Digital | Analog

von Flo

[Console, Delbo, Boy Omega - drei Abende in Münchner Kellern. In aufsteigender Erinnerungsintensität.]

Von dem Puls der schlägt.

Richard Ashcroft sang einmal von den Plätzen, an denen sich all die Dinge treffen; irgendein Ort an dem sich etwas zentriert, an denen der Puls fühlbar wird, den das Leben schlägt.

#1 18.11.2006, 22 Uhr, Console, Rote Sonne, München Altstadt

Weltgeschichte wird nicht gerade geschrieben, wenn sehr viele Menschen vor einem Club stehen, aber es ist dennoch ein mögliches Indiz für ein Passieren, das geschehen könnte. Inmitten der Noblesse der Münchner Maximiliansplatzes, wo sie Bugattis verkaufen und marmorne Springbrunnen Goldglanz sprühen, einmal um den Block: Indies und Alternative, BWLer und Anzugträger, Fachpublikum und Tänzer, Abiturienten und Mittdreißiger.

Bruchteile von Stunden später hat es geklappt, der Weg in diesen Keller ist gefunden und gewährt. Auf einem schwer gepolsterten Holzquader des Kellerclubs Rote Sonne der Stand, die Füße versinken im Stoff, und sich zur Musik zu bewegen ist ein wenig, wie durch einen Pool zu laufen: immer ein wenig zu langsam. Aber: Von meiner schwarz bezogenen, zu weich gepolsterten Warte aus ragen die Oberkörper der Protagonisten aus dem Hinterkopfmeer – irgendwo links darunter der Mann, der in Notwists, Deutschlands bedeutendster ernstzunehmender Band, zerbrechlichen Songwelten so virtuos die artifiziellen Sollbruchstellen streut: Wenn es eine authentische Methode gäbe, auf Knopfdruck Emotionen abzuspulen, dann müsste es wohl die seine sein.

Der Lockenkopf ragt also links aus dem blauen Gegenlicht, dazu Gitarrist, Drums und Sängerin, auf den T-Shirts der Bühnenbesetzung zählen digitale Ziffern einen imaginären Countdown hinunter, dann wieder Sekunden hinauf. Die Menge bewegt sich moderat, und die Band macht sich daran, das zu tun, was sie kann:

Die große Computermelancholie beschwören, das Suchen durch die Zahlen, den Strudel in der Informationsflut: Auf einer Leinwand flimmern Bilder von technischen Geräten und Nummern, dazwischen ein Wohnhaus aus dem Münchner Oberland, die Musik gleitet und zieht, bricht ihre eigene Oberfläche mit dem virtuosen Knarzen und Fiepsen, und ab und an tut eine elektrische Gitarre, was sie am Besten kann: Den mächtigen Strom einer fließenden Energie nachzeichnen: Einzelne, langsausklingende Akkorde ziehen ihre Bahn über das elektronische Grundgerüst. – Die ersten 20 Minuten des Konzertes sind geprägt von zügigem Tempo, in die Nacht klingenden Melodien und diesen eigentümlichen Geräuschen, die das beginnende 3. Jahrtausend in eine akustische Form brechen: Das unorganische findet seine Organität. Hat der Mensch nicht Computer geschaffen, für die Perfektion, um all das Übel zu überwinden? Und immer noch klingen sie nach Suche und Imperfektion, Zerbrechlichkeit. Zumindest bei Console. Schließlich stehen immer noch Menschen vor ihnen. Und ewig ziehen die Ziffern; bleibt selbst in den tanzbarsten Stücken, die antithetische ständige Suche. Die Botschaft, die gehört werden musste, für diesen langen Moment.

#2: Delbo, Sunny Red, München-Westend

Auf der Hansastraße, der offenen Flanke des Westends, zwischen Westpark und Südschleife der Bahngleise ziehen die Autos Wasserfontänen hinter sich her, nicht mehr als 50 Menschen stehen in diesem Keller.

Gerade haben die Dänen Barra Head sich daran versucht mit einem Werkzeugkasten aus brachialen Drums und Bass, und einer etwas filigraneren, aber �beraus lauten Gitarre Telefonbücher zu zerreißen, oder sich mit roher Gewalt ein wenig in das unverständliche Bergmassiv des Lebens zu arbeiten.

Nun stehen die Sinnbusbrüder Delbo auf der B�hne. Sinnbus, das ist ein Plattenlabel aus Berlin. Oder eher: Ein Kollektiv? Seine Bands, die grandios wundersamen Seidenmatt, oder die radioheadesk an den Fragen nagenden klez.e, spielen immer in den Räumen des Feierwerks, und immer helfen sich alle diese Bands gegenseitig mit Mitgliedern aus. Und das ist überdies über alle Maßen unprätentiös: All diese bleiben in ihrer Einzigartigkeit Randgestalten des musikalischen Geschehens, die bloß handvolle Zuschauergrüppchen anlocken: Hier zentriert sich kein öffentliches Interessen, und wahrscheinlich hat auch niemand nach der hier erzählten Botschaft gefragt, die den meisten unverständlich bleiben wird. Verstandensein für Seitendenker, keine allgemeinen Wahrheiten.

