Today, my friend.

von Flo

Samstag Nachmittag, vor dem Busfenster wehen zerzauste, karge Weidelandschaften vorbei; Varberg, Falkenberg, Halmstad ersetzen immergleiche Bilder solange, bis Göteborg mit seinen kontinentalen großstädtischen Gebäuden nur noch eine vage Erinnerung im Rücken ist, und Malmö langsam am Horizont auftaucht: Wer ausgefallene Musik liebt, in Schweden, dem Land der ausgefallenen Musik, der muss Kilometer fressen. – Vom nasskalten öresundwassergepeitschten Süden, bis ins tiefe Windschneisen durch Häuserschluchten schlagende Göteborg. Eigentlich immer noch im Süden dieses Landes. Nur eben 300 Kilometer nördlicher.

Freitags füllt sich das „Sticky Fingers“ in Göteborgs Innenstadt früh: Bis 22 Uhr gilt trotz Konzert freier Eintritt, und ein Bier kostet für lokale Verhältnisse unverschämt günstige 24 Kronen, ca. 2 Euro 50. „Mycket folk“ macht sich schnell auf den drei Ebenen breit, sitzt unter stummen MTV-Bildschirmen um eine Chrom- und holzstarrende Bar, oder steht im Keller in der Dark Area und schüttelt schon erste Metallermähnen. Eingeklemmt zwischen diesen Alltagsclubszenerien steht die Vorband „Samuraj Cities“ auf der Bühne und arrangiert ihre Instrumente. Eine halbe Treppe hinauf, an besagter Bar, sitzen und stehen auch die Bandmitglieder von Ef, gut gelaunt und mit eigenwilligen Brillen bestückt – gerade zurück von einer zweiwöchigen Deutschlandtournee, die sie als „sjukt bra“, „krank gut“ bezeichnen: Das deutsche; hauptsächliche ostdeutsche, Konzertpublikum hat ihnen das neue Album „I Am Responsible“ förmlich aus den Händen gerissen, in Größenordnungen die Gitarrist und Teilzeitsänger Tomas wesentlich später am Abend zu dem großspurig-ironischen Angebot verleiten wird, schnell ein Auto zu kaufen, um alle nach Hause zu bringen: Geld sei ja schließlich da. – Ja, ein Erfolg jedenfalls.

Ef sind heute zurück zu Hause. „På hemmaplan“, auf schwedisch gesprochen, was noch stärker als das deutsche „Heimspiel“ den eigenen, den gewohnten Rasen und die heimischen Katakomben herausstreicht. Ein Heimspiel einer Band, die man als so etwas wie steigende Sterne der Post-Rock-Szene verstehen kann, mit beinahe ausverkauften Auftritten in deutschen Großstädten, den allerkleinsten Clubs deutlich entwachsen. Heute aber auf ihrem einzigen Schweden-Konzert, und das nicht weil die Band nicht mehrere spielen wollte: „Es gibt in Schweden ungefähr 5 Booker, die sich für Post-Rock interessieren: Einen in Göteborg, ein, zwei in Stockholm, Malmö und Lund.“, erklärt Drummer Niklas. In Deutschland ist es einfacher.

Als die Band gegen kurz vor 12 ihren Auftritt beginnt, verteilt sich die Menge der Besucher immer noch gleichmäßig auf die Räume, von der Bar dringen in den leiseren instrumentalen Passagen die Basslinien aktueller schwedischer Popmusik bis zur Bühne.

Kein zu großes Problem für die Band, sie trägt es zumindest mit Fassung. Schweden sind im Allgemeinen keine guten Zuhörer auf Konzerten, meinen sie nachher, während Mitteleuropäer meist andächtig lauschen würden. – Spätestens aber als „Hello Scotland“ als zweiter Song im Set von der Bühne dringt, Harmonium, E-Cello und eine fragil-schillernde, langsam zielstrebiger losziehende Gitarrenmelodie weiches Licht zeichnen, die Band ruhig und präzise an diesem Gesamtbild arbeitet und die ersten Worte des Abends gesungen werden, „city streets, in late spring…“, dann zieht die Musik diejenigen der vielleicht 100 Zuschauer vor der Bühne, die sich ziehen lassen wollen, mit leichtem Handschlag in eine sonnigere Visions Schwedens. Lässt ein sonnendurchfluteteres Göteborg vor inneren Augen entstehen, und die Hörer mittaumeln, wenn sich der Song in einen euphorischen Laufschritt aufschaukelt. Schwedische Sommernächte sind verdammt blau, und alle Seen und Augen glitzern ein bisschen kräftiger, gerade wenn der Winter noch in Erinnerung und der große Sommer noch vor einem liegt.

