Kreuzungen/Good To Be Here? – Teil 2

von Flo

Home Of The Lame am 27.1.06: Vor Muff Potter.

Teil 2: Felix Gebhard über die Arbeit mit Freunden, die Arbeit an einer eigenen CD und das Leben im Grand Hotel van Cleef.

Eine halbe Stunde in die Interviewzeit hinein stecken Muff Potter die Köpfe in die Szenerie – Zeit zu Essen. Die Interview-Szenerie wird in das nahegelegene “Abraxas” verlagert, und während die Hauptband sich plaudernd am Catering gütlich tut, sitzen Vorband und wir im Nebenraum, und reden über die Bedeutung von Freunden im musikalischen Entstehungsprozess, und das Glück mit ihnen zusammenarbeiten zu dürfen – womöglich ist auch das im Hintergrund laufende Bayern 3 schuld an einem späteren thematischen Schwenk auf Musikfernsehen und die Notwendigkeit von Authentizität in musikalischen Veröffentlichungen.

Du warst ja auch lange in Schweden – wie kam das, und hat das irgendwie beeinflusst, deine musikalische und fotografische Entwicklung?

Nein! Also klar, inhaltlich…. Wie vorhin schon gesagt, Dinge die man erlebt und verarbeitet -

Aber das hätte in Deutschland genauso passieren können?

Ja, genau. Im Moment lese ich immer in Rezensionen über die Platte, dass sich die besondere Athmosphäre in Schweden in den Songs niederschlägt, das kann ich aber nicht so richtig nachvollziehen – so anders als hier ist es dort auch nicht.
Inhaltlich aber schon, natürlich. Alles was mein Leben prägt, prägt auch in einer Art und Weise meine Musik.

Du hast aber die Platte zum Beispiel in Schweden und mit schwedischen Freunden aufgenommen?

Ja, genau. Das sind einfach Leute, die sich auch musikalisch in einem gewissen Bereich bewegen, und die jetzt auch genau dazu passten, wie die Platte klingen sollte. Oder die einfach, ohne dass ich darüber nachgedacht habe, Dinge beigesteuert haben, die das ganze nun so machen, wie es ist… Was die Platte betrifft, ist es natürlich so, dass sie anders geklungen hätte, wenn ich sie mit anderen Leuten irgendwo anders aufgenommen hätte.

Ist es dir wichtig mit Freunden zusammen zu arbeiten? Für ein bestimmtes Ergebnis, oder auch einfach, weil es so mehr Spaß macht?

Ja, auf jeden Fall! Wobei ich in anderen Projekten auch schon mit Leuten zusammengekommen, die ich vorher nicht so kannte, und wo sich dann auch mal nicht so die geglückte Zusammenstellung gefunden hat. Aber wenn ich so eine Sache plane, und überlege mit wem ich eine Kooperation starten kann, dann gucke ich schon, dass das Leute sind, die ich vorher schon kenne und die ich mag. Da bin ich auch einfach in der glücklichen Position dass es solche Leute um mich herum gibt.

Du hast vorher gesagt, wenn die Platte mit anderen Leuten gemacht worden wäre, hätte sie anders geklungen. Ist das so, dass du sagst eine Platte entwickelt sich, aus der Zusammensetzung der Leute, du gibts die Grundidee vor, und die Sache entwickelt sich, oder ist es so, dass du mit verschiedenen Leuten deine Idee durchführst?

Nee, das entwickelt sich natürlich.

Also du wärst auch zufrieden gewesen, wenn die Platte anders geklungen hätte, und du trotzdem merkst, es wird etwas draus?

