Sehnsucht nach der Peripherie.

von Flo

Es erscheint etwas ab des Weges, in der eigenen Heimatstadt etwas über den Charakter der Urlaubsreise als solcher zu erfahren – aber Münchens Norden, flach wie ein Brett, eine Siedlung mit der geordneten Ästhetik von Flächenschimmel auf einem Mischbrot, erzählt, vielleicht, etwas vom Sommerleben.

Im August 2006, scheint es in eben diesem Münchner Norden, als habe das oberbayerische Klima für dieses Jahr sein Pulver verschossen: Zwischen den Regenschauern wird es nicht mehr als zwanzig Grad warm, der Druck der Hitze lastet längst nicht mehr auf den Straßen.
Nicht auf denen um die betonselig in den Himmel gesprossene Studentenstadt im Osten, nicht auf denen der namenlosen, an allen Münchner Enden gleichen Wohngebietsstraßen von Freimann im Westen, wo sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus reiht, und erst recht nicht dazwischen, in den weiten Fluchten zwischen den verlassenen und wieder entdeckten Industriehallen, in denen sich der untergehende Walmart, Media Markt und Möbelix breit gemacht haben: Es ist kühl, und der Asphalt erst zur Hälfte abgetrocknet.

An diesem Nachmittag der mich mittels des Bussystems durch all diese Orte treibt, auf der Suche nach einem Klinke-Cinch-Kabel, da ist es zudem unglaublich… nachmittäglich. Ungewöhnlich nachmittäglich. Die Busse sind halbleer, das Licht fällt schräg und tief durch die geöffneten Lüftungsklappen der Fenster, die Reifen zischen auf der Nässe, und noch nicht einmal die Pendler sind auf dem Weg nach Hause. Die Einfamilienhäuser passieren vor dem Fenster, und drei Kontrolleure in Zivil kontrollieren zwei Fahrgäste. – Ich habe eine Fahrkarte.
Dort, wo die Leopoldstraße den Mittleren Ring kreuzt, lasse ich mich vom Öffentlichen Nahverkehr ausspucken; 500 Meter führt der Weg zurück nach Osten, in den Schatten der Hochhäuser, die die Innenstadt begrenzen. An ihrem Fuß ist es windig und leer, eine Dönerbude grüßt hinter den Highlight-Towers, der vierspurige Verkehr rauscht unermüdlich. Grashalme sprießen zwischen dem neuen Pflaster hervor, und jemand sitzt im wieder etwas wärmenden Abendlicht vor der Aral-Tankstelle auf einem Stein und lutscht ein Eis.

Einen Moment stehen bleiben: Die Szenerie beinhaltet eine Erinnerung.
Noch mehr Autos passieren den Hochhausfuß. Der Fahrtwind biegt ein wenig die Halme. Die Sonne liegt erträglich warm auf der Haut.

Dann, es dauert nicht lange, ist klar, was hier klingt: Der Mensch ist ein Lichtwesen, und den Stand der Sonne erkennt man wieder – das hier muss der August sein, und für das geübte Auge des ehemaligen bayerischen Schulkindes muss August Ferien bedeuten, und Urlaub.

Das ist der eine Part, der andere wirkt im Verbund: Dort, wo der Verkehr braust, und sich der städtebauliche Triumph leise wieder überwuchern lässt, irgendwo in der Nähe der Autobahnschilder und nicht zu weit von der Stadtgrenze, da wohnt eine Art von Fernweh: Das, nach den unspektakulären, aber deswegen nicht vergesslicheren Erinnerungen. Denn genau hier, an diesen Orten, da finden sich in den Städten Europas die bezahlbaren Hotels, manchmal auch die Jugendherbergen, dort hält man mit dem Auto an, wenn man sich verfahren hat, und reisevertraut plaudernd etwas zu essen kaufen will, an der Tankstelle irgendwo am Rande einer italienischen Metropole;
oder aber: hier ist der Punkt, an dem man sich langsam an den Verkehrslärm gewöhnt, wenn man mit dem Rad nach langer Fahrt die Stadt erreichte. Oft genug passiert man diese Stellen auf dem Weg von einem der großen Bahnhöfe in die Stadt – vielleicht auch nur, weil man in die falsche Richtung gelaufen ist. Oder auf der Suche nach dem Campingplatz. Und herauskommt, wo die großen Schilder Sattelschlepper in die Industriegebiete lotsen. Die Einkaufszentren, Gourmettempel der Individualreisenden, wohnen hier.

Einhergehend eine beruhigende Vertrautheit, dass es überall ähnlich ist, und doch ein wenig anders: In der Farbe der Häuser, der des Lichts, der der Kennzeichen der Autos oder der Fahrbahnmarkierung, der Lautstärke der Grillen am Wegesrand, oder der Aufschrift auf dem Joghurtbecher in der eigenen Hand. Eine Vetrautheit die zudem gekreuzt wird, von den Vertrautheiten der Einheimischen: Die hier völlig selbstverständlich ein uns aus gehen, ohne Sonnenbrillen und Achtsamkeit; nur auf dem Weg zum Supermarkt. Keine Fassade. Viel Schnittpunkt. Die Wahrheit der Supermärkte. Die Wunder der Stadt in der man sich gerade befindet, noch als sichere Verheißung vor sich.

peripherie?
Und gleichzeitig: Für den Moment so wenig Erwartung. Keine Monumente, keine Fotos, kein Spektakel. Nur ein fremder Abendhimmel, ein wenig Gefühl für die Unermesslichkeit der Menge der verschiedenen Leben, und in größter, unabgelenkter Gelassenheit die Menschen mit denen man hier herkam, mit den armen schlackern, Kekse kaufen, und lachen: Wer braucht die Plazas und Avenuen? Sehnsucht, nach der Peripherie.

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Ein Kommentar.


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