Post-Rock Patscherkofel

von Flo

Viel guten Post-Rock gibt es auf Mitteleuropas Bühnen zu sehen, im Herbst 2008. Es scheint so als gäben sich die Überseebands die Klinken der Clubs in die Hand und träfen sich ab und an auf ein Bier auf den Autobahnraststätten irgendwo zwischen Kopenhagen und Wien. Die Caspians, Monument To Masses’ und Pelicans. – In all dieser Breite an Ereignissen fiel auf last.fm aber eine Häufung auf: Mindestens fünf großartige Bands an einem Wochenende. Das “A Sunday Smile Festival”. Ausgerechnet in: Innsbruck, wo die Welt doch eigentlich nur entlang der Talrichtung fließen sollte. Zeit für Fragen um das Wie und Warum: Ein Gespräch mit Organisator Hannes von “Los Gurkos”.

Als wir am frühen Samstagabend mit dem Zug nach Verona in Innsbruck ankommen ist es schon dunkel, zudem bewölkt: Die hohen Berge verstecken sich hinter einer schwarzen Decke, und die Alpen sind nicht zu spüren. Innsbruck könnte ein etwas verschlafenes Augsburg sein, oder vielleicht ein bunteres Ulm – tatsächlich sind es nur noch 50 Zugminuten bis auf den Brennerpass.
Wer mit dem Zug zum Festival kommt, rollt schon über den Ort, an dem er den Abend verbringen wird: Das PMK liegt, zusammen mit vielleicht 20 anderen Clubs, Bars und Kneipen in einer langen Reihe in den schweren Steinbögen des Bahnviadukts kurz vor dem Hauptbahnhof. Hier stehen am Samstagabend unter anderem Mom und This Will Destroy You aus dem fernen Texas auf der Bühne und werden von den 100 Besuchern lauthals gefeiert. Ein bisschen Gänsehaut ist das, im Bühnenhalblicht, Peripheriegefühl, lächelnde Gesichter, der doppelte Enthusiasmus des vorwöchigen Münchenauftritts unten wie oben, ein „thank you, you are awesome, we never play encores, but…“, und dann eine Runde Post-Rock-Improvisation.

20 Stunden später. kurz vor Beginn des zweiten Abends, ist es Interviewzeit. Mit Organisator Hannes, der gerade am Schreibtisch schreibt, durch die Gänge geht, die Bands des Abends begrüßt, bargeldlose Musiker zur Bank führt… In der Zwischenzeit ziehen uns die guten Seelen des Festivals, die später angesprochene “Mädels-WG”, auf eine Cola und ein Chili sin Carne mit den Bands in den Club. Ehe dann doch ausführlich Zeit zu reden ist.


fallen/legen: Hannes, du bist grad ganz schön viel herumgelaufen… Stressig?

Hannes: Ja, grad total – erst war ein Mikro weg, dann hat man mit den Bands um vier ausgemacht, und alle kommen gleichzeitig um sechs und wollen auch gleichzeitig aufbauen und Soundcheck machen und was essen, hast du ja gesehen. Aber jetzt läuft alles, hoff ich. (lacht) – Gestern hat uns ja auf einmal dann auch noch ein Tontechniker gefehlt, weil This Will Destroy You doch keinen dabei hatten. Da kann man am Samstag abend natürlich auch nicht mehr viel machen. Naja, aber hat geklappt!

- was habt ihr dann gemacht?

Die beiden deutschen Bands und die amerikanischen haben sich je gegenseitig abgemischt. Da haben die einfach gesagt: Klar, versuchen wir, und das hat auch ganz gut funktioniert.

Das klingt ja ganz locker.

Ja… Mit den Bands haben wir fast nur gute Erfahrungen! EF, bei unserm allerersten Konzert waren nach drei Wochen Tour ein bisschen schlecht drauf, da haben wir gedacht: ‘na, schon komische Typen’ – aber später haben sie eine Riesenparty gemacht… Notebook mitgenommen, und hier im Vorraum selber aufgelegt. Auf den Tischen getanzt, und sich die Hemden vom Leib gerissen…, und wir haben schon die nächsten Termine mit ihnen klargemacht. Oder Audrey, auch total angenehme Mädels.

Wie ging das überhaupt los, dass ihr Post-Rock-Konzerte in Innsbruck veranstaltet?

Solange machen wir das noch gar nicht… Los Gurkos, unseren Verein, gibt es schon länger, 2 ½ Jahre, ich bin so seit Anfang des Jahres dabei. Da haben wir aber vor allem Filme gezeigt, und ein Kurzfilmfestival veranstaltet, hier im PMK. Und dann war ich mit unserem anderen Hannes bei Explosions In The Sky in München… Ich hatte vorher schon gesehen, dass EF aus Schweden noch einen Termin suchen und so im Rausch, Musik und Alkohol, nach dem Konzert haben wir uns gedacht: Warum eigentlich nicht Innsbruck? Noch nachts um vier haben wir da die Termine im PMK gecheckt, und eine Anfrage-E-Mail geschrieben, 10 Tage vor dem Konzert.

Das ist gut gegangen?

Ja… wir standen in keiner Zeitung, hatten kaum Marketing, aber dann standen 87 Leute im PMK  – das war sogar ein bisschen Gewinn. Wenn’s schlecht gelaufen wäre, weiß ich auch nicht, ob wir weitergemacht hätten. Aber so…

War das ein Risiko? Hattet ihr vorher Erfahrung?

