorräder beschleunigen gen Süden. “Da!” ruft einer, und alle beginnen sich die Hälse zu recken, auf Zehenspitzen zu stehen. Eine alte Frau stößt mir aufgeregt einen Ellbogen in die Rippen. Den Papst sehen und sterben! Kameras werden gereckt und überall gewunken. Ich stehe in Reihe drei, und sehe: Nichts. Dann: Eine weiße Motorhaube, und darüber das Display einer Digitalkamera. Ich versuche um den Sony herumzugucken, schaffe es aber nicht, und entschließe mich zu warten, bis das Mobil an der Lücke direkt vor meinem Gesicht vorbeikommt. Sekunden später ist es soweit. Der Papst, ein wenig minder düster als aus dem Fernsehen bekannt, eher etwas hilflos in dem Bestreben gefangen, möglichst viele der Umstehenden mit einem gewunkenen Gruß zu versehen, dreht gerade den Kopf zur anderen Seite. Das berühmte Papamobil muss… mindestens 40 km/h fahren! Nach zwei Sekunden ist er nach Süden aus dem Blickfeld entschwunden, zieht noch einen Schweif von Motorradpolizisten hinter sich her.

Die Fähnchen sinken herab, jemand hinter mir verabredet sich für den Gottesdienst, die ersten lösen sich aus der Versammlung. Der Begegnung mit der Weltgeschichte. Der großen Politik. Zwei Sekunden die eigenen Augen auf dem ruhen lassen, was die Welt bewegt.

“Wenn ich weiter als 400 Meter angereist wäre, würde ich mir ganz schön verarscht vorkommen”, sagt ein Freund.

Titelfoto: http://www.flickr.com/photos/jennifersdaddy/

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