Von Griechenland erzählen, Teil 2.

von Mario

Ob Rasender oder Reisender, was bleibt sind Anekdoten. Weder der von seinem Urlaubsziel in den Alltag zurückrasende Urlauber mit all seinem Schwung, noch der die vielen Ziele seines Weges wie Schwamm aufsaugende Reisende mit all seiner Geduld, schaffen es das Erlebnis, die impressionistische Gewalt des immer Fremden und doch bereits vertrauten, der Sonne und des Meers, des einzigartig, neuen Erlebens, mit in den Alltag zu retten. Alles zerfällt in Erinnerung: Bilder, Momente, Fragmente und Anekdoten – jede nur mit einem leichten Schimmer des Erlebten behaftet.

Naxos bei Nacht
Foto: Mario

Dunkel schlängeln sich die Serpentinen an der steilen Küste, den langen Rücken der Insel Santorin, von Oia nach Fiira, entlang. Auf halbem Weg da steht, auf einer kleinen Anhöhe, ein Bus mit einer Reisegruppe, die angesichts des entschwundenen Busfahrers langsam nervös wird. Gerade als den Witzbolden die Busfahrerwitze ausgegangen sind und die ersten zu Fuß durch stockdunkle Nacht weiterwollen, taucht der Busfahrer wieder auf. Man verfrachtet die Leute in einen neuen Bus, am alten seien die Bremsen kaputt.

Wir wollen Santorin am frühen Vormittag verlassen und über Naxos nach Donoussa fahren. Donoussa ist ein winziges Eiland, mit wenigen Bewohnern und noch weniger Touristen, so hoffen wir. Mit dem Bus geht es noch einmal die Serpentinen hinab zum Fährhafen und dort warten wir und warten wir und warten wir. Fähren legen mit wagemutigen Manövern an und wieder ab. Der Kapitän wendet dazu sein Schiff mit dem Heck dem Kai zu, lässt es gen Kainmauer laufen und fängt es erst im letzten Moment mit den Heckstrahlrudern ab, um es dann mit deren Hilfe in Position zu halten, bis es vertäut ist. Was sich geschrieben liest wie eine Übung für Badewannenkapitäne erfordert in der Realität die ganze Gewalt von zwei 7000 PS Motoren. Nach und nach finden wir bei der Befragung von und durch andere Wartende einen schönen Haufen Leute, die alle wie wir vergebens warten. Im Fährbüro teilt man unserer Horde mit, die Fähre würde auf Grund zu hohen Seegangs nicht fahren, aber es käme am Nachmittag eine größere. Mit der wir dann auch gen Naxos schaukeln.


Foto: Mario

Die Anschlussfähre nach Donoussa haben wir verpasst und so legen wir einen unplanmäßigen, dreitägigen Zwischenstopp auf Naxos ein. Am Kai begrüßen uns zwei gute Dutzend Griechen mit Schildern und Mappen, die uns ihre Unterkunft schmackhaft machen wollen. Wir lehnen ein, zwei Angebote ab, dann treffen wir auf Vagelis, den Menschenfänger. Was nun kommt, ist ganz großes Kino: Ein Studentenpaar, mit riesigen Rucksäcken bepackt, abgekämpft und noch leicht orientierungslos folgt einem Griechen, der ihnen eine Fotomappe immer wieder halb zeigt, halb wegzieht und die beiden dabei langsam rückwärtsgehend, aus dem Tumult der anderen Zimmeranbieter herauslöst. Wie die Esel einer Karotte trotten die beiden dem unentwegt plappernden Griechen hinterher, um nach 15 Metern das Spiel zu kapieren, in schallendes Gelächter auszubrechen und dem Griechen zu seinem Fang zu gratulieren. Ins Auto gepackt und in die Innenstadt verfrachtet, your room, your keys, coffee n tee for free, see you. Vagelis hat noch einige Zimmer zu füllen.

Naxos ist wunderschön. Touristisch, aber deutlich weniger als Santorin mit seinen mit Menschen und Waren verstopften Touristentrails. In den schattigen und angenehm kühlen Gässchen entdecken wir vieles, besonders eingebrannt hat sich aber der multilinguale Secondhand Buchladen. Ein unscheinbares Schild weist den Weg von der nächtlich sehr belebten Hafenpromenade, durch eine enge Gasse, in einen geräumigen, von oben bis unten mit Büchern in aller Herren Länder Sprachen vollgepackten Laden. Vor und hinter dem Verkaufstresen sitzen gelassen und von den Besuchern betont ungestört zwei Griechen: rauchend und Uzo trinkend beim Backgammonspiel. Das gelbliche Licht der nackten Deckenlampen verleiht diesem Nicht-Ensemble, dem nicht konstruierten, diesem wunderbaren, authentischen Moment, frei von jeder touristischen Folklore, als gelassen gelebte Lebensart, eine unheimliche Stärke.


Foto: Mario

Von Donoussa zu erzählen heißt von einem kleinen Paradies zu erzählen. Von Loni die uns erwartet, als wir mit unserer kleinen Fähre im kleinen Hafen anlegen. Und mit Spiro, ihrem Mann, ein wunderschönes Ensemble kleiner Häuschen in einem kleinen Palmengarten vermietet. Von Tagen, mit einem Buch von Loni und bis auf zwei Jungs aus dem Dorf, vollkommen allein am Dorfstrand. Von windgepeitschten Wanderungen über kargen Fels zu winzigen Buchten. Von Tavernen die nur eine wandelnde Speisekarte in Form der Kellnerin besitzen. Von New Yorker Exilgriechen, die ihr florierendes Restaurant verkauft haben und nun jeden Morgen mit einem kleinen Boot zum Fischen fahren. Von einem amerikanischen Ingenieur im Ruhestand, der auf seiner Reise über die Inseln nach Inspiration für sein zweites, sein Leben als Maler sucht. Von der Stille, von der Ruhe, von der Einfachheit des Lebens. Und davon wie es ist, wenn das Paradies einen nicht mehr loslassen will, die kleine Fähre die die Insel alle paar Tage anläuft wegen hohem Seegang nicht auslaufen kann. Und sich Tag für Tag frühmorgens Einheimische wie Touristen treffen, auf den Horizont starren und die überforderte Frau belagern die die Fährtickets verkauft. Eigentlich müsste der Alltag, der aus dem Tritt gekommene Plan, der Flug nach Hause die Gedanken beherrschen – aber man ist im Paradies und ich geh noch mal schwimmen.

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