Erfahrung eigentlich nicht – ich hab schon ein paar kleinere Sachen mitorganisiert, im [Innsbrucker] Unterland, lokale Bands, eher so Stoner Rock. Aber mehr halt auch nicht. Also, klar, das war schon ein Risiko. Wir sind ja auch nur zu viert, wenn’s da richtig schiefgeht – wir hatten schon Bedenken.

Aber ihr habt’s einfach gewagt?

…aber dann haben wir’s eben einfach gewagt, genau. Das zweite Konzert, mit Audrey und Majmoon lief auch nicht so gut, 43 Gäste, aber da hatten wir noch was aus der Kasse vom Kurzfilmfestival – und auch schon mit EF ausgemacht, dass sie ein zweites Mal kommen…

Hannes, bis eben im Stress dreht zufrieden eine Zigarette und erzählt – nun doch ganz in Ruhe – von den Grundvoraussetzungen der Konzerte: Vom PMK, der „Plattform für mobile Kultur“, das einem Kulturverein gehört, und an insgesamt 25 Untervereine subventioniert vermietet wird, die Lesungen, Vorträge, Diskussionen, Ausstellungen, Filmvorführungen oder eben Konzerte veranstalten. Auch wenn es dem PMK langsam schon zu viele Konzerte werden. Kultur ist eben vielgestaltig.

War das eine Grundvoraussetzung für das ganze Projekt, dass es so eine zugängliche Bühne gibt?

Ja, voll. Ich mein, das ist schon auch immer ein Kampf um die Tage – Wochenends will natürlich jeder gerne hier rein. Aber dass es das gibt ist schon ganz wichtig – einen Abend das PMK zu haben kostet 110 Euro, mit allen Gebühren vielleicht 150. Eine normale Location würde das vier- bis fünffache kosten – das würd sich einfach nicht lohnen. Es gibt in Innsbruck schon auch andere gute Stellen. Aber da machen das die Besitzer eben selbst.

Und wie kam jetzt die Idee zu einem ganzen Festival?

Hauptsächlich Zufall! Tobi von Dial-Booking hatte mir This Will Destroy You und Mom angeboten, und dann kam eines für Caspian am Sonntag, da konnt ich eigentlich nicht nein sagen, und so mit den zwei Tagen hintereinander haben wir halt gesagt „nennen wir’s Festival“. Die anderen kleineren Bands sind dann so dazugekommen, con.form haben zum Beispiel gesagt sie spielen für 100 Euro, und kümmern sich selbst um Unterkunft und so…

Ist aber schon auch viel Arbeit, so ein Festival, oder?

Schon. Am Freitag war ich noch bis 3 flyern, dann steht man am Nachmittag wieder hier, dann kommen die Bands an… nach der Party kommt man nach Hause, und dann hab ich am Vormittag gleich wieder Frühstück für This Will Destroy You gemacht. Hotels können wir uns ja nicht leisten, also wohnen die Bands bei uns. Meistens bei Steffi, in ihrer Mädels-WG – da waren gestern sieben Musiker. Die sind immer ganz begeistert, weil sie so umsorgt werden. Diesmal waren’s noch mal 7 weitere Leute, die wir bei Bekannten untergebracht haben. Und wir müssen ja zum Beispiel auch für über 20 Leute kochen, jeden Abend.

Zwischendrin schwingt die Tür auf, jemand stellt ein Fahrrad ab, 10 Minuten später kommt Mitorganisatorin Steffi vorbei, und schließt eben jenes ab, und erinnert daran, heute Abend noch rechtzeitig die Betten für Caspian zu machen seien.

…ihr seid ja ein Verein, nicht gewinnorientiert, oder? Klappt das alles so rein mit Freunden und Ehrenamtlichen?

Jein… also wir sind ein Verein, aber wenn was überbleibt, ist das auch kein Problem, das muss jetzt nicht sofort weg. Aber das ist eh nicht viel, wenn. Und ja, auf jeden Fall, das ist halt locker, mit den Freunden, wir kennen uns alle persönlich, und die machen das alle freiwillig. Das ist schon angenehm und entspannt. Manchmal ist’s aber auch schwierig, und zu viel Arbeit – Zwei aus dem Verein wollen jetzt lieber keine Konzerte mehr machen, weil das zu aufwändig ist. Jetzt werd ich probieren, das mit der Steffi weiterzuführen, auch wenn sie nächstes Jahr ins Ausland geht. Mal sehen!

Was ist das beste an so einem Konzert, für was lohnt sich’s?

Naja, das ist dann schon toll: Wenn viele Leute kommen. Man will die Bands ja auch unterstützen, und sie ein bisschen bekannter machen. Manchmal bin ich auch erstaunt, wie gut das in Innsbruck klappt. Ein Gedanke ist ja auch, die Musik hierher zu holen. Man will ja nicht immer nach München… – Oder bei EF gab’s dann z.B. auch noch eine Geschichte, DJ Ego, der hier gestern aufgelegt hat, legt auch im Innkeller hier in der Stadt auf, und hat den dortigen Besitzer mit zum Konzert genommen, der hört auch Post-Rock – und soll angeblich auf dem Konzert gestanden und geweint haben. (lacht) – Ein bisschen schade ist vielleicht, dass man von den Auftritten nicht so viel mitbekommt. Aber dafür lernt man die Bands ja anders kennen, beim Frühstück zum Beispiel. Das ist schon was anderes. Und nachher werd ich einfach versuchen, die Kasse so zu stellen, dass ich sogar das Caspian-Konzert sehen kann.


Danke an Hannes für das Interview, und an das ganze Festival-Team für die nette Aufnahme!

Titelfoto: Hugo Alfredsson.

Los Gurkos | PMK | A Sunday Smile-Festival

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