Gleichwohl sind sie wichtig, und wahr, die Eindrücke von denen Delbo zu dritt erzählen: Frei arbeitende, frei sich bewegende Drums, als Rhythmusinstrument eine flirrende, akkordebrechende Gitarre, und darüber Melodieläufe aus Bass, und Daniel Spindlers artikuliert-gewöhnlich-schöne Stimme, die in rätselhaften Bildern spricht. Alle zusammen brechen sie immer wieder den Takt, und der Phrase das Genick. Delbo sind vor allem: Nicht greif- oder erwartbar; dafür einem Gefühl auf unausgetretenen Wegen auf der Spur. Ihre Musik braucht Kraft, Arbeit, in umständlichen Grifffolgen dem Ziel nachjagen, nicht locker lassen, und ab und in groben Stößen Energie hinterherjagen.

Das erschließt sich nicht jedem. – Aber wer will findet hier Trost für dies seltsame Leben: Viocolgo, Flauschen, Slalom, Départ. Meistens geht es um eine Sie, wie im richtigen Leben: Das Mädchen, oder die große Weltin. Darum die Satzfetzen, die wichtig sind: “Von hier an sind wir aufgeteilt, wenn auch die Wege nicht verbinden”. Delbo sind erwachsener geworden, mehr Trennung, weniger Finden, stehe ich, und finde. Während sich die Musiker zu ihren Takten kopfschüttelnd bewegen oder die Texte in das Mikrofon erzählen, für das Grüppchen Menschen, das später freundschaftlich-begeistert johlend wird.

Einblick in kleine warme Räume. Eigene Rätsel erzählen: Der Puls schlägt aus den Menschen. – Wir laufen in Kreisen.

5.12.06 Boy Omega, Sunny Red, München-Westend

Die Freiheit eines Blog-Magazines: Man muss nicht so tun. Ich tue also nicht so: An diesem Abend habe ich eine U-Bahn verpasst, nachdem ich mich ohnehin zu spät auf den Weg gemacht hatte. Als der 143er-Bus an der Haltestelle Hansapark ankommt, ist der Auftritt Martin Gustafssons bereits im Gange. Die schwere Eisentür des Kellers, der das Sunny Red ist, geöffnet, flutet sehr viel rotes Licht auf den untersten Treppenabsatz. Nur ein paar Gitarrentöne perlen hinaus, kein Wort. Menschen sitzen in einem konzentrischen Halbkreis um die Bühnenmitte auf dem Boden und an den Wänden. Der Mann an der Eisenschatulle nimmt sein Buch herunter – und er flüstert den Eintrittspreis.

Einen gelehnten Stehplatz neben dem Mischpult eingenommen zeigt sich ein beeindruckendes Schauspiel: Ein Mann steht hier einzeln auf der Bühne, dunkles gescheiteltes Haar und ungepflegter Flaum auf der Oberlippe, eine Konzertgitarre um den Hals gehängt. Der verwinkelte Raum ist nur in den Bereichen besetzt, in denen der Blick auf die Bühne reicht. Und: Alles, jede Bewegung, jedes Molekül ist auf diesen gitarrezupfenden Kerl gerichtet, wird von ihm wie aus einem Sog angezogen. Was immer gemeint war, wenn gesagt wurde, jemand absorbiere die Athmosphäre eines Raumes, in diesem Bild verdichtet sich die Metapher. Eine Verstärkung bräuchte es gar nicht, der Geräuschpegel im Publikum ist niedriger als der in einem Raum, in dem gerade eine Abiturprüfung geschrieben, ein Gedicht gelesen wird; selbst das Rascheln der Jacken wird von deren Besitzern vorsichtig gedämpft.

Der Song beansprucht eine Zeitspanne von etwa zwei Minuten, eher ein mäanderndes Träumen, ein poetisch kurz-gebrochener Aphorismus, als eine erzählte Geschichte. Dann ist es still, ehe vorsichtig geklatscht wird, und es wieder still wird. Das Brummen der gerade arbeitslosen Soundanlage scheint dem Absorbierungsvorgang die passende elektrisch pulsierende Untermalung zu geben. Und Martin Gustafsson alias Boy Omega steht unsicher auf der Bühne, und sagt, er sei irritiert über die Stille: “Fuck, I’m thinking all of the time: Why are they so silent? Are they hating me, or what?”

Zehn Songs in das Set hinein wird der Auftritt beendet sein. Sie laufen nach dem gleichen Schema ab: Andächtig unter roten Lampen sitzende Menschen lauschen dem Einzelnen, der in diesen Keller einen Zauber holt, der sonst einem kindlichen Weihnachtserleben vorbehalten ist: Es ist warm, eine besondere Zeit, es ist wichtig und beruhigend zu lauschen und eine besondere natürliche Feierlichkeit liegt im Halbdunkel. Draußen könnten sich nun auch die verscheiten Wälder und Ebenen ausbreiten, und morgen wäre Heilig Abend in Schweden. In dem schlecht verputzten Keller eines verlassenen Industriegebietes.

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