Ef auf der Bühne im Sticky Fingers. Göteborg, 1. Februar 2008. Foto: (c) Hanna Luiga

„Give me beauty… or give me death“, ein bisschen wie zwischen skandinavischem Sommer und Winter gefangen, hieß das Debüt der Band, und genau zwischen diesen scheinbaren Polen pendelt die Musik. Idealistisches Verlangen, nach Schönheit, nach Leben, nach Gefühlen, wilden. Bloß nichts zwischendrin, bloß kein Handwerk, keine Routine. Ein Schmiss ins Gesicht der zufrieden gebetsmühlendrehenden Buddhas, wie ihn Hesses Steppenwolf gemocht hätte. – Von den ästhetischen, klaren Melodien bis zum atemlosen Nichtfassenkönnen dieser nichtausgesprochenen Schönheit. Auch so kann Musik noch sein: Wo Worte eher ausgrenzen als ausreichen würden, reichen Ef Stichwörter an – nur um den Zuhörer dann mit einem Stakkato in sein eigenes Gedankengewirr zu versenken. Ein musikalisches Taumeln und Nichtantworten aufzubauen. Aber auch ein bedingungsloses Mitleiden an den Fragen mitzugeben. Egal eben, wie sie lauten. Solange sie ausreichend ziehen und zerren.

Ef spielen die meisten Songs jenes neuen Albums, das sie im großen Saal des Stadsteaters, gar nicht weit des Sticky Fingers aufgenommen haben. Darunter „Bear“, das stärker nach Sigur Rós oder Gregor Samsa klingt, als das gewohnte Material, aber wieder so gezielt die Wortfetzen anreicht: „All over, all over…“ klingt diesmal klagend, suchend und fragend. Später das viertelstundenlange „A Tailpiece“, das in seiner stoischen Melodie lebt und von den schillernd-klaren Ein- und Aussätzen der Instrumente, jazzig-leichten Drums und mindestens 3 musikalischen Themenverschiebungen – was Post-Rock zu einem solch befreienden Ausbruch macht, sind nicht unbedingt seine „Ausbrüche“. Sondern eher die Freiheit sich zu entwickeln, an keinem Punkt zweimal vorbeikommen und Geschichten erzählen zu dürfen. Vorwärts zu gehen, statt zur Wiederholung gezwungen sein, wie es unsere popmusikalischen Hörgewohnheiten verlangen würden. – Nicht zur Wiederholung gezwungen sein – das ist vielleicht die größere, aber gut versteckte Metapher eines ganzen Genres.

Foto: (c) Hanna Luiga

Schließlich, nach einer guten Stunde: „Tomorrow my friend“. Der Song, von dem Dutzend Eingeweihter im Publikum als alter Freund begrüßt, der als matt schillernder Glücksmoment beginnt, ein wenig die Sommernacht aus Hello Scotland klingen lässt, und nach der Zäsur, der Erklärung einer Frauenstimme auf einmal langsam in eine schwere Schicksalhaftigkeit rutscht, gegen die er sich schwer auflehnt, mit aller Macht ankämpft: „This is the last time, I’ll hold your precious body“, „I was mislead by words never spoken, I was mislead by a smile, never shown“: – Ein Sturm von Gefühlen bricht sich Bahn, beginnt stolpernd mit der Melodie zu laufen, dann zu rennen so weit es geht, fühlt sich noch im Publikum an wie brennende Lungen, nur ein Stück in Richtung Magengrube versetzt. Hebt sich über die Melodie hinaus und bricht schließlich in einem Gewitter aus Feedback, Lärm und donnernden Gitarren zusammen das alles davon zu waschen scheint. Von der Bühne, von der Haut der Zuschauer. So sehr gelebt, nicht nur wiedergegeben ist diese Gefühlswelt, und reißt mit aus aller Kalkulation, aller Routine, allem Damitfertigwerden, das im eigenen Kopf wohnt, und diesen emotionalen Lärm beiseite schieben will. – Schwer atmendes Leben bleibt übrig, als das Licht bereits wieder angeht, während die letzten zwei Bandmitglieder noch auf der Bühne kauern und liegen.