Es ist so, dass ich verschiedene Grundideen hatte, die ich mit dem Produzenten abgesprochen hab, und wir haben abgeglichen, wie wir denken, dass es klingen könnte. Er kannte die Songs als Demo-Version, und wir haben beide versucht, füreinander zu formulieren wo wir denken, dass das hingehen konnte. Und dabei gab es auch Punkte, in denen wir Missverständnisse hatten – aber ich bin auf jeden Fall jemand, der in so einem Projekt auch einmal die Zügel loslassen kannen. Also einem Menschen der Piano spielen kann – im Gegensatz zu mir – kann ich so ein wenig formulieren, was mir so vorschwebt – aber ab einem gewissen Punkt muss ich ihn dann auch einfach machen lassen. Ich schreibe ihm also nicht seine Partitur. Was der einzelne Musiker beiträgt, das schreibe ich nicht Note für Note vor. Es gibt Themen, die andere Instrumente spielen, die ich auf der Gitarre entwickelt habe, aber grundsätzlich fehlt mir die Fertigkeit solche Sachen fertig zu “komponieren” und vorzugeben wie sie klingen sollen.

Ist das auch ok, die Leute einfach arbeiten zu lassen, und den Song sich in einer gewissen Eigendynamik entwickeln zu lassen?

Ja, klar. Auf jeden Fall. Ich meine, man muss so einen Song auch loslassen in so einer Situation. Ich denke ich war früher empfindlicher, aber jetzt kann ich so einen Song auch in den Raum stellen, und dann gucken, was damit passiert. Aber klar, das ist so ein wenig, wie ein kleines “Baby”, dass man in die Welt loslässt, und dessen Entwicklung man dann beobachtet.

Aber die Songs behalten ja insofern ihren Charakter, als dass sie auch ohne Band funktionieren, oder?

Ja klar, das Ding ist ja, dass jeder Song auf dem Album mit Akustikgitarre und Gesang funktioniert. Das ist immer ein Maßstab. Wenn wir jetzt irgendwelche Free-Jazz-Ausflüge gemacht hätten, sähe das ganze vielleicht anders aus. Aber du hast in jedem Song durchgehend eine Akustikgitarre die etwas macht. Das Skellett besteht immer noch daraus.

Soundcheck

Wichtig waren Freunde im Produktionsprozess ja auch insofern, als da du dein Album auf dem Label Grand Hotel van Cleef herausgebracht hast?

Ja, das ist ein Resultat dieser Geschichte, die sich damals begonnen hat zu entwicklen. Auch, dass ich jetzt mit Max, Thees und Marcus [in der Hansen Band, Anm. d. Red.] Musik gemacht hab, das ist ein Resultat dieser Zusammenarbeit. Und ich bin auch sehr froh dass das Album jetzt bei ihnen herausgekommen ist, weil genau wie das Musikmachen mit Freunden auch das Zusammenarbeiten in diesem Bereich mit Freunden einfach eine Sache ist, die sich besser anfühlt für mich, als mit fremden Leuten so etwas doch recht persönliches durchzuziehen. Ich versuche in allen Bereichen, die mit der Band Home Of The Lame zu tun haben, auch möglichst den ganzen administrativen Kram mit Leuten zusammen zu machen, die ich schon gut kenne. Also auch Ben, der bei der Booking-Agentur ist, die jetzt die Tour im Februar gebucht hat, ist ein alter Freund von mir, und die Jungs, die den Verlag machen, kenne ich schon lange.

Seid ihr auch richtig Freunde? Ich war letzten Sommer bei dem Tomte-Konzert in Dornbirn, und hab mir da neulich noch einmal Fotos auf der Homepage der Location angesehen, und bilde mir ein, dich da auch drauf gesehen zu haben… Ist das etwas, was man oft macht; die anderen Bands auf Tour mit begleiten?

Also das war jetzt in dem Fall so’n Wochenende Österreich… und es war Sommer… und Hilmar, der sonst das Merchandise macht, hatte keine Zeit, also bin ich mal mitgefahren. Aber ich finde schon, dass es im Grand Hotel familiäre Strukturen gibt, und man hilft sich mal aus. Die Hansen Band ist da ein gutes Beispiel – mal kann der nicht zu diesem und jenen Auftritt und dann springt halt jemand anders ein und hilft aus. Das fand ich sehr exemplarisch.

