Kirre Macher.

von Mario

Roland Koch hat die Bresche geschlagen. Mit den Law & Order Hetzparolen des hessischen Ministerpräsidenten begann vor zwei Wochen eine Debatte über “kriminelle, ausländische Jugendliche”. Wobei der Schwerpunkt – das wurde aus den Äußerung Herrn Kochs schnell klar – in der Mitte dieses Triptychons auf dem “ausländisch” lag. Und während Kochs Appell an die Stammtische der deutschen Nation in den Feuilletons noch intellektuell verdaut, als grundlagenbefreites Maulheldentum entlarvt und argumentativ ausführlich der Unterschied zwischen Ausländern und Deutschen ausländischer Herkunft geklärt wurde, schicken Andere sich an, den von Koch behaupteten Brückenkopf schreibenderweise zu befestigen.


Bild: © KWentin

Denn während Koch von allen Seiten verbale Prügel einstecken muss, sich sogar die eigene Partei von ihm zu distanzieren beginnt, er selbst zum Thema schweigt und hofft, dass es vor den hessischen Landtagswahlen aus den Medien – aber nicht den Köpfen der Stammtischbrüder – verschwindet, schreibt Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, in selbiger Zeitung und in Ausschnitten auch in der BILD, über „Junge Männer auf Feindfahrt“. Gemeint sind die von Roland Koch als „kriminelle, ausländische Jugendliche“ titulierten Jugendlichen meist türkischer Abstammung, die in Herrn Schirrmachers Artikel zu einem die „deutsche Bevölkerungsmehrheit“ bedrohenden germanophoben, islamistisch- fundamentalistischen und gewaltbereiten Mob hochstilisiert werden.

In seinem Kommentar reiht Frank Schirrmacher Unterstellung an Unterstellung und präsentiert für diese allenfalls dürftige Belege. So spricht er von einem historisch einzigartigen Minderheitsrassismus des türkischstämmigen Bevölkerungsteiles gegenüber der „deutschen“ Mehrheit.

„Uns war historisch unbekannt, dass eine Mehrheit zum rassistischen Hassobjekt einer Minderheit werden kann. Aber es gibt starke Signale dafür.”

Als Beleg nennt Schiermacher lediglich einen konkreten Fall (in Berlin) und bleibt sonst mit der nicht überprüfbaren Aussage „Die Polizei bestätigt, dass deutschfeindliche Äußerungen bei den Angriffen zunehmen“ vage. Schon in dieser ersten Äußerung offenbart sich allerdings der grundlegende Fehlschluss der Argumentation: die Gleichsetzung der Äußerungen einiger krimineller Jugendlicher mit der Gesinnungshaltung einer ganzen Volksgruppe. Allerdings erlaubt auch nur dieser Fehlschluss eine ganze Reihe weiterer Fehlschlüsse um über eine den Tätern – und damit in dieser Denke auch der Volksgruppe – unterstellte bewusste Ablehnung „des Deutschen”,

„Die radikalisierten Täter in München und Berlin wollen in dem Augenblick der Tat und vielleicht sogar überwiegend Nicht-Deutsche sein.”

und der Verklärung der – auch und gerade wegen mangelnder Perspektiven und Chancen für Migranten – gescheiterten Integration zum aktiven Ausgrenzungsprozess, der einzig der Befriedigung eines tief verhafteten Machismo dient,

„Den jungen, ganz überwiegend muslimischen Männern verhilft die Ausgrenzung der ‚Deutschen’, ebenso übrigens wie die der Frauen, zu einem Gefühl der Überlegenheit.”

zu einem „Krieg der Kulturen” zu kommen. Erst dieser fundamentale Fehlschluss erlaubt es der deutschen Gesellschaft eine „Desintegration der Mehrheit durch punktuelles Totschlagen Einzelner” – Roland Koch ist wohl nicht der Einzige in diesem Artikel erwähnte Populist – zu attestieren. Und in ihr das Bild einer radikalisierten, fundamentalen Muslimbewegung die, die Mehrheit der „braven Deutschen“ bedroht herauf zu beschwören. Und das, das ist Huntington, das ist der Untergang des Westens, der Appell an die Urängste, ist nicht mehr als die intellektualisierte Variante von Kochs Stammtischparolen. Schöner formuliert, aber auf denselben Klischees und Vorurteilen fußend, denn beide gewinnen ihre rhetorische Schlag- und Überzeugungskraft nur aus diesem morastigen Fundament. Und es könnte einem egal sein was die Herren so meinen, würden sie mit ihren Äußerungen nicht den Sumpf noch ein wenig vertiefen. Denn jeder Appell an ein Vorurteil gräbt das Klischee tiefer ein in das kollektive Bewusstsein. Und wäre es nicht dieser Sumpf, der dafür sorgt, dass ein junger türkischstämmiger Deutscher der bei Lieschen Müller und 150 Anderen eben keinen Ausbildungsplatz bekommt, entweder frustriert aufgibt oder im Freundeskreis vermittelt wird, dass so Frust entsteht und dass sich aus der Not – und nicht aus aktiver Ablehnung! – Parallelstrukturen bilden, ja dann könnten einem ein Herr Koch und ein Herr Schirrmacher egal sein.

Der betreffende Artikel ist bei der FAZ auch online zu finden. Ein weiterer Kommentar zum Thema auf den nachdenkseiten.


Update: Und ein wunderbarer Podcast zur “Rhetorik des rechten Salons” bei HR2 (via spiegelfechter.com).

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