Bassist Mikael, gute 30 Jahre alt, Ef vereinen eine Altersspanne von ca. 10 Jahren, erzählt später Backstage von seinem Kind, und dass es nicht nur gut sei, so lange auf Tour und von zu Hause fort zu sein, aber gleichzeitig auch ein Traum. Und dass er am Ende eben jenes’ Tomorrow My Friend gestern in Rostock, auf der Ms Stubnitz, seinen 700 Euro teuren Bass auf der Bühne in drei glatte Teile zertrümmert hat.

- “Wir arme Studenten sparen Geld für Gitarren, und ihr macht hier mal schnell einen auf Rock’n'Roll?”, frage ich, was Mikael ernster nimmt, als es gedacht war.

- “Ef ist keine Rock’n'Roll-Band, weißt du… Tomorrow… ist vielleicht der beste Song, den wir bis jetzt geschrieben haben, und nach diesen 15 Minuten hat dich die Musik so völlig – das sind unsere Minuten von „mental illness“. Ekstase. Das war ein Impuls, der einfach irgendwohin musste, keine Show.”

Er schaut ratlos, aber auch zufrieden, vor allem aber ernsthaft. Und dann bricht sich wieder das Siegerlächeln, der soeben auf dem „hemmaplan“ gewonnenen Tour Bahn.

- “Das kann ich aber nicht jedes Mal machen. – Deswegen habe ich mir gedacht, springe ich nächstes Mal einfach am Ende in Niklas’ Drumset.”

Erschöpfung, Alkohol und Zufriedenheit mischen sich im Keller des Sticky Fingers schnell in ein klassisches Backstagebild, inklusive der obligatorischen Tourbilder, vor allem dort wo die jüngeren der Bandmitglieder darauf zu sehen sind: Im linken Arm der Alkohol, im rechten ein gut aussehender Fan (oder vielleicht auch nur weibliche Freunde) und aus den Mündern ausgelassen über den Tisch hin und her fliegende Spielbälle aus zwei Wochen Europa-Tour und beinahe 10 Jahre Bandgeschichte. Niklas, dessen Drumset wohl noch steht, ordnet den Abend nachher unter einen der besten drei der Tour ein.

Noch vor der Sperrstunde im Sticky Fingers werden die Zelte dann aber doch abgebrochen: Zwei Wochen Rock’n'Roll (Andeutungen finden sich im myspace-Blog) hinterlassen ihre Spuren. Selten standen so müde Menschen an der Straßenbahnhaltestelle, wie die auf den Spårvagn nach Hause wartenden Musiker der Band. Auf der Bühne mehr als Routine zu erzeugen kostet mehr Kraft, davon ist auszugehen: Ef spielen grundsätzlich nicht viel länger als zwei Wochen am Stück.

Trotzdem wird morgen Claes’ und Jonathans Nebenprojekt Immanu El auf Tour durch Deutschland gehen, im März ist Ef, mit Deutschland, Benelux und Polen wieder dran. Konzerte in Schweden gibt es dann wieder nicht. Warum auch immer Schweden mehr grenzüberschreitende Musiker als Zuhörer hervorbringt. Man wird wieder Kilometer machen müssen. Und noch eine Grenze überschreiten: 15 Kilometer hinter der Schwedischen, in Kopenhagen, hat sich ein Booker gefunden.

El Info:

Die erwähnten Songs „Hello Scotland“, „A Tailpiece“ und „Tomorrow My Friend“ gibt es auf myspace zum kostenlosen Download.

Ef (gesprochen übrigens als zwei Buchstaben, mit schwedischer Klangfarbe also etwa [Éé-jäf] sind ab März auf Tour, u.a. in Deutschland und entlang seiner Grenzen:

2.4.08 D:qliq, LUX-Luxemburg
3.4.08 Orangehouse, München
8.4.08 Steinbruch, Duisburg
9.4.08 Elfer, Frankfurt

Immanu El, Nebenprojekt ebenfalls guten Post-Rock-Formats tourt bereits seit dieser Woche. Hörproben gibt es hier.

08.2.08 Art, Riesa
09.2.08 Café Panam, Leipzig
10.2.08 NBI, Berlin
12.2.08 Astra Stube, Hamburg
13.2.08 Alte Feuerwache, Mannheim
14.2.08 D:qliq, LUX-Luxemburg
15.2.08 Reitbahnstraße 84, Chemnitz
16.2.08 Rockhouse, A-Salzburg
17.2.08 Asta [tbc], Rosenheim
19.2.08 Steinbruch, Duisburg

Tack till Hanna för de här underbara bilderna!

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