Ist das eigentlich so, dass du dich da als Teil von etwas begreifst? Von einem “Kollektiv” oder so?

Jaa… Also Kollektiv finde ich jetzt zu hart, als Wort. Aber ja, so plump das klingt, ich finde schon, dass es da ein familiäres Gefühl gibt. Weil alles auf einer sehr persönlichen Ebene stattfindet. Man kennt halt alle, die damit zusammenhängen. Und was halt viel wichtiger ist: Man vertraut allen, mit denen man da zusammenhängt, und mit denen man Zeit verbringt. Man verbringt halt auch viel Zeit miteinander. Also Kollektiv find ich ein scheiß Wort… aber familiär ist gut eigentlich.

Und künstlerisch, in der Außenwirkung? Ich finde schon, dass das GHvC ein gewisses Gesicht hat, anhand der Bands die dort unter Vertrag stehen?

Hat es das? Also ich finde da klingt keine Band wie die andere.

Nicht im Sinne von gleich klingen, aber vielleicht im Sinne einer Authentizität. Ich denke, dass es doch ein Qualitätssiegel ist, auf GHvC zu erscheinen.

Ja, doch, das denke ich auch. Das merkt man auch an internationalen, also den “nicht aus Deutschland kommenden” Bands, wie Maritime, die auch persönlich da sehr gut reinpassen… Ich denke das macht viel aus, dass man da auch eine gewisse Ehrlichkeit erkennt.

Ist das auch ein Kennzeichen für dich, guter Musik? Dass man den Hörer ernstnimmt, und ihn nicht als kaufende Masse wahrnimmt? Sich mit der eigenen Kunst identifizieren.

Ja, ich denke das ist für mich der einzige Weg, den es gibt…

Naja, in der Musik gibt es ja auch andere Beispiele.

Ja, nur: Wie gehen die vor, frage ich mich? Man kann ja nicht Leute dazu zwingen, das Album zu kaufen.

Na, da gibt es ja schon Wege. Nicht, dass es wirklich dort hinein passen würde, aber könntest du dir vorstellen, dein Album auf Viva bewerben, zwischen Yamba und Klingeltonwerbung? Oder würdest du dir da unter Wert verkauft vorkommen?

Nein, das auf keinen Fall. Aber ich glaube nicht, dass das relevant wird, weil meine Musik schon in einer gewissen Nische beheimatet ist. Aber es ist nicht so, dass ich mich diesen Strukturen verschließen würde. Ich finde Musikfernsehen jetzt nicht komplett “evil”… Ich find halt einen Großteil der Sendungen die heute laufen Quatsch, und würde mich freuen, wenns einmal wieder Sachen gäbe, wie vor 10 Jahren. “120 Minutes” war eine super Sendung damals, von guten Leuten moderiert, mit einer guten Musikauswahl. Sowas gibt es halt nicht mehr. Aber ich würde Musikfernsehen nicht allgemein als böse verdammen wollen – aber ich glaube, das ist für mich jetzt nicht wirklich aktuell.

Wie soll es denn jetzt weitergehen, aktuell? Nach dem Album und der Tour?

Also ich will versuchen das Album im Ausland zu lizensieren. Naheliegenderweise erstmal in Schweden, da bin ich gerade dabei, Kontakte zu finden. Und dann eigentlich Nordamerika.

Da gibt es ja auch musikalisch ein paar Anknüpfungspunkte, ein wenig Countrysound…?

Joaaa… Ein paar Steelgitarren, dann hörts aber auch schon wieder auf. Aber das mit Nordamerika erscheint mir selber sinnvoll, ob das durchführbar ist, weiß ich nicht genau. Ich bin jetzt so ein wenig am Kontakte sammeln, und hab in verschiedenen Städten Freunde sitzen, die das Album auch an Labels weitergeben können. Nach der Tour im Februar/März will ich dann auch noch versuchen dieses Jahr in Schweden zu spielen, in welchem Rahmen auch immer. Als Duo vielleicht, oder als Band.

