Humboldt lebt!

von Christoph

Ein Gastbeitrag von Andrea Doser

Nicht schon wieder wird sich manch einer denken. Das Thema ist langsam aber sicher genauso durchgekaut, wieder ausgespuckt und noch mal durchgekaut wie Studiengebühren. Ich möchte trotzdem oder deshalb einmal versuchen, einen nicht (allzu) emotional aufgeladenen und hoffentlich konstruktiven Beitrag zu dieser Diskussion zu leisten.

Während von den einen der Verfall des humboldtschen Bildungsideals und damit der Untergang der deutschen Universitäten prophezeit wird und die anderen von größerer Mobilität, weniger Studienabbrechern und jüngeren Berufseinsteigern träumen, stellt sich langsam aber sicher heraus, dass wohl beides nicht der Fall sein wird.
Wenn man diese sehr emotional geführte Debatte mal vom Standpunkt der Betroffenen aus betrachtet, nämlich der BA-Studierenden, ergibt sich folgendes Bild: Die Einführung der neuen Abschlüsse scheint viel zu schnell und zu wenig vorbereitet vor sich gegangen zu sein. Es fehlt an eindeutig Zuständigen, die sich auch zuständig fühlen, und an Informationen nicht nur für die Studierenden, sondern auch für die Dozenten. Während erstere gezwungen sind sich zu informieren, wenn sie ihr Studium abschließen wollen, können letztere einfach weiter machen wie bisher und den Studenten die Sorge überlassen, wie sie an ihre ECTS-Punkte kommen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen der Umstellung auf die neuen Abschlüsse ist die ausführliche Information der Dozenten und vor allem auch deren Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Zugegeben: Vieles funktioniert und es gibt einige wirklich engagierte Fachstudienberater, aber ein gewisser Frust bleibt, wenn man mit einer Frage von einem zum nächsten geschickt wird und am Ende wieder am Anfang ist.

Eines sollte eigentlich allen die sich an dieser Diskussion beteiligen klar sein: Die Abschlüsse sind jetzt eingeführt und diese Veränderung ist nicht mehr rückgängig zu machen. Aber wir können jetzt das beste daraus machen und die Vorteile des neuen Systems nutzen ohne Humboldt zu „verraten“. Es ist schließlich noch lange nicht zu spät, die Probleme, die jetzt in der Praxis entstehen zu beseitigen und Strukturen, die sich nicht bewähren zu verändern.

Zu den oben genannten „Vorteilen“ des neuen Abschlusses:
Von größerer Mobilität kann leider keine Rede sein. Durch die kurze Studiendauer und den Druck, pro Semester eine bestimmte Zahl an Punkten erreichen zu müssen (man muss schließlich nach maximal sieben Semestern fertig sein), wird es schwieriger, wenn auch natürlich nicht unmöglich ein Auslandssemester zu machen. Vielen Studierenden bleibt nur die Option ein Urlaubssemester zu nehmen, was aber auch heißt, dass sie sich keinerlei im Ausland erbrachte Leistungen anerkennen lassen können. Die häufig propagierte Lösung, den Auslandsaufenthalt als festen Bestandteil in das BA-Studium zu integrieren, halte ich für die sinnvollste Alternative, wenn durch Absprachen zwischen den Universitäten sichergestellt ist, dass lückenlos weiterstudiert werden kann und alles anerkannt wird.

Die Wirtschaft. Seit Jahren wird hier über das zu hohe Alter deutscher Hochschulabsolventen geklagt und nun drängen alle BA-Absolventen in die Masterstudiengänge, weil sie – zu Recht – Bedenken haben ohne Master einen vernünftigen Job zu bekommen. Die Umstellung hat nichts daran geändert, dass es z.B. für Chemiker noch immer unmöglich ist ohne Doktortitel eine angemessene Stelle zu bekommen. Die Universitäten haben ihren Teil getan, jetzt wäre es an den Unternehmen sich mit dem neuen System auseinander zu setzen und entsprechende Arbeitsplätze zu schaffen.

Dass die Einführung der BA-Studiengänge eine geringe Quote an Studienabbrechern zur Folge hat, ist mittlerweile erwiesen und wenn man ehrlich ist auch keine besonders erstaunliche Erkenntnis. Kaum jemand ist so diszipliniert, dass er auch ohne Druck jeden Nachmittag fleißig zu Hause sitzt und lernt. Es hat seine Vorteile, wenn nicht am Ende eine einzige Prüfung über Sinn oder Sinnlosigkeit von fünf oder sechs Jahren Studium entscheidet, auch wenn das Klausuren schreiben während des Semesters zugegebenermaßen nicht gerade Spaß macht. Aber abgesehen davon müssen die meisten Klausuren ohnehin von allen geschrieben werden, der einzige Unterschied ist, dass für BA-Studierende die Note eine Rolle spielt, während es für die anderen „4-gewinnt“ heißt.
Mein größter Wunsch in diesem Zusammenhang ist aber, dass die Dozenten endlich aufhören von einer grundsätzlichen Faulheit der Studierenden auszugehen (was auch definitiv nicht der Realität entspricht) und ihnen auch in den BA-Studiengängen mehr Freiheiten einzuräumen. Wie? Sehr einfach, mit einer großzügigeren Vergabe der ECTS-Punkte könnte man Freiräume für den zusätzlichen, freiwilligen Besuch von Veranstaltungen schaffen. Das System ist im Moment so eng kalkuliert, dass es auch für engagierte Studierende so gut wie nicht möglich ist in Vorlesungen usw. zu gehen, die ihnen „nichts (=keine Punkte) bringen“. Da klingt es fast zynisch, wenn in einem Modulhandbuch zu lesen ist, dass empfohlen wird zusätzlich weitere Seminare und Vorlesungen zu besuchen.
Man würde so interessierten Studenten ein relativ selbstbestimmtes Studium ermöglichen und denen sich dann auf Minimalniveau durchmogeln…? Na und? Abgesehen davon, dass zukünftige Arbeitgeber am BA-Zeugnis, dass (so der aktuelle Stand) die Studieninhalte auflisten wird, sehen, wer engagiert studiert hat und wer auf Sparflamme, gibt es diese Menschen auch in den traditionellen Studiengängen (und später im Berufsleben sowieso).

Ja, ich fühle mich manchmal schon ein bisschen wie ein Versuchskaninchen, aber ich sehe die jetzige Situation auch als Chance etwas zu verändern und diesen Umstellungsprozess positiv und produktiv (mit) zu gestalten, wenn wir die Gelegenheit nutzen, die Vorteile beider Studiengänge bzw. -abschlüsse, Magister/Diplom und Bachelor, miteinander zu verbinden.

Vielen Dank an unsere Gastautorin – wer auch selbst etwas schreiben will, kann sich gerne bei uns melden!

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