Die 250-Euro-Revolution

von Flo

Ein seltsames Bild, das sich an dem Februarfreitag auf dem verregnet kalten Stachus bietet. Rote Fahnen flattern über den – nach Gewerkschaftsangaben ca. 1.000 – Köpfen, weiter hinten hat jemand sogar Ernst Thälmann auf das Banner gehievt. Dabei war der doch mit der DDR untergegangen.

Überhaupt war schon einiges untergegangen, was hier, oberflächlich betrachtet, zu leben scheint. Ein Redner mit stark türkischem Zungenschlag kritisiert den auf Aktiengewinne ausgerichteten Kapitalismus, und beschwört eine „politische Bewegung“, die aus „diesen Streiktagen“ hervor gehen soll. Allein, es ist keine aufgebrachte Menge junger Menschen, die hier steht, sondern 40-jährige, Familienväter, Prä-Rentner, Migranten. Die in kleinen Kreisen stehen und Zigaretten rauchen, in gebrochenem Deutsch oder grantelndem Bayerisch missmutige Sätze austauschen. Und so energisch, oder: lethargisch wirken, wie es eine knappe Tausendschaft Männer mittleren Alters an einem regnerischen Vormittag gegen 11 Uhr eben tut. Die politische Bewegung hat übrigens eine Geburtsstunde: Auf einer Großkundgebung in Frankfurt im März. Ver.di stellt Gratisbusse. Listen liegen aus.

An diesem Freitagvormittag streiken die Münchener Nahverkehrsbediensteten. Vorne, wo sonst die Trams fahren, quälen sich permanent die Ersatzbusse der privaten Busgesellschaften vorbei. Die Streikenden sind, das merkt man als schreibblockbewaffnet nur mäßig getarnter journalistischer Praktikant auf Stimmenfang recht schnell, der vormittäglichen Lethargie zum Trotz ernsthaft kampfbereit. Der Ungerechtigkeit wegen. Und insofern hat der Münchener Gewerkschaftsortsressortchef Birner schon recht, wenn er vom Podium sagt, es „brodele“. Und vor der Bühne: Von 1,7% mehr Lohn in den letzten 10 Jahren, von Azubis, die Samstags am Flughafen Koffer schleppen, von 1.200 Euro netto für 50-jährige mehrfache Familienväter erzählen die Streikenden. Und dass es nun wirklich keine Wahl mehr gebe: Notfalls muss gestreikt werden. Es muss jetzt alles mehr werden. Sonst sei es zum Leben zu wenig. Und der Arbeitgeberschwenk mit der Arbeitszeiterhöhung im Gegenzug nur Hohn: Dafür würden doch wieder welche entlassen.

Revolutionär ist dieses Brodeln freilich nicht. Die politische Bewegung eher Wunschdenken. Die Familienväter und Fastrentner, die Immigrantenbusfahrer trillern und pfeifen, oft auch laut, sie schwenken Fahnen – aber nicht, wenn vom Systemfehler die Rede ist, oder auch nur vom Reformbedarf, sondern wenn die magische Formel „…9,5%, mindestens aber 250 Euro…“ fällt. Es handelt sich um eine 9,5%-Revolution, sozusagen. 250 Euro reichen, um die Menschen auf die Straße zu bringen. Sie würden auch reichen, um sie wieder in ihre Polstermöbel zu treiben. Wenn das derzeitige Gesellschaftssystem einmal kollabieren sollte, dann weil ihm sein eigener Fortbestand keine 250 Euro wert war.

Im Sessel.

Berührt es noch seltsam, dass der ganze politische Elan und Hunger einer Berufsgruppe auf einem benennbaren Eurobetrag fußt – so hat man doch Verständnis. Ein Arbeitstag ist lang, die Mäuler hungrig, die Perspektive anderswo,  oder ja überhaupt schon verstrichen. Leben platzt Träume. Dann immerhin mag man sich all die Plackerei nicht mit dutzendfach gedrehten Cent-Beträgen bezahlen lassen. Auch wenn es deprimiert, dass es hier nicht mehr viel mehr zu erwarten gibt. Das Bild, das sich halbe Tage später, Bierabend mit unbekannten Freundesfreunden, weiter im Münchner Nordosten bietet ist tief-schürfend erschütternder. Weil es nirgendwo mehr zu erwarten gibt, wenn der Schein nicht trügt.

Denn hier, Arme im warmen Licht auf den Tisch gestützt, sitzt nun ein junger Mann, gerade ausstudiert, und erzählt, in seinem Metier könne man entweder in die Organisationen, und für die Leute arbeiten, oder man pauke die Entlassungen der Konjunkturopfer durch, und derer die die Bilanz belasten – das wäre nun schon hart, das müsse man zugeben. Kein schöner Job. Die dunkle Seite der Macht, sozusagen, schmunzeln. Aber nach so vielen verlorenen Studienjahren, in denen andere längst verdienten… Und man wolle ja auch ein schönes Auto fahren.

Es geht hier, keine Frage, um mehr Unterschied als 250 Euro, aber keine die wichtig wären, und ich denke nur, statt zu sprechen: Eine ganze gesellschaftliche, tiefenpsychologische Indoktrinierung spricht hier. Wenn Jahre, in denen man nicht ungehemmt konsumiert, verlorene Jahre waren (auch wenn sie voll von freier Zeit und freien Gedanken waren), und das Auto, das man drei Jahre, billiggeleast, von hier nach dort kutschiert, mehr wert ist, als der Sinn, den man seinem Leben für lange gibt. Den Unterschied den man macht. In einer rationalen Entscheidung.

Da zerbröseln die tönernen Füße der (fiktiven) „politischen Bewegung“ mit fiesem Knirschen in kleine stumpfe Scherben. Dass die (De-)Radikalisierung eines Feierabends 250 Euro kostet – das lässt einen verwundert, gleichwohl verständnisvoll. Dass das Leben eines im Denken geschulten Menschen, der obendrein frei in seiner Wahl ist, ein iphone und einen Audi kostet – das lässt die gesamte Misere einer Gesellschaft hereinbrechen. Man kann doch jede systematische Verunschönerung der Welt realisieren, solange es für die Erfüllungsgehilfen genügend Audis zur Kompensation gibt.

Es heißt, hie und da, bei den Philosophen, der Mensch finde seine Bestimmung in der politischen Selbstbestimmung. Das heißt, in der Umsetzung eines selbstgewählten Willens. Der Grund, dass politische Selbstbestimmung nicht zu klappen scheint könnte so banal wie schmerzlich: Unser Wille ist: Noch mehr Zeug. Immer noch mehr Zeug. Dafür, für nichts anderes gibt man seine Studienjahre. Ganz rational. Dein Wille komme: Noch mehr Zeug, oder die Hoffnung darauf, die kriegen wir. Das Volk hat seinen Willen.

Ob man diesen Willen selbstgewählt nennen könnte – das ist eine Frage, zu deren Antwort man wohl Soziologen, Philosophen und Biologen ebensogut wie Werbefachleute befragen müsste.

Foto: (Stockholm, Slussenindustrie.) Flo

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