Wärs dann auch ein Ziel, einmal von der Musik leben zu können?

Es wär schon, wenn das möglich wäre, aber das kann ich mir zur Zeit schwer vorstellen. Ich denke auch, dass – naja, um das zu beurteilen, bin ich noch nicht lange genug drin – aber ich könnte mir vorstellen, dass es sinnvoll ist, sich da ab und zu ein, zwei Monate rauszuziehen und was anderes zu machen, und dann wieder frisch und unbelastet da rangehen zu können, ich glaube so schwebt mir das ein bisschen vor. Ich würde jetzt auch nicht aufhören wollen zu fotografieren, oder so, und ich merke schon, dass der Spagat sehr schwierig ist – gerade jetzt hab ich auch _keine_ Zeit für Fotografie. Aber mir schwebt das vor, so phasenweise ein wenig aufzuteilen. Dass ich mich erst auf das eine konzentriere und dann wieder auf das andere. Beides gleichzeitig geht nicht, hab ich definitiv feststellen müssen.

Was würdest am liebsten machen, in der Fotografie? In welche Richtung geht das? Etwas eigenes, Auftragsarbeiten?

Ich versuch immer Auftragsarbeiten zu machen – aber wenn man nicht permanent sagt, “hier bin ich, ich bin heiß etwas zu machen”… da kommt es viel auf einen selber an, wie präsent man sich zeigt. Und das kann ich gerade natürlich nicht machen, also bin ich wieder etwas raus. Ich habe ein paar künstlerische Sachen auf Halde, und ein paar Ideen auch, und vielleicht hab ich dieses Jahr dann noch den Ansporn, das etwas mehr zu machen. Grundsätzlich ist es aber erstmal redaktioneller Kram, Reportagen und Portraits, Dinge, die ich dann hoffentlich wieder mehr machen kann, wenn die Tour vorbei ist.

Aber davon abgesehen: Ist das vielleicht auch ganz gut, eine Pause von der Musik und dem Tourleben zu machen, um wieder ein bisschen Raum und Ruhe für neue Songs, neue Ideen zu bekommen?

Ja. Weiß ich gar nicht. Im Moment bin ich gar nicht so am Songschreiben. Wahrscheinlich ist das wirklich so, wenn man die Dinge erstmal wieder zur Ruhe kommen lässt… Müsste ich mal ausprobieren.

Verstehst du dich dann eher als fotografierender Musiker, und danach wieder als musizierender Fotograf?

Ja, vielleicht. Jetzt gerade bin ich eher wieder so fotografierender Musiker. Aber so fühlt sich das gerade jetzt einmal an, wer weiß was das wird… vielleicht bin ich einmal Fotograf hinterm Bartresen…

…oder Fotograf für die Bravo…

Ja, das habe ich tatsächlich einmal gemacht! (lacht)

Da müssen wir neugierig sein: wen, was, wie?

Die Bravo hat eine Wir sind Helden-Sache gemacht, und die Band durfte sich den Fotografen aussuchen. Sonst hab ich auch nichts mit der Bravo zu tun, wirklich! (schmunzelt)

Vielleicht abschließend noch ein paar Tipps für Leute, die sich künstlerisch selbstständig machen wollen?

(überlegt.) Nee… Das würde ich mir jetzt nicht anmaßen. … Ich weiß nicht, ob ich da Tipps geben kann… Ich bin ja auch eher zufällig darauf gestoßen worden, meinen Arsch hochzukriegen.

Also auf den Zufall hoffen?

Nee, vielleicht sollte man das nicht machen, wenn ichs mir recht überlege. Keine Ahnung. Dranbleiben, wahrscheinlich.

Augsburg, 26.1.2006
Interview: Florian Naumann & Christoph Ellßel
Fotos: Christoph Ellßel

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