Realitätenschau

von Christoph

Früher gab es riesenhafte Gemälde. Große Felsen mit ein paar Schafen darum. In fünf Metern Breite und mit geschätzten zehn Kilogramm Farbe auf der Leinwand. Die Größe machts.

Heute wird – natürlich digital – fotografiert. Und ebenso monumental dargestellt. Im Haus der Kunst in München wurde bis vor kurzem diese Monumentalkunst ausgestellt: Andreas Gursky, dessen Fotos auf den ersten Blick anscheinend die Wirklichkeit zeigen, auf den zweiten den Blick den für die Realität schärfen.

Fotos allmöglicher Sujets, von riesig, erdrückend großen Felsformationen, in denen eine einsame Gondel hängt, deren Halteseile im Nebel beinahe unsichtbar sind bis zu Fotos aus der hochtechnisierten Formel-1-Boxengasse. Und jedes Mal ist die scheinbar unbestechliche Fotografie nur Abbildung einer – ja, was eigentlich? Es ist keine Lüge, Gursky drappiert das Motiv nur neu, verdichtet es. Er schafft keine neue Realität, er komprimiert die alte. Er nimmt aus vielen Aufnahmen Elemente und schafft auf engstem Raum großflächige Abbildungen einer Wirklichkeit, die es so nicht gibt. Da stolzieren in der heißen und engen Boxengasse berühmt-berüchtigte Luder mit laszivem Blick zwei Meter am zu betankenden Rennwagen vorbei, Fotografenscharen drängen sich um die Mechaniker und über allem thront ein allgegenwärtiges Publikum, was alles mit Kompaktknipsen einfängt. Klischee und doch nicht Wahrheit. Vereinigt auf engstem Raum.

Doch er spielt nicht nur digital mit der Wahrheit. Das komplette Repertoire an optischen Tricklinsen wird ausgepackt, um einen besonderen Blick auf die Welt zu erhaschen. Bahrain I wirkt wie die Schlange in der Wüste, unfassbar, bewegt und doch wie ein Rätsel. Nichts passt zusammen, alles wirkt wie ein Aspekt des ungreifbaren Ganzen: Eine Rennstrecke, mitten im weißen Wüstensand. Der Betrachter hat keinen Standpunkt mehr, er ist überall und nirgendwo zugleich, das Auge findet keinen Halt.

Oder ein Blick in eine Bibliothek. Auf den ersten Blick wirkt sie ganz einfach, dreistöckig, viel Holz. Klassisch. Doch das Auge findet keinen Fixpunkt, spiegelt der Boden oder ist es nur ein Zwischenboden, unter dem es weitergeht. Man sieht einzelne Menschen, die sich aus den umgebenden Büchermassen herausschälen. Einzeln und schier erschlagen von der Masse. Beeindruckend.

Die Bilder regen an, genauer hinzuschauen, nichts ungeprüft zu übernehmen, was wie die Wahrheit aussieht. Aber doch nur komprimierte Ansicht ist.

Andreas Gursky. Haus der Kunst. Leider ist Ausstellung bereits vorbei, gerüchteweise soll es jedoch bald wieder in Deutschland eine Gursky-Ausstellung geben. Meine Empfehlung – hingehen.

Anmerkung: Leider war es nicht möglich, eine rechtliche Freigabe für die Wiedergabe der Bilder zu bekommen. Um sich selbst einen Eindruck der Bildergewalt zu verschaffen, kann ich nur den Besuch bei der Bildersuche einer Suchmaschine des Vertrauens nahe legen oder hier kurz hineinzuschnuppern.

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