Vom Kontrolleur zur Kontrolle

von Mario

/ Gedankliche Annäherung an: Being John Malkovich

Der Mensch ist ein soziales Individuum. Einerseits kennt nur der Einzelne, als Individuum, seine Gedanken und sein Denken, andererseits kommunizieren diese Individuen beständig miteinander und versuchen einander durch die Kommunikation von Ideen ein schwaches Abbild des Gedachten zu vermitteln oder es dem Gegenüber durch abstrahierende Beobachtung desselben zu entreißen. Menschen lieben dieses Sprech- und Beobachtungsspiel, und auch sich mit wieder Anderen die Spielergebnisse, das Gesagte und Gesprochene, erneut auszutauschen, das Bild zu verfeinern oder zu erweitern. Nicht zum Selbstzweck, denn die fesselnde Kraft der aus dem Mund der sprichwörtlichen Tratschtanten tropfenden (Un-)Informationsfetzen beruht auf dem Urtrieb des Überlebens. Nur wer bestens über seine Umwelt informiert ist kann in ihr überleben, dies galt nicht nur in der raubtierbevölkerten Steinzeit, sondern erst Recht und mit Nachdruck wenn diese von zahlreichen anderen menschlichen Individuen bevölkert ist, die Geschichte liefert mit den Intrigen des römischen Senatoren, den mittelalterlichen Hexenjagden und dem neuzeitlichen Militärputsch genügend Argumente für diese vorsichtige Geisteshaltung.

Und mag diese akute Bedrohung von Leib und Leben als Urgrund dieser Neugier in unseren Tagen und unseren Breiten auch nur noch für Staatsoberhäupter, Dissidenten und Geheimagenten gegeben und deshalb aus dem Bewusstsein verschwunden sein, so gibt es noch genügend sekundäre Gründe gut informiert zu sein. Es geht zwar nicht mehr um Leben oder Tod, vielleicht nur noch um Beziehung oder Trennung, Beförderung oder Rauswurf aber auch diese Weichen im Leben möchte jedes Individuum gerne selbst und zu seinen Gunsten stellen – und der Hebel zu jeder der Weichen ist Information, ihr Beschaffer die menschliche Neugier. Die Weichen jedoch, die Entscheider sind oft genug andere Menschen und Individuen die eigene Interessen verfolgen und deshalb überzeugt oder gezwungen werden müssen. Die kontrolliert werden müssen. Alles ist Information, der Untergrund und Ausgangspunkt unserer Handlungen ist das Wissen über die Welt die den Menschen umgibt, die Weichen auf die wir zusteuern, die Hebel an diesen Weichen, wie auch die Ansatzpunkte für die Hebel an diesen Weichen offenbaren sich im Wissen über andere Menschen. Je mehr Information, desto mehr Kontrolle, desto mehr Sicherheit im eigenen Leben. Die romantische Neugier für die Umwelt wird angesichts der Möglichkeiten der modernen Informationsbeschaffung zum totalen Kontrollzwang.

Auch Filme sind verdichtete Information, kleine Momente, Geschichten, ganze Schicksale werden verdichtet zu einer 90minütigen Stofframpe hin zum Höhepunkt, dem endgültigen Absturz oder Aufstieg des Helden. Den ersten Anstieg dieser Rampe bildet die Exposition, die Vorstellung des Helden, seines Leben und damit des Stoffes. Craig Schwartz ist ein absolut durchschnittlicher Mensch. Er hat ein krudes Hobby, ein von erster Ernüchterung und Distanz geprägtes Verhältnis zu seiner Frau und keinen Job. Er träumt davon mit seinem Hobby, dem Puppenspielen berühmt zu werden und wartet täglich auf den Straßen New Yorks auf die Entdeckung seines zweifellos großen Talents. Lotte, seine Frau, träumt von einem Baby mit Craig, da er aber zu apathisch ist, überkompensiert sie ihr mütterliches Bedürfnis mit einem mittleren Streichelzoo – inklusive Schimpansen – den sie in der Wohnung hält. In dieser Stellung hat das Paar zu Beginn von Being John Malkovich wohl schon einige Zeit verharrt als Lotte Craig dazu bringt sich einen Job zu suchen. Er findet diesen als einfacher aktensortierender Angestellter, in der reichlich abstrusen – im 7 1/2 ten Stockwerk eines Bürogebäudes residierenden – Firma des nicht weniger kruden Dr. Lester.

Während einer Kaffeepause lernt Craig die schöne Maxine kennen und versucht mit ihr zu flirten, aber weil er wie Maxine es ausdrückt ein Loser ist und man ihm das auch ansieht, blitzt er ab. Vorerst, denn mit einem reichlich plumpen ich-rate-deinen-Namen Spiel gelingt es ihm sie doch noch zu einem Date zu überreden, während welchem Maxine allerdings ebenfalls schnell das Interesse an ihm verliert nach dem sie ihn mit ihrer derben Art bloßgestellt hat. Als Craig jedoch eines Tages hinter einem Aktenschrank eine Tür in den Kopf des berühmten Schauspielers John Malkovich findet, ihr davon erzählt und sie ihr vorführt ändert sich das schlagartig. Maxine beschließt Ausflüge in den Kopf von John Malkovich zu verkaufen und macht den Entdecker Craig zu ihrem Partner, der kurze Zeit später Lotte einweiht. Spätestens als sie bemerken, dass man John Malkovich nicht nur besuchen, sondern auch besitzen und kontrollieren kann entspinnt sich zwischen den drei eine komplexe Dreiecksbeziehung. Einem Poker um Information und Kontrolle, um Macht, im Zentrum steht das Begehren Lottes und Craigs für Maxine, Maxine wieder rum ist einerseits fasziniert von der Macht und Kontrolle Craigs über Malkovich andererseits hingezogen zu dessen “weiblicher Seite” – Lotte. Das Kontrollspiel eskaliert als es Craig gelingt Malkovich dauerhaft zu kontrollieren: Der bisher passive Dr. Lester – für den Malkovich eine Art lebensverlängernder Zweitkörper sein sollte – greift ein und leitet das tragische Scheitern des um Kontrolle ringenden Craig ein in dem er ihn dazu bringt Malkovich kurz zu verlassen.

Am Ende gibt es in Being John Malkovich zwei Verlierer, Malkovich selbst, der nun Dr. Lester dient und den fanatischen Craig, der beim Versuch in Malkovichs Kopf zurück zu kehren im Kopf eines jungen Mädchens landet und dort gefangen ist. Allerdings ohne Möglichkeit zur Kontrolle, auf ewig verbannt passiv zu beobachten und Informationen zu sammeln.

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