Jig Saw

von Matthew

Das Leben ist ein Puzzle: um das ganze Bild zu sehen braucht man möglichst viele der kleinen, einzelnen Teile. Wie zum Beispiel bei diesem Phänomen.

Die nachfolgende, kurze Geschichte ist an sich nicht spektakulär – jede Talkshow bietet mehr, hier geht es nicht um Sensation. Wenn man aber bedenkt das sie Wort für Wort wahr ist, so hat es doch eine ganz andere Bedeutung. Stellt euch am besten vor, es würde ein guter Bekannter sie erleben, denn sie durch die Schilderung eines abstrakten Autors wirklich bildlich vorzustellen gelingt oft nicht, oder zumindest, nur in sehr verzerrter Form.

Und nicht vergessen: jedes Wort ist Wahr.

Teil 1: Nichts für die feine Gesellschaft

Die Tür war offen. Anscheinend hatte jemand schon den Summer gedrückt. Ich klingelte trotzdem nochmal. Irgendwie gehört sich das so, obwohl man sonst nicht unbedingt behaupten kann, dass ich auf Etiquette besonders viel Wert lege.

Als ich um die letzte der vielen Treppenwindungen bog – ich hatte mich gesputet und war deswegen etwas ausser Atem – war die Tür schon offen, und sie stand schon da. Ein ängstlicher, etwas beunruhigter Blick. Wie ein kleines Mädchen, dass sich verlaufen hat. Eine sichtbare Anspannung, als ob ihr meine Anwesenheit ganz und gar nicht recht war. Und doch eine resignierende Akzeptanz, trotz ihres Unbehagens. “Sind Sie dieses Mal dran?” Sie sah mich an, und ich spürte ihre Unsicherheit. “Ja,” sagte ich, und schob mich an ihr vorbei, in die Wohnung hinein.

Ich war schon einmal hier gewesen, aber dieses Mal sah ich mir zum ersten Mal die Wohnung etwas genauer an. Sehr rustikal eingerichtet, noch dazu fast spartanisch, grautöne, dunkelbraun, aber für den Zweck reichte es durchaus. Diese Treffen waren wie immer von der Zentrale aus arrangiert worden. Ich war auch sicherlich nicht der einzige der auf diese Art zur Zeit in diese Wohnung kam, aber das war mir vollkommen gleich. Für den Moment waren wir so allein, wie es zwei Menschen auf dieser Welt nur sein können.

Ich folgte ihr in die Küche. Sie wollte es so, und mir war es gleich. Alles wie beim letzten Mal, nur das nervöse Zucken ihrer Augen verriet sie. War ich etwas zu grob gewesen, damals? Meine Erinnerung sagte nein. Aber die hatte mich schon öfters betrogen. Irgendwas passte nicht in dieses Bild.

Aber die leisen Zweifel verschwanden als sie ihren Kopf leicht hebte, auf ihre Art grazil, und langsam anfing ihre Bluse aufzuknüpfen. Ich bin stolz darauf mittlerweile ein gewisse Professionalität in meiner Vorgehensweise auszuüben – aber in deisen Moment konnte ich meine Augen von diesem Anblick nicht lösen. Und dachte mir dabei: “Ich liebe diesen Job”…

*Das was nun passierte, soll vorerst verschwiegen bleiben. Man stelle es sich einfach mal vor.*

Als alles vorbei war verabschiedete ich mich, und sie gab mir sogar ein saftiges Trinkgeld. Sie wirkte locker und entspannt, keine Spur blieb von den Sorgen von vorhin. Und auch ich war heimlich sehr froh. Geld wäscht alle Sorgen von der Seele. Heute würde ich doch noch was Essen können.

So ist es mir passiert, jedes Detail ist wahr, kein Stilmittel der vorgetäuschten Wahrhaftigkeit, höchsten die üblichen Einwirkungen von subjektiver Wahrnehmung, auch wenn es nicht leicht fällt, so von mir zu erzählen. Haltet das neue Bild vor Augen das ihr von habt, von dem was ich da zu dieser Zeit tat, oft getan habe und immer
noch tue. Gemacht? Dann leset – und prüft euch.

Teil 2: Das was Zwischendrin Passierte oder Zwischen den Sternchen

Ich glaube ich verdrehte mir sogar leicht die Augen als ich endlich Verstand was da vor sich ging. Kein Zweifel mehr: Typisch, dass wieder keiner ihr Bescheid gesagt hatte was Sache war. Aber der Schock von vorher hielt noch etwas länger, es war wie als ob ich vor einem heranrasenden Zug stehen würde, ich war vom Angesicht dieser nahenden Katastrophe wie gelähmt. Endlich die Überwindung: “Halt, Frau *X*! Ich bin nicht zum Waschen hier, ich soll nur für sie einkaufen!” Und so sprang ich in letzter Sekunde doch noch vom Gleis. Wir lachten, sie ist ja eigentlich noch fit für ihre 80, und sie meinte, “Ich dachte schon.. also das mich jetzt ein Mann wäscht!” Den Herren ist es meistens egal, wer zum Waschen kommt… den Damen nicht, und der Wunsch der Patienten sei uns weitestmöglich Befehl. Aber das bedeutet schliesslich nur weniger Arbeit für mich. Und so ging ich zum Einkaufen, bis auf ein paar Falschparkscharmützel relativ Ereignislos, und kehrte nach erfüllter Mission zurück.

Das Puzzle ist mehr als die Summe seiner Teile. Umso vorsichtiger muss man sein, wenn man nicht alle davon hat. Menschen malen die Lücken gern selber ein, mit ihren unsichtbaren Stiften. Manche nutzen diesen Umstand, um anderen ihre Version der fehlenden Teile zu geben, um das Bild das sie sehen zu ihren eigenen Gunsten zu ändern. Manchmal bedarf es da nicht viel. Manchmal kann man, wie oben gezeigt, jedes Teil, jedes Wort verstehen, sogar richtig verstehen – und trotzdem ein trügerisches Bild sehen. Eine verwirrende Kunst ist das Puzzle das wir Leben
nennen. Zum verrückt werden. Seid auf der Hut. Nicht unten drunter.

Metadaten:

Ein Kommentar.


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